Widerstandskampf Das ewige PaarSeite 3/3

Sein jüngerer Bruder, der vor zwei Jahren starb, habe es einmal so ausgedrückt: Der Vater sei zwar nur selten Gesprächsthema in der Familie gewesen, »aber er war immer anwesend«.

Die Verbindung zu Südafrika nutzt Freya von Moltke 1947, um zu emigrieren. Widerwillig. Sie wollte in Berlin bleiben. Doch inmitten der Trümmer sah sie keine Zukunft, und in Südafrika konnten ihre Kinder eine kleine Erbschaft ihres Großvaters in Empfang nehmen. Freya von Moltke arbeitete dort als Sozialarbeiterin, betreute Behinderte.

Doch die Apartheid war ihr verhasst. Nach neun Jahren zog die Familie für eine kurze Zeit zurück nach Berlin. Hier machte sich die Witwe an die Transkription der Briefe ihres Mannes, hier verkehrte sie mit den Überlebenden des Widerstands und wurde von Schulen eingeladen, um über den Kreisauer Kreis zu sprechen. Doch ihr Leben drehte sich nicht nur um einen Mann. 1960 bat Eugen Rosenstock-Huessy sie, zu ihm nach Vermont überzusiedeln, »da seine Frau gestorben war«, sagt Freya von Moltke. Sie lebt bis heute dort.

Der 1933 emigrierte Universalgelehrte, Philosoph und Soziologe jüdischer Abstammung, war einst ein Lehrer ihres Mannes gewesen. Nun lehrte er am Dartmouth College, war 23 Jahre älter als Freya von Moltke. Sie teilte sein Leben, sein Denken, sie hat ihm das Altwerden erleichtert, sein Sterben begleitet - geheiratet haben die beiden nicht. Wie einmal treffend bemerkt worden ist, haben ja all die Witwen des Widerstands kein zweites Mal geheiratet. Der Tod ihrer Männer schien sie für immer mit ihnen zu verbinden. » Es ist nicht so, dass mir verheißen wäre, ich würde Dich nicht verlieren - nein, es ist viel mehr: ich weiß es«, schrieb Moltke an seine Frau in einem letzten Brief. Ganz genau so sei es, sagt Freya von Moltke. Und umgekehrt gelte es auch. Denn nie, über all die Jahre, habe sie das Gefühl gehabt, ihn zu verlieren. Sie sagt das nicht zurückhaltend, nicht leise, sie strahlt, wendet sich ihrem Sohn zu, der zustimmend nickt.

In den siebziger Jahren fuhr Freya von Moltke mit ihren Kindern nach Kreisau. Sie wollte sehen, was aus dem Gut geworden war: Ein polnischer Staatsbetrieb, verfallen zwar, aber es wurde Landwirtschaft betrieben wie eh und je: Auf den Feldern erblickte sie Zuckerrüben.

Das Schloss war unbewohnt, die hohen Decken zu heizen war in Zeiten sozialistischer Mangelwirtschaft zu kostspielig. Freya von Moltke hatte Angst, erkannt zu werden, sie wollte nicht, dass die Leute denken, die Gräfin komme, um ihre Besitztümer zurückzufordern. Doch auf dem Gut waren bereits unter den Moltkes polnische Arbeiter angestellt, und sie wurde wiedererkannt. » Die Menschen haben mich umarmt«, erinnert sich Freya von Moltke, »mir war das eine ungeheure Freude.« Noch während des Kalten Krieges hat sich in Polen ein Arbeitskreis gebildet, um das Gut zu erhalten, um es zu einem Ort der Versöhnung zu machen.

Heute befindet sich auf dem alten Gut der Moltkes ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum für Jugendliche. Es wird von der Freya-von-Moltke-Stiftung finanziert, die vor drei Jahren gegründet wurde. Sie hat ihren Namen hergegeben für dieses Projekt, erzählt Freya von Moltke, obwohl es ihr ein bisschen unheimlich sei, es liege ihr nicht, derart im Zentrum zu stehen, »aber es hilft wohl«. 30000 Übernachtungen gebe es dort pro Jahr, junge Menschen diskutierten, wie Europa in der Zukunft aussehen könnte, ergänzt ihr Sohn. Und damit schließt sich für Freya von Moltke ein Kreis, steht Kreisau wieder im Geiste ihres Mannes.

Es ist Sonntag, der Französische Dom legt seinen Schatten über den Gendarmenmarkt. Es ist so warm, dass die Menschen ihre Mäntel abgelegt haben. Sie drängen in das Konzerthaus, wo Mahlers Auferstehungssymphonie gegeben wird. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker führt Freya von Moltke hinein, Angela Merkel kommt hinzu.

Es werden Festreden gehalten, Merkel sagt, wie sehr doch das Klein-Klein der Politik häufig verdecke, dass das vereinte Europa ein Geschenk sei, ganz wie es Helmuth James von Moltke es sich erwünscht habe. Der frühere polnische Außenminister Bronisaw Geremek sagt, das Heldentum von Helmuth James von Moltke sei ihm ganz persönlich ein Argument für die persönliche Versöhnung mit Deutschland gewesen. Freya von Moltke hält keine Ansprache. Sie hört nur zu, leise lächelnd, die Hände ineinander gefaltet, auf dieser Geburtstagsfeier ihres Mannes, den sie in sich trägt.

 
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