Buddhismus : Eine Religion ohne Gott

Der Buddhismus kennt weder Himmel noch Hölle. Nicht das ewige Leben verspricht er, sondern Erlösung durch Selbsterkenntnis.

Es mag Zufall sein, dass Deutschlands neuestes buddhistisches Zentrum ausgerechnet am »Luther-Stammort« im thüringischen Möhra entsteht – dort wo Martin Luthers Familie ihre Wurzeln hatte, wenige Kilometer von der Wartburg entfernt, auf der der Reformator einst die Bibel übersetzt hat. Doch einen gewissen Symbolwert hat es schon, wenn just am historischen Ursprung des Protestantismus nun tibetische Gebetsfahnen wehen. Und wenn aus Möhras ehemaligem Waldgasthof der »Karma Schedrub Tschöpel Ling« wird, der »Ort, an dem Buddhas Lehre durch Studium und Meditation verbreitet wird«, dann ist das für Besucher, die auf Luthers Spuren durchs Land reisen, zumindest gewöhnungsbedürftig.

Während die christlichen Kirchen im Lande an der Schwindsucht leiden, herrscht in Möhra Aufbruchsstimmung. Hier errichtet die aus Tibet stammende Karma-Kagyü-Linie ihr deutsches Schulungszentrum. Und die aus dem ganzen Bundesgebiet anreisenden Anhänger repräsentieren eine Klientel, die in christlichen Kirchen eher durch Abwesenheit glänzt: junge, häufig gut ausgebildete Erwachsene, die nach spiritueller Orientierung suchen und dafür auch gerne bereit sind, an einem Renovierungswochenende selbst mit Hand anzulegen.

Noch sind deutsche Buddhisten ein Randphänomen. Doch der Zuwachs ist enorm. In den vergangenen 30 Jahren ist die Zahl buddhistischer Gruppen und Gemeinschaften in Deutschland von 15 auf über 600 hochgeschnellt. Die Karma-Kagyü-Linie ist dabei nur eine unter vielen. Schier unübersehbar ist die Vielfalt der Lehrer und Schulen. Und niemand kann genau sagen, wie viele Anhänger die sanfte Lehre des Buddha mittlerweile in Deutschland hat. Anders als im Christentum gibt es im Buddhismus keine »Kirche« im herkömmlichen Sinne, und nirgendwo sind die Gläubigen amtlich registriert. Das kommt dem allgegenwärtigen Trend zur Unverbindlichkeit durchaus entgegen. Die Deutsche Buddhistische Union, ein Dachverband aller Gruppen, geht derzeit von rund 250000 aktiven Buddhisten in Deutschland aus; etwa die Hälfte davon sind eingewanderte Asiaten, die ihren Glauben aus der Heimat importiert haben.

Der Buddhismus gilt als friedfertig und undogmatisch, stressreduzierend und persönlichkeitsstabilisierend – kurzum: als ideale Religion postmoderner Individualisten. Das mag die westliche Faszination für die viertgrößte Weltreligion erklären. Das Oberhaupt der tibetischen Gelugpa-Schule, der Dalai Lama, erscheint vielen Deutschen gar als »weisester Mensch der Gegenwart«. In einer Umfrage der Zeitschrift Geo landete der stets freundlich lächelnde Tibeter vor vier Jahren unangefochten auf Platz eins – weit vor anderen Konkurrenten wie dem damaligen Papst Johannes Paul II., Nelson Mandela oder Stephen Hawking. Sein Schüler, der Schauspieler und Frauenschwarm Richard Gere, avancierte unterdessen zu Hollywoods bekanntestem Buddhisten. Dank ihm wird das Thema mittlerweile sogar auf die Titelseiten von Illustrierten gehoben.

Doch stimmen die werbewirksamen Klischees? Ist der Buddhismus so friedfertig, wie er scheint? Und offeriert er dem westlichen Sinnsucher tatsächlich eine zwanglose, individuell anpassbare Spiritualität, die sich, wie der Spiegel mutmaßt, hauptsächlich zur »Selbstoptimierung« eigne?

Die Rezeption des Buddhismus im Westen war von Anfang an von Missverständnissen und Fehlschlüssen begleitet. Mal gaben sie Anlass zur Verklärung, mal zu herablassender Verachtung. Als im 19. Jahrhundert der Buddhismus in Europa bekannt wurde (in Deutschland im Wesentlichen durch Arthur Schopenhauers Rezeption der buddhistischen Philosophie), entstand das Klischee einer weltverneinenden, pessimistischen Religion. Zugleich bestritten viele Forscher, dass es überhaupt einen historischen Buddha gegeben habe. Dessen Lebensbeschreibungen wurden als Mythos interpretiert, seine Lehrreden hielt der Indologe Richard Otto Franke für »fade Schwätzerei und wirren Unsinn«. Die Gelehrten konnten sich kaum vorstellen, dass außerhalb Europas eine weltreligiöse Tradition existieren sollte, die älter als jene des Abendlandes war.

»Eine kulturelle Tradition ist wie eine Brille, die aufgesetzt wird, um zu sehen. Aber sie lässt nur sehen, was im Fokus der Brille zu sehen möglich ist«, sagt der Münchner Religionswissenschaftler Michael von Brück. Die Missverständnisse beginnen schon mit der Sprache: Wie übersetzt man altindische Begriffe wie »Nirvana«, für die es im Deutschen schlicht keine Entsprechung gibt? Und was soll man davon halten, wenn im Pali-Kanon, einer Sammlung von Buddhas Lehrreden, ernsthaft die Frage diskutiert wird, ob das Nirvana nun Sein, Nichtsein, beides oder keines von beidem bedeute – worauf der Buddha noch einen draufsetzt und alle vier Möglichkeiten verneint?

Man kann verstehen, dass dies einem braven deutschen Gelehrten wie »wirrer Unsinn« erscheinen muss. Aus buddhistischer Sicht soll damit allerdings ausgedrückt werden, dass das Nirvana, der angestrebte Zustand der Befreiung, jenseits begrifflicher Denkmuster liegt und sich mit der Ratio eben gerade nicht erfassen lässt.

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