Wochenschau Der Besseresser

Man müsste sich mit ihm an einer Currywurstbude treffen oder in einem Restaurant, in dem es Schnitzel gibt, groß wie Bratpfannen. Man müsste ihn zu Knödeln oder Klopsen zwingen, damit er etwas mitbekommt vom deutschen Essen und seiner Eigenwilligkeit, seiner Exotik, die hier keinem mehr auffällt die er aber bestimmt zu würdigen wüsste. Doch Alex Kapranos isst im Restaurant eines Berliner Hotels zu Mittag, in dem er gerade eingetroffen ist. Er bestellt Victoriabarschfilet im Pinienkernmantel auf Papaya-Chili-Chutney mit lauwarmem Linsen-Zuckerschoten-Salat.

»Currywurst?«, wiederholt er mit reglosem Gesicht, ohne Andeutung einer Wertung, insgeheim vielleicht gelangweilt. » Kenn ich doch!«

Kapranos ist Popstar, Sänger der schottischen Band Franz Ferdinand, eine der erfolgreichsten Rockgruppen Großbritanniens. Ein junger Mann mit zweifelndem Blick, 34 Jahre alt, mehr Dandy als Rock n Roller.

Zu Tisch beschäftigt er sich gern mit hohen und niederen Genüssen, angeblich lieber noch mit niederen. In den letzten beiden Jahren ist er mit seiner Band um die Welt gereist. Statt im Tourbus Pizza zu essen, hat er viele Dutzend Restaurants besucht, Garküchen, Straßenstände. Über diese schrieb er für den Londoner Guardian. Die Kolumnen sind jetzt auch auf Deutsch erschienen, in dem Buch Sound Bites. Kapranos sagt, die Recherche sei eine schöne Aufgabe gewesen.

Auf Tour würde er so sehr von Managern umsorgt, dass er sich fühle wie ein Kind. Nun hatte er die Aufgabe, das Ungewöhnliche zu suchen, und er erzählt davon schöne Anekdoten. In Buenos Aires probierte er Stierhoden, in Tokyo Kugelfisch, in Bangkok Heuschrecken. In Berlin jetzt also Viktoriabarsch, nicht Currywurst. Macht dieser Mann uns was vor? Ist er in Wahrheit ein Feinschmecker, der lokale Gaumenfreuden gar nicht schätzt?

Er nimmt die Stoffserviette und breitet sie sorgfältig über die Nadelstreifenhose. Er trägt eine Lederjacke, Polohemd, glänzende Lackschuhe. Wäre er nicht Popstar, würde man das nicht erwähnen aber vielleicht ist es ja wichtig, um seine Sicht des guten Essens zu verstehen: dass er nicht aussieht wie ein Handwerker aus der Schwitzküche des Rock. Er passt in dieses gesichtslose Restaurant. Die Art von Lokal, das für Vielreisende wie Kapranos gemacht ist und zugleich seine Strafe.

»In teuren Restaurants schmeckt es überall auf der Welt gleich«, sagt er. » In Madrid war ich zum ersten Mal in einem Sterne-Restaurant, dem La Boche, großartig. Aber ich hatte trotzdem ständig Sehnsucht nach einem indischen Curry, wie man es nur in Großbritannien kriegt.« Die Globalisierung des Essens nährt die Sehnsucht nach Heimat und führt zu seltsamen Regungen des Appetits.

Das Essen wird gebracht: Fisch unter gerösteten Kernen, die rote Soße ist kapriziös über den Teller verteilt. Kapranos starrt ihn lange an.

Sein Vater ist griechischer Abstammung. Erst bei Besuchen in Griechenland habe er erfahren, dass Essen Spaß machen kann, Oliven, Retsina, viele Leute an einem großen Tisch. Mit 19 arbeitete er zum ersten Mal in einem Restaurant in Glasgow. Er war Küchenhilfe, Weinkellner, Koch, später Englischdozent. Musik hat er immer gemacht.

Er erzählt, dass er heute selber Kartoffeln, Karotten und Pastinaken anbaue, er habe sich bei Glasgow ein Stück Land gekauft. Dann hat er aufgegessen. Legt Messer und Gabel weg. Lächelt zum ersten Mal.

Am nächsten Tag wird er wieder abreisen. Dabei kennt er von deutscher Küche nur Currywurst, Sauerbraten, Leberkäse. Er will weiter schreiben, bloß nicht mehr über Essen, er sucht ein neues Thema.

Vielleicht wird ja noch ein richtiger Schriftsteller aus ihm. Dann wäre es egal, dass er gerade den Mythos des exzessiven Lebens zerstört, der seine Arbeitsgrundlage als Popstar ist. » Wichtiger als verrückte Nächte mit Alkohol, Groupies war mir, dass die Kritiker sagten, mein Buch sei überraschenderweise gut geschrieben.«

Am Abend sitzt er auf der Bühne eines Berliner Theaters. Er liest, die Leute lachen. Über die Currywurst sagt er nichts.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.66
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