US-Demokraten Krieg mit menschlichem Antlitz

Warum sich Amerikas Demokraten so schwertun, eine andere Außenpolitik als die der Republikaner zu entwickeln.

Washington
Will Hillary Clinton tatsächlich auf diese Weise Präsidentin werden? Mit Militärverherrlichung, Frageverboten und ausweichenden Antworten? Da steht sie im voll verglasten Saal eines Washingtoner Thinktanks, einer Art Aquarium für Intellektuelle, und singt eine Ode an den amerikanischen Soldaten. Wie er heldenhaft im Irak kämpft, wo es Granaten von allen Seiten hagelt und der Truppe die Panzerung fehlt. Wie er – wenn verletzt – in der Heimat in rattenverseuchten Bettenburgen gelagert wird. Wie er die Inkompetenz seines Oberbefehlshabers im Weißen Haus klaglos erträgt. Doch, gottlob, Hilfe naht. Wenn nicht in dieser Amtsperiode, tröstet die Kandidatin, so doch gewiss in der nächsten. Sie verspricht: mehr Rüstzeug, mehr Panzerung, mehr Ärzte, mehr Rechte für Veteranen. Man sieht: Hillary kümmert sich. Noch Fragen? Oh ja! Im Publikum fliegen die Hände hoch. Eine freundliche Stimme aus der Regie erinnert, die Senatorin werde allein Fragen zum Thema beantworten. Erste Frage: Wie hält es die Kandidatin mit dem Krieg? Sieg oder Abzug? Interessante Frage, doch leider am Thema vorbei.

Irak ist ein Krieg, den Hillary Clinton nicht mehr gewinnen kann. Ein Krieg, von dem sie behauptet, sie hätte ihn nie begonnen, wäre sie Präsidentin gewesen. Und doch einer, dem sie als Senatorin ihren Segen gab. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Und wo steht sie heute? Genau da, wo einst der Kandidat John Kerry stand. Hätte sie rechtzeitig gewusst, argumentiert Clinton, dass es im Irak keine Massenvernichtungswaffen gab, hätte sie im Senat niemals geholfen, den Krieg zu legitimieren. Diese Dialektik griff schon 2004 nicht. Heute umso weniger. Das Wahlvolk ist inzwischen weitergezogen. Viele Demokraten scheinen bloß noch zwei Worte hören zu wollen: »Fehler« und »Entschuldigung«. Beide bringt Clinton nicht über die Lippen. Das ist ihr Problem. Auf acht bis zehn Prozentpunkte ist ihr Vorsprung zusammengeschmolzen. Ihr Konkurrent Barack Obama, der Senkrechtstarter der Partei, war von Anfang an gegen den Krieg. Ohne diese Haltung wäre er heute nicht Kandidat. Es ist, als suche sich das mittlerweile kriegskritische Volk Bewerber und treibe sie vor sich her. Nichts wird den Wahlkampf 2008 so sehr prägen wie die Kritik am Irakkrieg, was weitreichende Konsequenzen für die Außenpolitik der Linksliberalen haben dürfte – egal, wer die Vorwahl gewinnt.

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Neue Atomwaffen? Nicht mit Hillary Clinton

In den vergangenen Monaten haben Demoskopen die außenpolitischen Ansichten in der Bevölkerung getestet. Zu beobachten ist ein dramatischer Meinungsumschwung. Pragmatismus siegt jetzt über Ideologie, aber auch über Idealismus. Die Mehrheit will eine weichere Außenpolitik. Amerika soll weniger dominieren und mehr kooperieren. Weniger auf Militär setzen und mehr auf Diplomatie. Demokratie in fernen Ländern nicht länger durch Regimewechsel erzwingen. Neue Nuklearwaffen sollen nicht entwickelt und die vorhandenen nur nach einem Atom-Angriff eingesetzt werden. Für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben ist nur eine Minderheit, eine Mehrheit dagegen für die Stärkung der Vereinten Nationen. Amerika soll die Emissionen von Klimagasen reduzieren und dem Kyoto-Vertrag beitreten. Kurzum: So tief nistet in den Köpfen die Opposition gegen George W. Bush und sein Weltbild, dass der Präsident eine Bevölkerungsmehrheit wider Willen europäisiert hat.

Die Politik, die Opposition zumal, folgt dem Stimmungswandel nur langsam. Hillary Clintons Probleme sind symptomatisch. Durch ihre Partei geht ein Riss. Er verläuft zwischen Basis und Establishment. Unter Gefährdung der eigenen Zukunft erlauben sich die Führungskader einen langen Abschied von der Bush-Doktrin. Sie wenden sich gegen Bushs Irakpolitik, »ohne das Ideengut infrage zu stellen, das diese Weltsicht produziert hat«, moniert der Politologe Tony Smith von der Tufts-Universität. Seiner Ansicht nach unterscheidet sich die außenpolitische Doktrin des demokratischen Establishments zu wenig vom Kurs des Weißen Hauses. Verantwortlich macht Smith dafür die ideologische Nähe von Bushs Neokonservativen und jenen liberalen Interventionisten, die bis heute die Demokratische Partei dominieren. Mit einer »muskulösen Außenpolitik« hätten sich eben beide angefreundet.

Freilich sind es nicht die linken Falken, die Anleihen bei den Neokonservativen nahmen. Vielmehr war es umgekehrt. Bush und seine Neokonservativen wilderten im Ideengut des Gründervaters der linksliberalen Außenpolitik, Woodrow Wilson, und bastardisierten dessen Philosophie. So sehr, dass es den Demokraten heute schwerfällt, sich von Bushs Außenpolitik zu distanzieren, ohne die eigene Tradition mitsamt dem Gründervater Wilson zu verraten. Denn es war Wilson, der während des Ersten Weltkrieges die Vorstellung entwickelte, nicht allein Interessen von Staaten bestimmten die Außenpolitik. Vielmehr entscheide deren innere Verfasstheit über den Willen zur Kriegführung. Autokratien und Militärregime neigten zum Krieg, Demokratien zum Frieden. Die Förderung der Demokratie sei deshalb ein Gebot der Sicherheitspolitik. Diese Annahme ist bis heute ein Mantra der Demokraten und bildet zugleich die Grundlage von Bushs Nahostpolitik.

Leser-Kommentare
    • keox
    • 20.03.2007 um 15:03 Uhr

    welchen weg man nun bevorzugt hängt weniger von der ideologie ab - die wird passend gewählt - als vielmehr von den erfolgsaussichten.

    die wiederum hängt ganz banal auch von der militärischen stärke ab.

    • keox
    • 20.03.2007 um 15:06 Uhr

    das eben ist das movens amerikanischer politik

    • keox
    • 20.03.2007 um 15:16 Uhr

    es gilt - wie im amerikanischen krimi - die figur:

    guter bulle - böser bulle

    • SL7
    • 14.03.2007 um 20:36 Uhr
    4.

    Der Hautgout ist nicht mehr zu überriechen.

    • Mzungu
    • 14.03.2007 um 21:54 Uhr

    Von Wilson und Bernays zu Hitler und Goebbels

    Wilsons proklamierte Großes: (14 Punkte) -- einfach in Google 'Frieden ohne Sieger' eingeben -- doch die Zeche seiner hohlen Phrasen zahlten wir Deutsche (Versailler Diktat). Erst dieses Elend danach hat Hitler möglich gemacht und der hat die Lektion, daß Politik nur dummes Geschwätz ist, gelernt und im Münchener Abkommen wiederholt.

    Wilson wurde 1916 wiedergewählt, weil er sein Wahlvolk glauben machte, er würde sie aus dem Kriege heraushalten. Danach wurde aus dem Deutschen der Hunne gemacht und aus friedlichen Bürgern ein wütender Mob. Dieser historische Prozeß gilt als Anfang der modernen 'Public Relations' und ihr Schöpfer war Edward Bernays. Nach dem Krieg vollbrachte er weitere Großtaten, indem er Werbekampagnen führte z.B. um erfolgreich den Frauen das Rauchen 'schick' zu machen.

    Joseph Goebbels benutzte Bernays Buch 'Crystallizing Public Opinion', um die Propaganda im faschistischen Deutschland aufzubauen.

    Die ZEIT schreibt:

    'Gründervaters der linksliberalen Außenpolitik'
    Woodrow Wilson war ein rassistscher Südstaatler und hat 1915 mal eben Haiti besetzt um dort nach 16 Jahren Besetzung ein genehmes Regime (den berüchtigten Diktator 'Papa Doc) zu installieren. (Da hat Bush ja noch Zeit im Irak)

    Die ZEIT schreibt:

    'Denn es war Wilson, der während des Ersten Weltkrieges die Vorstellung entwickelte, nicht allein Interessen von Staaten bestimmten die Außenpolitik. Vielmehr entscheide deren innere Verfasstheit über den Willen zur Kriegführung. Autokratien und Militärregime neigten zum Krieg, Demokratien zum Frieden. Die Förderung der Demokratie sei deshalb ein Gebot der Sicherheitspolitik.'

    Was Wilson unter 'Demokratie' verstand, kann man bei seinem Propagandaminister (online) nachlesen.

    Bernays wohl bekanntestes Buch 'Propaganda' beginnt mit dem Kapitel 'Organising Chaos' und den Worten:

    'Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Große Menschenzahlen müssen auf diese Weise kooperieren, wenn sie in einer ausgeglichen funktionierenden Gesellschaft zusammenleben sollen. In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren.'

    1913 wurde gleich zu Begin des Wilson-Regimes in einer Nacht- und Nebelaktion am Tag vor Weihnachten das Gesetz zur Privatisierung der Amerikanischen Notenbank verabschiedet -- die 'unsichtbare Regierung' hat bis heute Bestand.

    Und es geht um 'Dominanz' nicht 'Demokratie' -- aber 'Raider' heist jetzt 'Twix'.

    • ErichH
    • 15.03.2007 um 8:27 Uhr

    Es wurde der logische Grund für ein friedfertigs Verhalten übersehen. Dieser Fehler wurde auch einem gewissen Herrn Goliath zum Verhängnis ...

    Man ist kollektiv am eigenen Hochmut gescheitert und nicht einer alten Doktrin. Es ist nicht sehr sinnvoll wenn wir solche Erklärungsmodelle wie in diesem Artikel heranziehen.

  1. Nicht nur der US-Präsident, auch die auf nur einem einzigen Mehrheitssitz im Senat balancierende Demokratische Regierung der USA sind momentan lahme Enten. Sie können überhaupt kein Gesetz ohne die Stimmen der Gegenpartei verabschieden. Es ist also leicht für die Wahlkandidaten, im Land herumzureisen und Kritik zu üben, denn sie tragen ja keinerlei Verantwortung für die Regierung.

  2. Die Welt von heute ist weit komplizierter, als die vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Das liegt vor allem daran, dass man heute nicht mehr ganze Erdteile einfach aus dem Blickfeld verschwinden lassen kann. Handel, internationales Recht und gemeinsame Sicherheit mögen nach wie vor die Säulen einer stabilen Weltordnung sein, nur gehört die aktuelle Welt nicht mehr ausschließlich dem weißen Mann.

    Wer heute Weltpolitik betreiben will, der hat es nicht mehr allein mit dem christlichen Abendland in jeweils lokaler Tracht zu tun, sondern mit Kulturen, die in ihren Traditionen und Denkmustern tatsächlich verschieden sind. Diese zunehmend selbstbewusster werdenden Kulturen definieren Handel, Recht und Sicherheit anders, als die in Europa verwurzelte Kultur Nordamerikas im Jahre 1918 sie definiert hat. Der Wilson des Jahres 2007 wüsste womöglich: Die innere Verfasstheit eines arabischen, eines asiatischen, eines afrikanischen und eines amerikanischen Staates können dermaßen verschieden sein, dass kaum eine Einigung über den Inhalt solch wichtiger Vokabeln wie Zivilisation, Autokratien und Militärregime möglich ist. Eine zuverlässige Vorhersage der Folgen einzelner Eingriffe in die Substanz oder Struktur von kulturell anders verankerter Staaten ist für Ignoranten unmöglich. Für sie bleibt die Frage danach, was Demokratie ist, soll und kann, unbeantwortet. Frieden wird ihnen bestenfalls zum zufälligen Ergebnis einer Politik, die diesen Namen nicht verdient.

    Der Irak ist nicht das Deutschland von 1918. Das bedeutet nicht, dass Wilson nicht Recht gehabt hätte. Es heißt nur, dass er ein Mann seiner Zeit war. Er hat die Gründung der UN nicht mehr erlebt und er wäre sicherlich ziemlich erstaunt festzustellen, wie schwierig die Etablierung eines internationalen Rechts sich gestalten kann, vom weltweiten erfolgreichen Wirtschaften ganz zu schweigen. Die USA täten vermutlich gut daran, das zu bedenken. Sie sollten endlich ihre alte Tugend, den Skeptizismus wiederentdecken und sich fragen, was sie alles noch nicht wissen. Mag sein, dass die Einsicht in die eigene Fehlbarkeit und die Grenzen des eigenen Vermögens den USA helfen, ihren Führungsanspruch in eine ungewisse Zukunft hinüberzuretten. Ständige Selbstbelobigungen und die daraus resultierende unkritische Selbstgefälligkeit jedenfalls haben schon mehr als eine Nation ruiniert. Ihre desolate innerer Verfasstheit hat sie letztlich in Kriege gehetzt, die zu ihrem Untergang geführt haben. Gottes eigenes Land wäre nicht das erste, das an sich selbst scheitert. Es scheint, das Wilsonsches Gesetz gilt universell – auch und gerade für die USA.

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