Musik Pop mit Hybridantrieb
Folklore in der Disko: Wie sich Musik vom Balkan im westlichen Mainstream einrichtet.
In der Schulzeit galt sie noch als Nerd, strebsam und unscheinbar. Das kann man ihr heute nicht mehr nachsagen. Miss Platnum fällt auf, durch Stil und Stilbruch gleichermaßen. Schwarzes Haar, am Ansatz gewaltig auftoupiert, an den Ohren edler Schmuck im Sixties-Stil, dazu Schlabberhosen und Sneakers. Bis dahin sieht das nach cooler Soul-Kleidung aus, der Clou jedoch ist die weiße Kittelschürze. Eine Reminiszenz ans Hausfrauliche, die sie auf offener Bühne trägt.
Pop und Folklore in einträchtigem Widerspruch, das gilt auch für die Musik. Während der Gesang als HipHop durchgehen könnte, schlägt der Drummer einen Marsch, hört man Trompete und Posaune. Ein Akkordeon mischt sich in die gefühlvollen Melodien, die nach Osteuropa klingen, nach Hochzeit und Volkstanz. »I want a Mercedes Benz«, röhrt Miss Platnum dazu, »like all of my friends / I can’t drive my man’s / He says he gets me my own pretty Benz / with the help of my cousins«. Soll heißen: Wenn die Frau nicht den Wagen ihres Mannes fahren darf, muss eben die Verwandtschaft das ersehnte Statussymbol besorgen.
R’n’Balkan nennt Miss Platnum ihren Stil, der internationale Dancefloor-Ästhetik mit Elementen der Herkunftsgeschichte vermischt. Zum Mercedes hat sie es damit noch nicht gebracht, erzählt sie in einem Café in Berlin-Neukölln. Aber dass sie auf dem richtigen Weg ist, daran zweifelt sie nicht. Sie, die im rumänischen Timișoara als Ruth Renner geboren wurde und mit acht Jahren nach Deutschland floh, gehört zu den aufstrebenden Vertretern eines Genres, das sich in den letzten Jahren vom Geheimtipp zum Publikumsmagneten entwickelt hat: Balkan-Pop.
In Frankfurt, Hamburg und Köln, besonders aber in Berlin, wo Ost und West sich seit der Wende vermischen, tanzt man zu der Musik, die rhythmisch, schnell und spaßig ist, nach der Sentimentalität der Roma klingt, manchmal nach Klezmer, manchmal nach Orient. Blaskapellen spielen vor ausverkauftem Haus, DJs mixen die Lieder mit Pop, Punk oder Elektro. Es ist eine Welle, die nach 1989 in den Westen geschwappt ist und seither nicht aufhört zu wachsen. Bei Konzerten und Partys tropft der Schweiß von der Decke, der Wodka fließt, ganz wie das Klischee es will, in Strömen.
Gypsy Grooves, Balkan-Folk, Bucovina-Dub, Jugo-Punk, Karpaten-Ska oder eben R’n’Balkan – der Namen sind viele und der Protagonisten noch mehr. Gemeinsam ist ihnen das Spiel mit den Kraftquellen eines im westlichen Alltag verloren gegangenen Sentiments und die Tatsache, dass die meisten Vertreter einen Migrationshintergrund haben. Oft stammen sie wie Miss Platnum aus Südosteuropa oder den ehemaligen Ostblockstaaten, hinzu kommen ein paar Deutsche mit osteuropäischen Wurzeln sowie Balkan-affine Trendsetter, die das Kulturgut mit ihrem Know-how promoten.
Dass das Authentische etwas gilt auf dem hiesigen Markt, sei ihr erst nach und nach klar geworden, erzählt Ruth Renner mit echtem Berliner Akzent. Sie weiß genau, dass der wilde Osten in Wahrheit nicht ganz so lustig ist, wie manche der Clubgänger in ihrem Amüsierbedürfnis gerne glauben möchten. »Die Roma waren bei uns zu Hause eine diskriminierte Minderheit«, sagt sie, eine Randgruppe, die sich nur mit der Musik über ihr Elend hinwegtrösten konnte. Zurück in ihr Herkunftsland will Ruth Renner auf keinen Fall.
Hören Sie hier
"Mercedes Benz"
von Miss Platnum
- Datum 15.03.2007 - 06:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
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Und wem das Echte, ob nun geremixt oder nicht, nicht reicht oder schon zuviel ist, der kann immer noch Beiruts Gulag Orkestar hoeren. Klingt fast so, eigentlich genauso, ist aber erst 20 und stammt aus Albuquerque und hat das halbe 'Orkestar' im Kinderzimmer eingespielt... Wenn also nicht voraus, so ist man doch zumindest dicht hinterher.
Ich mag die Zeit Musikredaktion.
Habe den Bericht erst jetzt entdeckt und muss unbedingt was dazu sagen: Da schreibt der Eine vom dem Anderen ab und drin steht immer fälschlicher weise der Dj Robert Soko. Der Ausschlag gebende Punkt war der das sich die Balkan Musik zum Rest der Welt gerichtet hat und derjenige der den Mr. Soko dazu gebracht hat war der Musiker Valentino Vallente. Das damalige Radio Multi Kulti organisierte seine Party Konzerte unter dem Motto "BALKANBEATS" für Alle.
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