Adieu, liebe Post

Es wird ein tiefer Einschnitt sein. Für alle Bürger. Jeder weiß, wie es ist, wenn der Briefträger einen lang ersehnten Brief bringt. Fast jeder hat schon mit Herzklopfen eine Bewerbung in den Briefkasten geworfen. Jeder kennt die Ungeduld, die ihn in der Schlange vor dem Schalter erfasst.

Die Deutsche Post gehört wie nur wenige Dinge zum Alltag der Deutschen. Kaum ein Unternehmen ist so präsent, kaum eines erscheint so selbstverständlich. Wie die Deutsche Bahn ist die Post seit Urzeiten da. Überall. Immer gut für Beschwerden. Aber eben »die Post«.

Aus. Vorbei. Schon bald wird es die Post nicht mehr geben. Am 1.

Januar 2008 soll das Briefmonopol der Deutschen Post endgültig fallen.

Dann wird der Wettbewerb in diesem Wirtschaftsbereich vollends Einzug halten. Ein Jahr früher als in vielen anderen europäischen Ländern.

Vom kommenden Jahr an sollen auch die Konkurrenten der Post Briefe bis zu 50 Gramm transportieren dürfen. Damit würde jene Hälfte des zehn Milliarden Euro großen deutschen Briefmarkts geöffnet, die dem Wettbewerb bisher noch verschlossen war.

Dies ist ein tiefer Einschnitt für die Deutsche Post. Der Konzern, der weltweit eine halbe Million Menschen beschäftigt, hat 2006 etwa die Hälfte seines Jahresgewinns von 3,9 Milliarden Euro im Briefgeschäft erzielt und das, obwohl es nur etwa 20 Prozent zum Umsatz beiträgt.

2008 werden Privatkunden ihre Briefe neuen Anbietern anvertrauen können. Aber sie werden sich auch über mehr Werbung und weniger Service ärgern und womöglich sogar über höhere Briefporti. Wie es derzeit aussieht, werden vor allem Geschäftskunden und die neuen Konkurrenten der Post von der neuen Wirtschaftsfreiheit profitieren.

Der normale Bürger dürfte eher zu den Verlierern der Liberalisierung zählen.

Mit dem Fall des Briefmonopols soll hierzulande der Prozess zum Abschluss kommen, den die EU vor Jahren in Gang gesetzt hat. Große Teile des 88 Milliarden Euro schweren EU-Postmarkts sind heute bereits liberalisiert. Bei Paketen und großen Briefen herrscht längst Wettbewerb.

Wenn das Monopol fällt, wird es einige neuartige Angebote geben und sinkende Preise für zahlreiche Postdienste. Als Indiz einer solchen Entwicklung gilt, dass die Deutsche Post dort, wo es schon Wettbewerb gibt und Konkurrenten auf Marktanteile von 20 bis 30 Prozent kommen, ihr Porto 2006 bis zu 40 Prozent gesenkt hat, zum Beispiel im Paketmarkt oder bei den Postzustellungsaufträgen (PZA) der Behörden.

Mehr als 70 Millionen Briefe stellt die Post derzeit am Tag zu. Es waren mal erheblich mehr. Während die Deutsche Post mit Blick auf den schleichenden Tod des klassischen Briefs von einem insgesamt schrumpfenden Markt ausgeht, halten Konkurrenten und Experten das Gegenteil für möglich: dass der Umsatz trotz E-Mail, SMS und Fax wächst. Sinkende Preise könnten dazu führen, dass die Zahl der Info-, Werbe- und Mediensendungen (wie Zeitschriften und Kataloge) zunimmt.

Der Mengeneffekt könnte den Preiseffekt sogar mehr als ausgleichen.

Andere Länder, andere Briefsitten. In Deutschland gibt es im Durchschnitt 263 Briefsendungen pro Kopf und Jahr, in Frankreich sind es 295. Das bereits liberalisierte Großbritannien bringt es auf 361, Spitzenreiter Schweden gar auf 503 Briefe pro Kopf. Professor Jörn Kruse von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg kam 2005 in einer Studie vor allem aus dieser Perspektive zu dem Schluss, dass am volkswirtschaftlichen Nutzen eines freien Briefmarkts »kein Zweifel« bestehe. Profitieren werden allerdings vorrangig Geschäftskunden. Sie sorgen aufgrund ihrer hohen Sendungsvolumina für rund 85 Prozent des gesamten Briefaufkommens. Und sie sind denn auch in aller Regel gemeint, wenn bei der Post von »Kunden« gesprochen wird.

Denn so wichtig sich der Endverbraucher möglicherweise selbst nimmt, sosehr ihn jede Filiale, die geschlossen wird, ärgert, so berechtigt ihm seine althergebrachten Ansprüche scheinen in der Kalkulation der Deutschen Post wie ihrer Wettbewerber spielt der Privatkunde nicht die Hauptrolle. Zu unbedeutend ist das Geschäft, das sich mit ihm machen lässt.

Kunde bei der Post ist immer der Absender. Ein Mittelständler mit 10000 Briefen pro Monat oder der Konzern mit 25000 Briefen am Tag zählt natürlich daher erheblich mehr als die Großmutter, die einmal im Jahr ihrem Enkel schreibt. Gerade einmal 4,40 Euro gibt ein deutscher Haushalt im Durchschnitt pro Monat für Briefe und Pakete aus Tendenz fallend.

»Der Privatkunde steht bei dieser Liberalisierung noch außen vor«, schrieben 2006 die Unternehmensberater Putz

& - Partner. Er spiele »vor allem als passiver Empfänger« eine Rolle. Irgendjemand soll die Werbung, die der Postbote bringt, ja lesen. Denkbar ist, dass von 2008 an Briefkästen durch immer neue Sendungen verstopft werden. An vielen Wohnungen werden mehrfach am Tag Briefträger klingeln, denn nicht jede Zustellfirma wird so selbstverständlich wie die Deutsche Post einen Hausschlüssel bekommen. Die Briefträger der diversen Anbieter werden zu verschiedenen Tageszeiten kommen. All das wird wahrscheinlich dazu führen, dass viele Bürger die Liberalisierung des Briefmarkts eher als ein lästiges Ärgernis wahrnehmen denn als Bereicherung.

Nicht einmal ausgemacht ist, dass der Otto Normalversender von niedrigeren Portopreisen profitiert. » Es ist gut möglich, dass der Endverbraucher die Rechnung zahlen muss«, sagt TNT-Post-Chef Mario Frusch. Der Logistikexperte und Unternehmensberater Horst Manner-Romberg wagt die Prognose: »Die Porti für Briefe von Privatkunden werden steigen.« Ein Privathaushalt werde 2010 rund 50 Prozent mehr für sein Postaufkommen zahlen als heute, schätzt er.

Andere Experten glauben allerdings, dass die neuen Post-Firmen aus Imagegründen auf Preiserhöhungen verzichten werden doch sinken aber dürfte das Porto wohl kaum.

Auch der Service dürfte leiden. Denn eng verknüpft mit dem Briefmonopol, der im Jargon des Postgesetzes »Exklusivlizenz« genannt wird, ist der sogenannte Universaldienst: Für die Dauer ihrer Exklusivlizenz hat der Gesetzgeber die Deutsche Post verpflichtet, die flächendeckende Grundversorgung mit postalischen Dienstleistungen zu sichern.

Endet 2008 die Exklusivlizenz, entfällt auch die Verpflichtung auf den Universaldienst. Weil aber klar ist, dass es einen solchen auch künftig geben muss, beginnt gerade eine Diskussion über dessen Umfang.

»Der Universaldienst muss deutlich verschlankt werden«, fordert die Deutsche Post und weiß sich darin sogar einig mit Wettbewerbern und vielen Experten.

Bleiben wird die Mindestzahl von 12000 Filialen und 108000 Briefkästen. Die Experten der Post, der Bundesnetzagentur und externe Fachleute halten es übereinstimmend für sinnvoll, den Universaldienst künftig auf Privatkunden zu beschränken. Denkbar ist auch, dass Dienste wie Nachnahme oder versicherbare Wertsendungen bald nur noch in großen Filialen angeboten werden. » Natürlich sollen die Kunden dies weiter nachfragen können. So selten, wie das der Fall ist, muss das aber nicht in 12000 Filialen sein«, sagt Walter Maschke, der bei der Deutschen Post für Regulierungsfragen zuständig ist. Welche Sprengkraft solche Ideen haben, musste Post-Chef Klaus Zumwinkel vergangene Woche erfahren. Mit Gedankenspielen im Beisein von Journalisten provozierte er Berichte, die Post prüfe die Einstellung des Samstagsdienstes und die Beschränkung auf die von der EU vorgeschriebenen fünf Tage. Eine Stunde lang war die Agenturmeldung in der Welt, da folgte das Dementi des Bonner Konzerns. Mag die börsennotierte Post seit 2005 mehrheitlich in Privatbesitz sein ihr Service bleibt von öffentlicher Brisanz.

Die Bürger wissen wenig von dem, was auf sie zukommt. Das liegt daran, dass der Wettbewerb sie bisher kaum erreicht hat. Zwar hat die Bundesnetzagentur mehr als 2200 Lizenzen erteilt, und rund 750 Unternehmen sind auf dem deutschen Briefmarkt aktiv, doch alle zusammen kamen 2006 nach Sendungsaufkommen nur auf einen Marktanteil von 9,3 Prozent. Ihren Umsatz von rund einer Milliarde Euro erwirtschafteten sie in Nischen, mit Postzustellungsaufträgen, der Vorsortierung von Briefen größerer Absender und mit »höherwertigen Dienstleistungen«, die über das gesetzliche Minimum hinausgehen wie die Abholung beim Kunden oder die taggleiche Zustellung. In solchen Fällen dürfen Lizenznehmer bereits Briefe unter 50 Gramm transportieren.

Nur zwei Wettbewerber wollen bundesweit gegen die Deutsche Post antreten: TNT Post, eine Tochter der niederländischen Post und des deutschen Versands Hermes, und die PIN Group, zu deren Eignern die Verlage Axel Springer, WAZ und die Verlagsgruppe Holtzbrinck (in der auch die ZEIT erscheint) gehören. Die orange und grün gekleideten Zusteller sind den meisten Bürgern in den vergangenen Monaten aufgefallen.

TNT Post und PIN Group beanspruchen für sich, schon jetzt rund 90 Prozent aller deutschen Haushalte beliefern zu können. Beide haben 2006 etwa 200 Millionen Euro Umsatz erzielt. Beide streben zehn Prozent Marktanteil an: TNT Post binnen fünf Jahren, PIN Group schon für 2009. Beide Post-Konkurrenten beschäftigen schon heute mehrere Tausend Mitarbeiter und konzentrieren sich auf Geschäftskunden. TNT Post stellt die Handyrechnungen von E-Plus zu, PIN Group die von Vodafone.

Beide Anbieter sind offen für Privatkunden, wenn auch mit unterschiedlicher Verve. PIN Group will schon 2007 flächendeckend Filialen etablieren und längerfristig 30000 bis 40000 Briefkästen aufstellen. TNT Post hält sich mindestens bis Anfang 2008 zurück.

»Auch wir wollen uns dem Endverbraucher zuwenden«, sagt Mario Frusch, Deutschland-Chef von TNT Post. » Aber alles zu seiner Zeit.« Nach den Großkunden kümmere man sich erst einmal um mittelständische Kunden.

Parallel arbeite man gemeinsam mit Hermes daran, die rund 13000 Paketshops des Versands auszubauen. » Wir werden Briefannahmestellen brauchen«, sagt Frusch.

TNT Post gilt unter Beobachtern als der härteste Konkurrent der Deutschen Post. » Die wissen im Zweifel, wie es geht«, sagt Markus Hesse, Analyst bei Sal. Oppenheim, mit Blick auf die Erfahrung der Niederländer. Branchenkenner räumen neben der Deutschen Post, TNT Post und PIN Group maximal noch ein oder zwei Anbietern die Chance ein, sich auf dem Markt zu etablieren. » Sie brauchen in diesem Geschäft extrem viele Sendungen, damit sich die Investitionen, die nötig sind, rechnen«, sagt Analyst Hesse.

Die Post-Konkurrenten beklagen, dass der Monopolist keine Mehrwertsteuer aufschlagen muss. Diesen Vorteil hat man der Post gewährt, um die Belastung durch die flächendeckende Versorgung auszugleichen. Aber wie lange bleibt das Privileg bestehen? Folgt man der Post, wird das noch dauern. » Die Einführung der Mehrwertsteuer im Briefmarkt muss im europäischen Gleichklang erfolgen und auf EU-Ebene separat verhandelt werden«, sagt ihr Regulierungsexperte Maschke. In Brüssel hat Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy im Oktober deutlich gemacht, dass die EU auf dem Zieldatum 1. Januar 2009 beharrt. Vor allem Frankreich und Italien wehren sich aber immer noch gegen die Öffnung ihrer Briefmärkte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die derzeit die EU-Ratspräsidentschaft führt, hat für den Fall, dass Deutschland 2008 vorangeht, andere aber nicht bis 2009 folgen, von einem »nicht zu verkraftenden Wettbewerbsnachteil« für die Deutsche Post gesprochen. Damit näherte sie sich Post-Chef Zumwinkel an, der maximal ein oder zwei Jahre vorangehen will. Andernfalls müsse das deutsche Monopol verlängert werden.

Merkels Erfolgsaussichten sind gut. Die EU will Subventionen als Mittel zur Sicherung des nationalen Universaldienstes zulassen. » Mit dieser Möglichkeit dürfte die Front der Franzosen bröckeln«, sagt Experte Manner-Romberg. » Die Franzosen werden einknicken, spätestens nach der Präsidentschaftswahl«, glaubt auch PIN Group-Chef Günter Thiel. Die aktuelle EU-Richtlinie gilt bis Ende 2008. Es sind also die Gegner einer Liberalisierung, die eine Mehrheit organisieren müssen, um eine Verschiebung durchzusetzen. Andernfalls kommt unweigerlich der Wettbewerb.

Branchenkenner erwarten, dass sich die Deutsche Post dabei gut behaupten wird. Um die Abhängigkeit vom deutschen Briefgeschäft zu reduzieren, hat sich der Konzern zum weltweit größten Logistikkonzern gewandelt. Im Briefgeschäft hat die Post den Auslandsanteil auf 20 Prozent ausgebaut. » Sie wird in der europäischen Konsolidierung einer der größten Akteure sein«, sagt Analyst Hesse. » In Deutschland wird sie auf Jahre der beherrschende Anbieter bleiben«, sagt Unternehmensberater Manner-Romberg. Er traut der Post langfristig einen Marktanteil von 70 bis 80 Prozent zu.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.23
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