Medizinethik Die Reifeprüfung
Schweizer Forscher wollen 20 Jahre lang die psychische Entwicklung von 3000 Kindern verfolgen. Die Pläne stoßen auf erbitterten Widerstand.
Der Psychologe Jürgen Margraf hat sich zurückgezogen. Nachdem sein Projekt Sesam – eine Studie mit 3000 Kindern – in den vergangenen zwei Jahren auf massive Kritik gestoßen ist, lässt er sich in der Öffentlichkeit lieber von Kollegen vertreten. Der großgewachsene Ordinarius für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Basel und Direktor von Sesam hat einsehen müssen, dass sein selbstsicheres Auftreten polarisiert. Das ist in der heiklen Phase, in der sich das Projekt zurzeit befindet, das Letzte, was sich die Initiatoren wünschen. Im Moment beugen sich die Experten der Basler Ethikkommission über die umstrittenen Pläne und entscheiden, ob überhaupt und wie die Untersuchung durchgeführt werden darf.
Es steht viel auf dem Spiel. Die Schweizer Forschungsförderungsinstitutionen haben die Studie als sogenannten nationalen Forschungsschwerpunkt bewilligt und für die ersten vier Jahre mit mehr als zehn Millionen Franken ausgestattet. Der Schweizerische Nationalfonds in Bern befand, dass es sich um ein einzigartiges Vorhaben handle, mit dem mehr über die Ursachen einer gesunden psychischen Entwicklung herauszufinden sei.
Die Zahl der Menschen, die unter Angststörungen und Depressionen leiden, steige rapide, sagt Margraf. Das Projekt solle zeigen, welche psychologischen, sozialen und biologisch-genetischen Faktoren bei der Entstehung dieser Störungen mitwirken. Geplant ist dazu eine zwei Jahrzehnte dauernde Studie mit 3000 Kindern. Sie sollen von der 20. Schwangerschaftswoche an bis zum 20. Lebensjahr regelmäßig untersucht werden. Psychologen, Frauenärzte, Kinderärzte, Genetiker, Psychiater und Soziologen arbeiten in einem vernetzten Team an verschiedenen Kliniken und Instituten an der Ursachenforschung.
Neben den Kindern werden auch Eltern und Großeltern in die Studie einbezogen. Insgesamt, so rechnet Margraf vor, sollen die Daten von 10000 bis 20000 Menschen erfasst und analysiert werden. »Die Schweiz«, so heißt es im Projektantrag, »bietet aufgrund der geringen Mobilität der Wohnbevölkerung und der systematischen pränatalen Diagnostik ideale Voraussetzungen für die Studie.« Als wohlklingenden Namen konstruierten die Initiatoren das Akronym Sesam, es steht für Swiss etiological Study of Adjustment and Mental Health. Dem Basler Pharmagiganten Roche war das Projekt eine Spende von sechs Millionen Franken wert.
Bis jetzt ist das ambitionierte Vorhaben über die Planung jedoch nicht hinausgekommen. »Wir haben die Komplexität völlig unterschätzt«, sagt Margrafs Stellvertreter Alexander Grob. Ein von Rechtsprofessor Rainer Schweizer ausgeführtes Gutachten zeigt, was damit gemeint ist: Auf 56 Seiten listet er akribisch die juristischen Probleme auf, die sich mit der Studie auftun. Viele davon haben mit dem Schweizer Föderalismus zu tun. Er erschwert es, eine nationale Studie in verschiedenen Kantonen durchzuführen. Zudem aber wirft Sesam grundsätzliche Fragen auf, mit denen sich Juristen und Ethiker weltweit herumschlagen: Es geht um die Forschung an nicht einwilligungsfähigen Personen, die Problematik genetischer Untersuchungen und den Datenschutz.
Dürfen Eltern bestimmen, ob ihr Kind zum Versuchskaninchen wird?
- Datum 17.03.2007 - 11:56 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




was für eine monströse idee. eine derartige studie kann methodisch nur erfolgreich sein, wenn sie unter verzicht auf jegliche ethische grundsätze verläuft, sich also in einem totalitärem rahmen bewegt.
vielen wird der name mengele noch etwas sagen.
unter welchen umständen sonst ließe sich denn garantieren, daß die unfreiwilligen probanden 20 jahre zur verfügung stehen? jeder - notwendigerweise unkrontrollierbare - eingriff in das seelenleben dieser jungen menschen führt zu methodologischen problemen, die eine seriöse auswertung der studie zunichte machen.
man muß schon hart an der grenze sein, wenn man meint, man könne menschen wie labormäuse unter permanenter beobachtung halten, unter verzicht jeglichen eingriffs, und das ganze auch noch freiwillig. und nehmen wir einmal an, es fänden sich genug 'freiwillige' probanden - die 20 jahre durchhalten - , was sagt uns das? finden wir dann ein adjustment-gen, das dringend gesuchte gen für anpassung und berechenbarkeit?
sind die abbrecher der studie also renitenter, möglicherweise auch einfach intelligenter? was besagte das für die studie? und wie wirkt sich die erkenntnis, von seinen eltern einem dubiosen forschungsprojekt überantwortet zu werden, auf die eltern-kind-beziehung aus, und inwiefern ergibt sich aus einer solchen - möglichen - beziehungsstörung eine weitere verzerrung der ergebnisse?
genug davon, die schweiz ist voll von menschen, die methodisch versierter sind als ich, die schwachstellen einer solchen studie sind jedem bekannt, und dennoch soll sie stattfinden.
warum?
nun, ein blick auf die geldgeber sollte einen ersten hinweis geben, und daß der wissenschaftsbetrieb seinen eigenen regeln gehorcht - publish or parish - und immer auf der suche nach potenten finanziers ist, das alles ist so neu nun nicht.
ob nun die studie - sollte sie stattfinden - je zur genstruktur des perfekten untertans führt mag man mit recht und guter hoffnung bezweifeln, eine profitable medikation dagegen - warum nicht auch von Roche - dürfte allemal dabei herausspringen.
die geplante Studie sehr gut ! Man könnte den Teilnehmern als Nutzen freie psychotherapeutische oder sonstige Hilfe bei Lebensproblemen, nach dem 20.Lebensjahr anbieten.
Das ist noch früh genug, um im Leben viele Perspektiven zu haben, die man mit zunehmendem Alter, trotz
möglicher Einsichten und Erkenntnisse immer weniger hat.
Bis 20 schaut man eben nur, warum sie wie gestört werden.
Und dann bietet man ihnen Hilfe an, während Nichtstudienteilnehmer vielleicht erst viel später oder gar nicht um Hilfe nachgesucht hätten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren