Am Ende singt der Chor Dona nobis pacem. Doch was heißt: der Chor? Drei Chöre haben sich im Raum verteilt und dringen von mehreren Seiten auf die Zuhörer ein. »Singen« kann man das nicht nennen. Aus der demütigen Bitte, mit der die lateinische Totenmesse schließt, wird im Requiem für einen jungen Dichter von Bernd Alois Zimmermann ein Befehl. »Gib uns (endlich!) unseren Frieden!« Redet man so mit Gott?

Der 1918 im katholischen Rheinland geborene Komponist hatte es durchaus anders versucht. Aufgewachsen im Salvatorianerkolleg Kloster Steinfeld in der Eifel, unterzeichnete Zimmermann seine Partituren selbst dann noch mit »O. A. M. D. G.« – mit dem Hinweis also, dass jeglicher Schöpfungsakt der Ehre Gottes diene –, als seine Kollegen bereits darüber lächelten. Dass die auf ihn herabsahen, denen er sich künstlerisch nahe fühlte, kränkte ihn zeitlebens. Von Stockhausen wurde er als »Gebrauchsmusiker« gebrandmarkt, die strenge Avantgarde versagte ihm die Anerkennung, obgleich er, der Losung der Gegenwart folgend, seine Musik auf Intervall- und Zeitreihen aufbaute, mithin seriell komponierte.

Aber eben nicht nur. Sein Brot verdiente Zimmermann durch Hörspielmusiken beim NWDR, und die dort genossene Freiheit im Mixen von verschiedensten Klangwelten und Tonsprachen verdichtete er zu einer pluralistischen Ästhetik, die ihrer Zeit vorauseilte. Im Requiem begegnen sich Zitate aus Tristan und Isolde, Hey Jude und Beethovens Neunter, Free-Jazz-Einlagen des Manfred-Schoof-Quintetts, Meeresrauschen und Originaleinspielungen von Hitler, Dubček und Papst Johannes XXIII., Texte aus dem Grundgesetz und Schriften Mao Tse-tungs sowie Lyrik von Kurt Schwitters, James Joyce, Ezra Pound. Zimmermann verwies auf Augustinus, um das Zusammenwachsen dessen, was nicht zusammengehört, zu rechtfertigen und sprach von der »Kugelgestalt der Zeit«, in der jeder Punkt gleich nahe der Mitte sich befindet.

Doch das Requiem für einen jungen Dichter ist kein Lehrstück, sondern das Zeugnis eines Verzweifelten. Im Zentrum stehen Worte von Konrad Bayer, dem schwärzesten Dichter der Wiener Gruppe: »frage: worauf hoffen? / es gibt nichts was zu erreichen wäre, außer dem tod.« Bayer ist einer der drei jungen Dichter, die durch Freitod aus dem Leben schieden, Sergej Jessenin und Wladimir Majakowskij sind die beiden anderen. Auch Zimmermann sah ein Jahr nach dem 1969 erfolgten Abschluss des Requiems keinen anderen Ausweg mehr. Das Werk stammt von einem, dem sein Glaube nicht mehr half. Ein halbes Jahrhundert Europa wird angeführt, um zu zeigen, wie Utopie erst in Unterdrückung, dann in Leere umschlägt. Zimmermanns Dokument fasst das politische, künstlerische und philosophische Geschehen der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg wie in einem Brennspiegel zusammen. Christoph Becher

Bernd Alois Zimmermann: Requiem für einen jungen Dichter RSO Köln, Ltg. Gary Bertini (Wergo)