RAF Dämonisierung des Terrors
Die Taten der RAF waren von sinnloser Brutalität. Doch wer sie bloß als Ausdruck einer »Lust an Gewalt« betrachtet, der verfehlt das Phänomen des Terrorismus und leistet seiner Entpolitisierung Vorschub. Eine Antwort auf Jan Philipp Reemtsma.
Angeregt durch die Lektüre von Dostojewskijs Dämonen und die Beschäftigung mit dem russischen Anarchismus, vielleicht auch unter dem Eindruck seiner persönlichen Lebenserfahrung, vertritt Jan Philipp Reemtsma die These, der Terrorismus generell, aber auch der der RAF sei vornehmlich von »Größenwahn, Machtgier und Lust an der Gewalt« geprägt (ZEIT Nr. 11/07). Es besteht kein Zweifel: Die Taten der RAF waren sinnlose Brutalität, durch nichts zu rechtfertigen. Reemtsmas These liest sich interessant, bietet aber nur ein einziges, aus der Literatur abgeleitetes Erklärungsmuster. Es verstellt ihm einen differenzierten Blick auf das Phänomen Terrorismus.
Dass Größenwahn, Machtgier und auch »Lust an der Gewalttat« eine Rolle spielen und nicht ausgeklammert werden können, ist unbestritten. Die Ausschließlichkeit einer solchen Zuschreibung wird der Komplexität des Gegenstandes aber nicht gerecht. Die Terrorismusforscherin Gisela Diewald-Kerkmann weist mit Recht darauf hin. Der Terrorismus kann nicht auf psychologische Dispositionen reduziert werden. Damit würde – wie bereits in den siebziger Jahren – lediglich einer Dämonisierung der Täterinnen und Täter Vorschub geleistet. Reemtsma konstruiert einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und terroristischen Aktionen. Er erklärt die Wege in die Illegalität ausschließlich als Folgen von pathologischer Aggressivität und »Lust an Gewalt«. Ein solcher Ansatz entpolitisiert und enthistorisiert die RAF und vernachlässigt die Tatsache, dass die Terrorismusforschung wesentlich weiter ist.
Radikale Massenbewegungen sind der Nährboden für Terrorismus
Bereits 1978 hatte ich in Ausführung eines Beschlusses der Innenministerkonferenz eine Reihe sozialwissenschaftlicher Studien in Auftrag gegeben, die in 5 Bänden (Westdeutscher Verlag) zusammengefasst wurden. Der im November 2006 von Wolfgang Kraushaar im Auftrag des Hamburger Institutes für Sozialforschung herausgegebene Doppelband Die RAF und der linke Terrorismus enthält zahlreiche Beiträge, die den aktuellen Forschungsstand reflektieren. Diese Untersuchungen stützen Reemtsmas These, mit der er terroristische Gewalttaten aus dem zeitgeschichtlichen Kontext zu lösen versucht, nicht. Zu Recht konstatiert der Soziologe Peter Waldmann 1998, dass terroristische Gruppen in der Regel nicht isoliert auftreten, sondern im Kontext breiterer Protestbewegungen. Der Jurist Joachim Wagner hat bereits 1981 in seiner Studie Politischer Terrorismus und Strafrecht im Deutschen Kaiserreich von 1871 darauf hingewiesen, dass sich Terrorismus in der Regel am Rande von radikalen Massenbewegungen bildet. Diese jedoch entstehen nur, wenn bestimmte politische Forderungen einer Bevölkerungsgruppe über längere Zeit unerfüllt bleiben. Insoweit sei es für die präventive Verhinderung von Terrorismus wichtig, das Radikalisierungspotenzial in einer Massenbewegung abzubauen.
Die RAF ist – wie Kraushaar sagt – ein »radikalisiertes Verfallsprodukt der linken Protestbewegung«. Diese ist zwar ohne RAF vorstellbar, die RAF aber nicht ohne das politische Umfeld der damaligen Zeit. Es ist zu fragen, ob die RAF nicht auch Merkmale eines typisch deutschen Phänomens aufweist. Karl-Hermann Flach sprach in diesem Zusammenhang von »der deutschen Flucht in die Utopie«. Das von Stefan Aust bei einigen Tätern konstatierte »religiöse Sendungsbewusstsein« verband sich mit menschenfeindlichem moralischem Rigorismus.
Ausgeklammert wird bei Reemtsma der Prozesscharakter in der Entstehungsgeschichte terroristischer Gruppen. Es reichen eben nicht nur Milieu, Gruppenbildung oder Abgrenzung aus – wie er schreibt –, sondern entscheidend sind die Aktionen und Reaktionen der Beteiligten, das gesellschaftliche Klima, das Wechselverhältnis zwischen terroristischen Gruppierungen, staatlichen Instanzen und Öffentlichkeit, wobei diese Prozesse in den siebziger Jahren – hier zwischen RAF, Staat, Politik und Medien – eine gefährliche Eigendynamik entwickelten.
- Datum 14.03.2007 - 06:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
- Kommentare 27
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reemtsma beschreibt die raf in sozialpschologischen kategorien. das hilft nicht weiter. größenwahn und machtgier finden sich in so manchem kaninchenzüchterverein, ohne daß man die belgischen riesen auf seine mitmenschen hetzt. nimmt man jetzt noch die schneider´sche eitelkeit hinzu landet man sehr schnell in der politik. hilft aber auch nicht weiter.
gruppenprozesse entwickeln sich nicht im luftleeren raum, die meisten psychisch deformierten verprügeln eher frau und kinder, oder greifen zum valium statt zur kalaschnikoff.
wenn also terrorismus schon sozialpschologisch gefaßt werden soll, dann muß auch die frage erörtert werden, warum er nicht häufiger auftritt. die umkehrung einer frage von 'warum' zu 'warum nicht' ist doch zumindest in den sozialwissenschaften ein erprobtes mittel, sich einem sachverhalt zu nähern.
mit einem 'satan ex machina' wird kein erklärungsbedarf gedeckt.
da ist baum wenigstens im ansatz doch etwas weiter, wenn auch kein baum der erkenntnis. staat, politik und medien werden immerhin als mitakteure genannt, die rolle der justiz allerdings nicht eigens kommentiert. einen ersten eindruck von dieser justiz erhält, wer im ZEIT-archiv nach Nettelbeck sucht.
daß baum nicht weiter aus dem nähkästchen plaudert darf ihm realistischerweise niemand verübeln, immerhin gibt er hinweise, wo - unter anderem - zu forschen wäre, um die 'komplexe situation' zu enträtseln.
und in einem hat baum uneingeschränkt recht:
'Wieder werden Täter und Opfer politisch instrumentalisiert. Wieder werden im Namen der Terrorismusbekämpfung Ausnahmegesetze geschaffen, die die Freiheit der Bürger
einschränken.'
ödipussy seid angesichts des pathologischen hasses, den ihr aus jeder pore verströmt (schon mal was von deos gehört?) definitiv ein fall für einen guten therapeuten.
du klingst so, als stammtest aus genau dem BLÖDzeitungsverseuchten sumpf, aus dem heraus gerade anonyme drohbriefe an herrn baum geschickt werden.
vor allem aber klingst du so, als hättet ihr es nicht einmal auf die bäume geschafft.
geschweige denn wieder runter.
probier's mal zellteilung - vielleicht bleibt dann ja genug für ein paar gehirnzellen übrig.
und was die geschichte und ihr urteil betrifft: die dinosaurier sind ausgestorben.
es besteht also hoffnung, daß du und deine (stammtisch-) brüder im nächsten jahrhundert nur noch in ein paar gut sortierten zoos zu besichtigen seid.
hoffentlich ausgestopft, damit unseren enkeln wenigstens das gewäsch erspart bleibt.
auch wenn ich denke, daß herr reentsma und sie aneinander vorbei argumentieren [er betrachtet eine ameise, sie reflektieren den ameisenhaufen], habe ich in ihrem beitrag etwas gefunden, was mir in der ganzen diskussion bislang fehlte:
die einsicht der damals politisch und medial handelnden, daß sie eine spirale beförderten, die einzudämmen ihre eigentliche aufgabe gewesen wäre. danke dafür und vor allem danke für ihren einsatz in sachen christian klar.
es ist beruhigend zu wissen, daß in der fdp das liberale denken noch nicht ganz ausgestorben ist.
schön, daß du auf eine entweder/oder frage 'saublöd' mit JA! antworten kannst.
ich war damals auch schon links und bin es heute immer noch, aber als ich mir heute überlegte, wie ich damals über herrn baum dachte, fiel mir auf, daß ich ihn gar nicht zu den 'charaktermasken' zählte. [im gegensatz zu helmut schmidt, mit dem ich meinen frieden erst machen konnte, als ich ihn in der breloer-doku den tränen nahe sah und erst recht,als er fräulein maischberger die frage beantwortete, wofür er seine ersten DMs ausgabe].
im grunde bin ich im nachhinein froh, daß herr baum damals innenminister war und nicht die karikatur, die den job heute innehat [nein, der hat bei mir keinen behindertenbonus]. wenn du seinen beitrag wirklich gelesen _hättest_, hättest du verstanden, daß herr baum da gerade - gar nicht mal so verklausuliert - eingestanden hat, daß er sich damals hat mitreissen lassen. sein engagement in sachen christian klar (hast du wahrscheinlich auch nicht mitbekommen, daß er gerade drohbriefe von den acu hier anwesenden stammtisch-'brüdern' bekommt) betrachte ich jedenfalls als geste der abbuße.
und so was nennt sich links. um links zu sein, muss man _denken_ können, und das möglichst undogmatisch. das was du für links hälst ist ein fossil aus dem kalten krieg.
Ich moechte Herrn Baum mit allem Respekt widersprechen.
Herr Reemtsma behauptet ja nicht, dass fuer die Entstehung einer terroristischen Gruppe ein politisches Umfeld, eine politische Bewegung nicht erforderlich sei. Dieses dient den Individuen der Gruppe dann jedoch lediglich als Vorwand, um ihrer Disposition entsprechend auftreten zu koennen.
Ich stuetze meine Behauptung auf eigene Erfahrungen in politischen Gruppen unterschiedlicher Farbe u. a. der Friedensbewegung, Schul- und Betriebsinteressensvertretungen.
Mir war dabei aufgefallen, dass jedesmal unter dem Gewand der angeblichen Selbstlosigkeit (wir 'kaempfen' fuer ein groesseres Ziel) sich immer relativ schnell hierarchische Strukturen mit einigen dominanten 'Meinungsfuehrern' herauskristallisierten, welche ganz offensichtlich in der 'poltischen Arbeit' ihren Egoismus und ihre Eitelkeit befriedigten.
Ich sehe daher in Herrn Reemtsmas Ansatz eher eine Chance, dem Raf-Phaenomen auf den Grund zu kommen, als die Gefahr einer Daemonisierung der Raf-Taeter.
Vielmehr besteht durch die uebertriebene 'Politisierung' der Raf die Gefahr, dass man aus deren Mitgliedern am Ende selbstlose Maertyrer macht, die ihre buergerliche Existenz dem 'hehren' politischem Ziel opferten und Gewalt als Mittel fuer den politischen Kampf in Kauf nahmen.
Das politische Umfeld, die Bewegung waren notwendig, aber austauschbar, nichts anderes behauptet Herr Reemtsma.
Ich kann auch nicht nachvollziehen,dass Reemtsma '... einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und terroristischen Aktionen [konstruiert]' - meines Erachtens charakterisiert er die RAF-Terroristen nicht als gestörte, jedoch als intellektuell eher unbedarfte Menschen. Ob das zutrifft, weiß ich nicht, ich sehe darin allerdings keine Dämonisierung, eher das Gegenteil.
sei nicht so deutsch.
neid und häme stehen dir nicht gut. und gerade herrn reentsma den verkauf von suchtmitteln vorzuwerfen, sich klammheimlich ein bißchen über umverteilung zu amüsieren, heißt, du weisst nicht bescheid und das passt irgendwie nicht zu dem (guten) bild, das ich sonst so von dir habe.
auch wenn ich denke, daß herr reentsma und sie aneinander vorbei argumentieren [er betrachtet eine ameise, sie reflektieren den ameisenhaufen], habe ich in ihrem beitrag etwas gefunden, was mir in der ganzen diskussion bislang fehlte:
die einsicht der damals politisch und medial handelnden, daß sie eine spirale beförderten, die einzudämmen ihre eigentliche aufgabe gewesen wäre. danke dafür und vor allem danke für ihren einsatz in sachen christian klar.
es ist beruhigend zu wissen, daß in der fdp das liberale denken noch nicht ganz ausgestorben ist.
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