Der Unwählbare

So sieht er also aus, der Verlierer des Abends: schwarzer Anzug, graues Hemd, dunkelrot und rosa gestreifte Krawatte, ein zufriedenes Grinsen. » Ich grüße Sie«, sagt er ständig und schüttelt viele feuchte Hände. Alle sind sie nervös, alle außer ihm. Es riecht nach Wahlsonntag, nach Bier und dem schweren Parfum wichtiger Politikergattinnen. Am Kopf des großen Festsaals im Wiesbadener Rathaus steht ein Beamer, bereit, die ersten Hochrechnungen anzuzeigen. Ernst-Ewald Roth grinst weiter. Für ihn geht es heute um nichts mehr.

Für ihn ist die Wahl gelaufen, seit die SPD-Fraktion es Anfang Januar versäumte, den Wahlvorschlag für ihn, ihren parteilosen Kandidaten, bei der Landeshauptstadt Wiesbaden einzureichen. » Bei der kommenden Bürgermeisterwahl wird daher Ernst-Ewald Roth nicht antreten können«, hieß es in der Presseerklärung vom 6. Januar, in der auch der gesamte Unterbezirksvorstand seinen Rücktritt bekannt gab. Bereits damals wurde der 54-jährige Ernst-Ewald Roth einmal durchgereicht: Günther Jauch und die Bild-Zeitung sorgten dafür, dass jeder von dem verhinderten Kandidaten und seinem tragischen Schicksal erfuhr. Denn Roth hatte für die Kandidatur zum Oberbürgermeister mehr aufgegeben als einen leidigen Bürojob. Der katholische Priester hat sich von all seinen Aufgaben entbinden lassen: Er gab seine Stellung als Stadtdekan und als Pfarrer der Bonifatiusgemeinde auf. » Ich habe lange 15 Monate mit dieser Entscheidung gerungen«, sagt Roth. Und dann das: Sein neues Leben nach 26 Jahren im Dienst der Kirche begann mit einem dummen Fehler.

Trotzdem will Roth in der Politik bleiben. Ein Weg zurück ins alte Leben kam auch nach dem Desaster vom 5. Januar für ihn nicht in Frage.

»Als ich beim Bischof meine Ämter niederlegte, waren wir uns beide einig, dass dies eine endgültige Entscheidung sein muss.« Bei so einem Schritt könne man sich nicht mehr umentscheiden. Als Priester der katholischen Kirche bezeichnet er sich weiterhin, und das Zölibat will er auch nicht brechen.

Wo Roth an diesem Wahlsonntag hinkommt, Fernsehen, Radio und Presse sind dabei. Um zehn Uhr morgens betritt er die Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule in Gräselberg. Die Stimmabgabe: ein tolles Motiv. Seine Verfassung an »solch einem Tag«: ein toller O-Ton.

Die Frage, ob er ungültig gewählt habe, bejaht er nur verschnörkelt: »Wenn einer der anderen Kandidaten wählbar wäre, wäre ich nicht angetreten«, sagt er.

Dann nimmt sich der ehemalige Stadtdekan und Pfarrer eine Auszeit: Er geht im Rheingau spazieren. Für den Abend im Rathaus ist er wieder mit den Journalisten verabredet. Locker, aber kerzengerade steht er hinter einem Bistrotisch mit Marmorplatte und beantwortet Fragen. Wie er sich fühlt? » Mit jedem Tag seit dem 5. Januar wird es besser, aber heute ist es natürlich noch mal schwierig.« Wie geht es weiter? » Ich kandidiere für ein Vorstandsamt und für den Landtag, wenn mich meine Partei ernennt.« Nach dem Versäumnis mit der Anmeldung zur Wahl ist Roth, der zunächst parteiloser Kandidat war, der SPD beigetreten. Hier hat er eine Zukunft. Einige Ämter sind durch die Affäre frei geworden, und die Partei steht tief in seiner Schuld. Gute Voraussetzungen für eine politische Karriere: Ernst-Ewald Roth kriegt seine Posten, dass ist beinahe so sicher wie der Wahlausgang dieser Oberbürgermeisterwahl in Wiesbaden. Er weiß das und bewegt sich dementsprechend selbstbewusst im Getümmel des Abends. Auf die Frage, ob er die Aufmerksamkeit der Medien genieße, antwortet er einem Fragesteller: »Du rufst mir fast ein wenig zu häufig an.« Dann lacht er. Ein Witz.

Ach so.

Die Roth-Runde an der Marmorplatte löst sich auf, Roth steuert in den dritten Stock ins Zimmer 301, den Fraktionsraum der CDU. Die Partei steht hier versammelt und wartet auf ihren Wahlsieger Helmut Müller.

Der lässt sich Zeit selber Schuld. Stattdessen betritt Roth die Bühne. Die Kameras schwenken zur Tür, die Fotoapparate klicken und blitzen. Der Mittelpunkt auf CDU-Terrain ist ein SPD-Mann. » Das kann doch net wahr sein«, schimpft eine Politikerfrau mit rosa Fingernägeln und dunkelrotem Pullunder. » Ich sach Ihnen mal was«, sagt sie verschwörerisch. » Der hat noch nichts geleistet, aber er kriegt die ganze Aufmerksamkeit, mehr als wir alle. Ich glaub net, dass das ein Versehen war bei der SPD, der hat doch dadurch viel mehr Aufmerksamkeit.« Dann hört sie abrupt auf zu spekulieren. Ihr Mann, ein Stadtrat, kommt zurück, bringt Bier und Brezel.

Selbst als der Wahlsieger den Fraktionsraum betritt, scheinen einige unentschlossen über das bessere Motiv. Ein paar Kameras schwenken rüber, einige bleiben bei Roth. Wie fühlt der sich wohl? Wie reagiert er auf den Wahlsieger, der er gern gewesen wäre? Wie guckt er? Roth grinst und bahnt sich einen Weg durch die Menge hin zum neuen Oberbürgermeister, schüttelt ihm die Hand, gratuliert und verlässt den Raum. » Na endlich«, raunt die Stadtratsgattin mit vollem Mund.

Zurück im Festsaal, geht es weiter. Ernst-Ewald Roth diktiert in Blöcke. Ob das nicht eben eine absurde Situation gewesen sei da oben im CDU-Fraktionsraum, fragt eine Journalistin. » Nein, das ist völlig normal: Der Verlierer gratuliert dem Sieger«, sagt der Verlierer und grinst.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.71
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