Die Wortführer (3) Daniela Bergdolt
Als Ärztin könnte man sie sich auch gut vorstellen. Wie sie Unbekanntes abtastet und einzelne Wörter seziert, bevor sie daraus eine Diagnose erstellt. Ihre Mutter war tatsächlich Ärztin, der Vater Vorstand einer börsennotierten Brauerei. Beides prägte. Die Tochter kuriert nun Wunden, die der Kapitalmarkt hinterlässt. In ihre Münchner Kanzlei kommen Leute, die von ihren Versicherungen über den Tisch gezogen wurden, ihr Geld in betrügerische Unternehmen gesteckt oder es bei der Pleite von Aktiengesellschaften verloren haben.
Daniela Bergdolt ist Rechtsanwältin geworden, mit dem Spezialgebiet Anlegerschutz und Kapitalmarktrecht: »Ich will denen helfen, die sonst niemand vertritt.« Seit zwanzig Jahren leiht sie ihnen deshalb auch als Aktionärsschützerin ihre Stimme. Bis zu dreißigmal im Jahr steht die 47-Jährige bei Hauptversammlungen am Rednerpult. Denn sie ist in Bayern die Landesgeschäftsführerin der DSW, der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
Neben den alltäglichen kleinen Katastrophen hat sie auch viele große erlebt: Untreue, Schmiergeldaffären, Bilanzbetrug und den Absturz von Unternehmen am Neuen Markt wie EM.TV, Comroad oder Infomatec.
In Bayern ist immer was los. Gerade erst forderte sie den Siemens-Vorstand auf, Licht in das System der schwarzen Kassen zu bringen. Aber sie blieb dabei ganz sachlich, fast kühl. » Siemens schlittert von einer Affäre in die nächste«, stellte sie nüchtern fest. » Ich hätte von Ihnen eigentlich mehr Fingerspitzengefühl erwartet, Doktor von Pierer.« Sie setzt feine Schnitte gegen grobe Schnitzer.
Wenn sie in ihrem Biedermeierbüro sitzt und einen dieser Fälle seziert, redet sie lebhaft, gestikuliert weit. Mal wippen die blonden Locken vor Lachen, mal haut sie auf den Tisch. Weil es sie aufregt, dass Deutsche mehr Zeit auf den Kauf eines Kühlschranks verwenden als auf den einer Geldanlage. Auch die Einmischung von Politik und Gewerkschaften in die Unternehmensführung ärgert sie. Aber mit Emotionen erreiche man auf Aktionärsveranstaltungen gar nichts: »Ich greife keinen Vorstand persönlich an. Ich bin kein Wadenbeißer.« Doch als ihr ein AG-Chef mal »die Mentalität einer Putzfrau« vorwarf, »die nur nach Dreck sucht«, parierte sie den Angriff: »Hätten Sie mehr Putzfrauen engagiert, gäbe es hier nicht so ein Chaos.«
Sie will Antworten. Um die zu bekommen, trabt sie auch sechsmal nacheinander ans Rednerpult und wiederholt: »Meine Frage ist noch nicht beantwortet.« Transparenz ist für sie das wichtigste Kriterium bei der Unternehmensführung. Als Aufsichtsrätin des Medienparkbetreibers Agrob AG hat sie selbst schon Rede und Antwort gestanden. Es tut nicht weh, beteuert sie.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.36
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