Der Herr der Spinnen

Zum ersten Mal hat Peter Jäger sie im Alkohol gesehen. Für seine Doktorarbeit durchforstete der Biologe die Sammlungen der europäischen Museen nach Riesenkrabbenspinnen, da entdeckte er im Naturhistorischen Nationalmuseum in Paris ein wahrhaft riesiges, eingelegtes Exemplar.

»In einem Glas, in das normalerweise zig Spinnen passen, schwamm nur ein einziges Tier«, erinnert sich Jäger. Eine Forscherin hatte die Spinne 1939 aus Laos mitgebracht. Als der Wissenschaftler das Präparat genauer untersuchte, stellte er schnell fest, dass es sich um eine noch unbekannte Art handelte.

Auf ein Wiedersehen mit der riesigen Riesenkrabbenspinne musste Jäger drei Jahre warten. In keiner anderen Sammlung konnte er sie ausfindig machen, auch Fundberichte gab es nicht. » Ich dachte schon, sie sei ausgestorben«, sagt er. Als er 2002 Chef der Spinnenabteilung des Forschungsinstituts und Naturmuseums Senckenberg in Frankfurt wurde, organisierte er eine Expedition nach Laos, um selbst nach der rätselhaften Spinne zu suchen. Ein Jahr später war es so weit. » Auf dem Etikett in Paris war als Fundort eine Grotte angegeben, deshalb starteten wir in den Kalksteinhöhlen in Zentrallaos«, erzählt er. Und tatsächlich: In beinahe jeder Höhle stieß der Forscher auf die verloren geglaubte Riesenspinne. » Dort ist die gar nichts Besonderes, deshalb berichtet auch niemand darüber.« In Laos gingen die Menschen viel pragmatischer mit Spinnen um: »Was man nicht kennt, lässt man in Ruhe - was groß genug ist, wird frittiert.« In der wissenschaftlichen Ordnung der Lebewesen, Taxonomie genannt, war die Spinne trotzdem neu und bekam von Jäger den Namen Heteropoda maxima. Ihre Beinspannweite beträgt bis zu 30 Zentimetern. Das ist Weltrekord.

Im Senckenberg-Museum sind zwei (tote) Exemplare der größten aller Riesenkrabbenspinnen in einer Vitrine zu sehen, die Jäger einer laotischen Höhle nachbauen ließ, inklusive ausgestopfter Fledermaus und Fledermauskot. » Guck mal, so eine Spinne hatten wir doch an der Küchenwand«, kräht ein Knirps. Seine Mutter schaut ein wenig pikiert: »Ich glaube nicht.« Wahrscheinlich war es ein Exemplar der unscheinbaren Hausspinne, die der Biologe zusammen mit anderen heimischen Achtbeinern im Glaskasten nebenan zeigt. » Sind die giftig?«, will ein Mädchen wissen. » Fast alle Spinnen sind giftig, aber das Gift ist nicht stark genug, um dir etwas anzuhaben«, erklärt der Wissenschaftler.

Warum trotzdem etwa jeder Zweite Spinnen mit einem mulmigen Gefühl begegnet, beschäftigt Jäger schon lange. » Ich denke, das wird anerzogen. So wie Schimpansen ihre Jungen mit spitzen Schreien vor gefährlichen Tieren warnen und die Kleinen das sofort abspeichern«, meint der Forscher und liefert eine recht glaubwürdige Imitation des »mütterlichen Panikschreis«. Hinzu kämen Gruselfilme wie Arachnophobia und dass mehr und mehr Kinder mit wenig Kontakt zur Natur aufwüchsen.

Im ostwestfälischen Paderborn ist Jäger groß geworden. Gelegenheit zum Kontakt mit der Natur gibt es dort reichlich. Mit fünf Jahren hat er eine Kreuzspinne in der Fichtenhecke des elterlichen Gartens beobachtet. » Ich habe immer noch ganz detaillierte Bilder vor Augen: die stacheligen Beine, das Kreuz und wie sie ihre Beute eingewickelt hat.« Ohne diese Beobachtungsgabe hätten ihn Spinnen wahrscheinlich nicht so fasziniert, meint er heute. Damals begann er, Stapel von Papier mit Kreuzspinnen zu bemalen und Hausspinnen im Gurkenglas zu züchten, später notierte er akribisch, womit er sie fütterte, wann sie sich paarten und zog den Nachwuchs auf.

Zum 15. Geburtstag schenkten ihm seine Eltern die erste Vogelspinne.

Kurz darauf kaufte er sich junge Exemplare »Die waren viel billiger« und zog sie selbst groß. Sie sollten ihm einen ersten Hinweis darauf liefern, dass Spinnenangst anerzogen ist. Der Abiturient leistete gerade seinen Zivildienst in einer Familienbildungsstätte im Sauerland. Eines Tages brachte er seine Vogelspinnen mit, um sie den Kindern vorzuführen - normalerweise reagieren die recht gelassen auf die Tiere, das hatte Jäger bereits an seinem einjährigen Patenkind ausprobiert. Doch als er die Spinnen aus dem Terrarium holte, stieß eine der Mütter einen spitzen Schrei aus. » Das war nicht weit entfernt von einem Schimpansen-Warnruf«, meint der Wissenschaftler. Die Kinder waren dann nur schwer dazu zu bewegen, sich den Spinnen wieder zu nähern.

Neben dieser Erkenntnis blieben Jäger aus der Schulzeit auch die Häute, die seine selbst gezüchteten Vogelspinnen im Wachstum abwarfen.

Sie hängen nun als Häutungsreihe in einer Vitrine des Senckenberg-Museums. » So können die Besucher sehen, wie sich eine Spinne entwickelt«, sagt der Biologe. Vom Spinnenraum führt ein Gang vorbei an erleuchteten Dioramen mit lebensgroßen Bären, Elchen und Moschusochsen zur Ausstellung Evolution der Tiere. Hier verschwindet Jäger durch eine Hintertür in das Forschungsinstitut Senckenberg.

Alkoholgeruch liegt in der Luft, vermischt mit Kampfer, Neonröhren erleuchtet den Raum. Auf grauen Kellerregalen stehen die wahren Schätze des Instituts: Gläser mit 500000 Spinnen, die größte Sammlung Deutschlands, eine der zehn größten der Welt. Behälter mit frischen Etiketten finden sich vor allem in der Abteilung »Sparassidae«, bei den Riesenkrabbenspinnen, die Jäger bearbeitet. Etwa hundert neue Spinnenarten hat er in den vergangenen zehn Jahren entdeckt, darunter die bisher einzige blinde Riesenkrabbenspinne.

Doch er sammelt, bestimmt und sortiert die Spinnen nicht nur, er erforscht auch ihre Evolution. Die könne man besonders gut an den Genitalorganen der Achtbeiner verfolgen, erklärt er: »Da gibt es eine enorme Vielfalt an Formen.« Jäger will vor allem wissen, wie die detailreichen Fortsätze und Hohlräume zusammenpassen. In seinem Büro steht ein Kühlschrank, daran hängt ein Schild: »Keine Erschütterung!

Kopulationspräparate«. Darin liegen tiefgefrorene Spinnenpärchen, die der Forscher beim Geschlechtsakt erwischt hat. » Man setzt paarungswillige Männchen und Weibchen zusammen und stellt sich mit flüssigem Stickstoff daneben«, erläutert er das Verfahren. Sobald die beiden zur Sache kommen, werden sie schockgefrostet und landen im Kühlschrank. Später werden sie gefriergetrocknet und im Computertomografen scheibchenweise geröntgt.

Aus den Aufnahmen kann Jäger schließen, wie sich die Genitalorgane bei der Artentwicklung verändert haben. » Hier zum Beispiel hat sich dieser Fortsatz in Form einer Spirale verlängert.« Er habe wesentlich mehr Arten mit spiraligen Variationen gefunden als solche mit geschraubten, berichtet der Forscher. » Das liegt einfach daran, dass eine Spirale sich immer weiter krümmen, eine Schraube aber nicht unbegrenzt weiter geradeaus wachsen kann, dann wird sie zu lang. Das ist evolutionär ein Blindgänger.« Mit Hilfe solcher Detailinformationen versucht Jäger, die Entwicklung der verschiedenen Riesenkrabbenspinnenarten zu rekonstruieren.

Seit der Biologe die Spinnenabteilung des Senckenberg-Instituts leitet, bleibt ihm wenig Zeit für Führungen und Vorträge - gern würde er häufiger Menschen von der Harmlosigkeit seiner Forschungsobjekte überzeugen. Und er scheut sich nicht, vor Publikum gelegentlich ein paar Spinnen zu verspeisen. » Das lässt sich prima einsetzen, um die Leute zu fesseln. Ich habe mir auch schon mal einen Brotaufstrich aus Asseln gemacht, fein mit Knoblauch«, erzählt er. Spinnen seien zwar als Ekeltiere verschrien, aber die Vortragssäle seien immer voll und die Zuhörer begeistert.

Auch seine beiden kleinen Töchter, zwei und vier Jahre alt, sind schon Spinnenfans. » Als die gut ein Jahr alt waren, habe ich ihnen zum ersten Mal eine Vogelspinne auf die Hand gesetzt. Die konnten gar nicht genug davon bekommen«, erzählt Jäger. Kuscheltiere seien Spinnen trotzdem nicht: »Hier wird keine Spinne gestreichelt.« Zu Hause hält der Wissenschaftler inzwischen keine Achtbeiner mehr, sondern Hund und Katze seiner Frau zuliebe, die sich mit den Krabbeltieren nicht anfreunden könne. » Zunächst war ihr selbst nicht genau klar, warum.

Später hat sie sich erinnert, dass ihr mal ein Nachbarskind eine Gummispinne in den Nacken geworfen hat.«

Mehr als ein Unbehagen bleibt manch einem von solchen Erlebnissen - Arachnophobiker geraten selbst bei winzigen Hausspinnen in Panik.

Einigen hat Jäger bereits geholfen, sich von ihrer Furcht zu befreien.

»Hin und wieder kommen Psychotherapeuten, die keine eigene Großspinne für eine Konfrontationstherapie haben, mit ihren Patienten vorbei«, erzählt er. Die Begegnung mit einer Vogelspinne ist oft der Abschluss einer Therapie. Viele Phobiker brauchten länger als eine Stunde, bis sie sich trauten, die Spinne auf die Hand zu nehmen, sagt der Forscher. Manche schaffen es auch nie und sind dennoch glücklich mit dem Ergebnis der Therapie. So wie die Stewardess, die ihre Angst loswerden wollte, um auch in exotische Länder reisen zu können. » Sie ließ sich bis zum Schluss das Tier nicht auf die Hand setzen, sondern nur aufs Hosenbein«, berichtet der Biologe. » Trotzdem war sie heilfroh. In der Realität sitzt die Spinne ja höchstens in der Zimmerecke.«

Audio www.zeit.de/audio

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.42
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