Politisches Buch Die Legende vom tapferen Kolonialoffizier

Als Paul von Lettow-Vorbeck, ehemaliger Kolonialoffizier und militärischer »Held« der Ersten Weltkriegs, im März 1964 hochbetagt in Hamburg starb, gewährte ihm die Bundeswehr ein Begräbnis mit allen militärischen Ehren. In seiner Traueransprache bezeichnete der damalige Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel den Verstorbenen als »eine der großen Gestalten, die das Recht beanspruchen dürfen, Leitbild genannt zu werden«.

Von Hassel bestätigte in seiner Rede noch einmal jene Mythen, an denen nicht zuletzt Lettow-Vorbeck selbst zeit seines Lebens gestrickt hatte. Der »Löwe von Afrika« war demnach ein ebenso fürsorglicher wie genialer General, der während des Ersten Weltkriegs mit Hilfe seiner »treuen« afrikanischen Soldaten, der Askari, und »loyalen Eingeborenen« im damaligen Deutsch-Ostafrika erfolgreich einer gewaltigen alliierten Übermacht trotzte. Angeblich »unbesiegt« kehrte er nach Deutschland zurück. So eignete sich Lettow-Vorbeck bestens zur Untermauerung der Dolchstoßlegende.

Gegen von Hassels Glorifizierung erhob sich in der Bundesrepublik zunächst kaum Widerspruch in Öffentlichkeit und Wissenschaft. Erst in den späten sechziger Jahren setzte eine kurze Phase des kritischen Umgangs mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands ein, die sich in öffentlichen Aktionen wie dem berühmten Sturz des Wissmann-Denkmals in Hamburg 1968, in der Publizistik, aber auch im Bereich der Geschichtswissenschaft manifestierte. In der DDR hatten Historiker Lettow-Vorbeck schon früher aufs Korn genommen und als »skrupellosen Landsknecht des deutschen Finanzkapitals« und »Wegbereiter des Hitlerfaschismus« gebrandmarkt. Seit einigen Jahren wird die Rolle Lettow-Vorbecks vor allem auf kommunaler Ebene diskutiert, etwa im Zusammenhang mit Kasernen und Straßen, die weiterhin seinen Namen tragen.

Erstaunlicherweise fehlte bisher jedoch eine fundierte wissenschaftliche Studie zum politischen Wirken des Generals. Der Osnabrücker Historiker Uwe Schulte-Varendorff schafft nun Abhilfe. Auf der Grundlage eines breiten Quellenfundus zeichnet der Autor ebenso materialreich wie sachlich den Lebensweg Lettow-Vorbecks nach. Die ersten Kapitel sind dem »Kolonialoffizier« und »Kriegshelden« gewidmet. Bevor Lettow-Vorbeck 1914 das Kommando der deutschen »Schutztruppen« in Ostafrika übernahm, hatte er sich bereits an der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China sowie am Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika beteiligt. Der Autor zeigt noch einmal nachdrücklich, dass Lettow-Vorbeck während des Ersten Weltkriegs »mitnichten eine ritterliche Kampfesweise, sondern eine brutale, rücksichtslose und menschenverachtende Kriegsführung praktizierte«.

Besonders barbarisch sprang er mit der afrikanischen Zivilbevölkerung um. Aber auch seine angeblich treu ergebenen Askari gaben ihm nicht ohne Grund den Beinamen »der Herr, der unser Leichentuch schneidert«.

In den Jahren der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus unterstrich der stramme Antidemokrat und Antisemit Lettow-Vorbeck, wegen seiner Beteiligung am Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 aus der Reichswehr verabschiedet, in zahllosen Vorträgen und Büchern den deutschen Anspruch auf Kolonien. In der Öffentlichkeit genoss er große Popularität. Mit dem Nationalsozialismus verband Lettow-Vorbeck die Hoffnung zur Rückgewinnung der Besitzungen in Afrika, und er ließ sich gern vor den Karren der neuen Machthaber spannen. Auch im Rückblick hatte er dem NS-Regime wenig vorzuwerfen, seine Distanzierung beschränkte sich lediglich auf das militärische Versagen Hitlers. Die von Schulte-Varendorff zusammengetragenen Fakten machen deutlich, dass Lettow-Vorbeck weder ein »harter, aber fairer« Kolonialoffizier war noch etwa zum Namenspatron einer demokratischen Armee taugt.

Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer

General Lettow-Vorbeck. Eine Biographie - Ch. Links Verlag, Berlin 2006 - 217 S., 24,90

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.60
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