Ein Platz zum Niederknien
Der Ankunft des Chefs geht ein kleiner Aufruhr voraus. Mönche und Nonnen schreiten nicht über die Gänge ihres Tempels, sie eilen: eine Horde aufgebrachter Kinder in Erwartung des Vaters. Jogo Shodo, 74 Jahre alt, war zu Gast auf einer Hochzeit in Kobe, ein paar Tage nur.
Das Paar, berichtet er, wirkte glücklich, und auch zu Hause in Koyasan ging alles seinen Gang. Die kahlen Köpfe seiner Mönche beugen sich zu ihm herab, graue und blaue Kutten umringen den gelb gekleideten Jogo.
Nach dem kurzen Austausch begibt das Tempeloberhaupt sich in den Garten. Sind noch alle Karpfen im Teich und lassen sich mit Sesamkrümeln locken? Schwimmen sie heran, wenn er sie ruft?
Zu schön, dem alten Mann zuzuschauen, seine innere Ruhe zu spüren.
Denn hastig, zu hastig vielleicht, ist man selbst mit U-Bahn, Zug und Seilbahn auf rund 1000 Meter hinaufgeeilt, ist im Muryokoin, der nicht nur Tempel ist, sondern auch Herberge, abgestiegen und hat sich sofort hineingestürzt in den Kosmos Koyasan: Zentrum des Shingon-Buddhismus, heiliger Berg in Japans südwestlicher Präfektur Wakayama, Wallfahrtsort für eine Million Pilger im Jahr. Ein Platz, voll mit Geschichte und 117 alten Tempeln, satt von Schönheit und Erhabenheit, vor allem aber: Ruhestätte des Mönches Kukai. Den Japanern ist Koyasan, was gläubigen europäischen Katholiken Santiago de Compostela die finale Station eines langen Pilgerweges.
Ein Ort der Einkehr also, der Besinnung. Das klappt allerdings nur selten, sagt Genso, ein Mönch aus dem Muryokoin. Die meisten europäischen Gäste nähmen sich zu wenig Zeit für diesen Ausnahmeort in den Bergen, gönnten sich hier keine Ruhe. Auch Genso stammt aus Europa, aus der Schweiz, und hieß früher Kurt Kübli. Seine Mönchwerdung fand in Koyasan statt, vor rund 10 Jahren. Er ist so etwas wie die »rechte Hand« des Jogo, denn anders als die Japaner in Koyasan spricht Genso Englisch. Sein Haus, das Muryokoin, ist ein melting pot.
Unterschlüpfen kann jeder. Novizen und Besucher aus aller Welt. Das Muryokoin hat 22 Zimmer im Tatami-Stil, mit ausrollbaren Futons, nicht mehr ganz taufrisch, doch gemütlich. Es herrscht Schlappenzwang, die Kost ist vegetarisch, Shojin-ryori, kein Fleisch, kein Fisch, Rettich und Bohnen, Reisbällchen und Kimchi, Seetang und Sojabohnenküchlein.
Sake, Asahi-Bier nach Wahl. Ein Haus mit Märchenschloss-Aura, Kindheits- und Ferienlagerwinkeln: geheime Räume, knarrende Böden, ausdünstende Pissoirs. Und an der eigenen Schiebewand zum Hauptflur trampeln schon früh um sechs Pilgergruppen zum Gebetsraum.
Die Morgenandacht ist ein mitreißendes Ritual: Mönche und Jogo ziehen die Schlappen aus. Sie knien, die Rücken zur Gemeinde, auf der einen Seite, ein Einzelner bleibt auf der anderen Seite. Während die Menge singt und Mantras memoriert, zelebriert der Einzelmönch das Goma, das Feuerritual. Flammen spickt er mit Kräutern, Gewürzen und Kampfer, bis ein dicker Qualm im ganzen Raum wabert.
Und Genso? Der sagt im Anschluss, er habe hier erst mal das lautstarke Singen eingeführt. Vorher war nur Gesäusel, nicht das Wahre.
Mittlerweile übernimmt er den Leitgesang und das Zimbelschlagen, sein leichter Astigmatismus hält ihn nicht zurück. Nur »Westener« dächten, Mönche müssten perfekt sein. » Das sind wir nicht, wir sind nur auf dem Weg.«
Mit ihm durch Koyasan zu laufen ist eine Freude: Der Mann ist wohlgelitten hier. Ein Europäer, der die Mönchskutte trägt, kriegt per se einen Vertrauensvorschuss. Und das, obwohl er ungestüm daherkommt und konsequent das japanische Distanzbemühen torpediert. Salopp fischt er die Leute aus der Menge und stellt sie dem Besucher vor: Seht mal, der ist Pilgerführer hier, der ist ein zugezogener Wirt aus Frankreich, und das hier ist Freund Soundso, mit dem gehts manchmal zum Baden in die heißen Quellen. Ein Mönch im Onsen, nackig in öffentlichem Wasser? Wie denn sonst? Genso wundert sich immer wieder, dass die »Westener« dächten, im buddhistischen Kloster ginge es zu wie in einem katholischen Orden, nur ein wenig exotischer vielleicht. Er lebt hier zusammen mit seiner japanischen Ehefrau, die er als junger Mann beim Studieren in Paris traf. Der Buddhismus ist ihre gemeinsame Philosophie. Er sieht es so: Manche machen aus ihrem Leben einen Riesenzirkus, andere eben Yoga. Obwohl, ein bisschen Zirkus war da auch in Gensos Leben. Das ist lange her. Es gab Jahre, in denen es als Künstler in Berlin nicht klappen wollte, Jahre der Sinnsuche und Gasgeschäfte mit dem Bruder in der Schweiz, die auch keine Lösung waren. Irgendwann trennte er sich von Bart und Revoluzzermatte, entsagte allen materiellen Werten und fand mit seiner japanischen Frau Misuko im Muryokoin das Glück in einem winzigen Tatami-Zimmer, Beuys- und Fotobücher im Regal, Kirschbäume direkt vorm Kemenatenfenster.
Wir spazieren durch die City Koyasans, den Ortskern, das Versorgungszentrum der Heiligkeit ringsum. Es gibt Souvenir- und Soba-Nudel-Läden, Wohnhäuser mit Wäschespinnen in Vorgärten, Topfpflanzen und Bettdecken, die zum Lüften aus den Fenstern hängen.
4000 Menschen leben hier, und in ihrem weltlichen Teil wirkt »The Town of Koya« so normal, dass man nicht glauben will, dass Frauen hier erst seit 1872 zugelassen sind. Heute offeriert eine Handvoll Läden sogar frischen Kaffee mit Zimtbrot. Für Westener ein Segen. Doch während man so sitzt und mampft, fährt einem plötzlich ein Gong in die Eingeweide, und man erinnert sich daran, wo man ist: an einem Ort, wo die Menschen suchen, was sie sonst nirgends finden.
Je näher man dem Friedhof kommt, desto höher wird die Pilgerdichte.
Man sieht Menschen im Henro, der weißen Baumwollkluft der Wallfahrer, mit Glöckchenstab, Basecap und Turnschuhen, aber auch junge Leute im zotteligen Grunge-Look und bunte Haare. Sie kommen, weil in Koyasan der Mönch Kukai vor 1200 Jahren einer Eingebung folgte: Hier wollte er das Zentrum eines in Japan bisher unbekannten Buddhismus etablieren.
Das Vorbild war der Glaube, dem er 804 auf seiner Pilgerreise durch China begegnet war: eine Religion, die in Ritus und Mantra Erleuchtung suchte, weniger in Meditation und Schweigen. Der Ort erschien ihm passend. Koya, ein Plateau in den Kii-Bergen, das von acht Gipfeln eingefriedet wird, wie eine Lotusblüte, die im Buddhismus den reinen Geist symbolisiert.
Kukais Ruhestätte ist bis heute ein Platz zum Niederknien. 600 Jahre alte Zedern säumen den Hauptweg hin zu seinem Mausoleum, uralte Grabmale in Pagodenform huldigen Buddha und den Toten. Mal himmelhoch, mal katzenklein stehen sie zu Tausenden in diesem Reich der Ewigkeit, die einfallende Sonne wirft bizarre Schatten. Romantiker können hier durchdrehen und auch noch Kobolde und Geister imaginieren: so viel Moos, Beeren, Flechten überall.
Die Asche von 200000 Verstorbenen liegt auf dem Okunion, Dichter und Denker, Politiker und Geistliche, Schauspieler, Kriegsopfer, Würdenträger. Weil die Japaner ihre Toten mit allem versorgen, was sie im Leben liebten, schaffen es selbst Zigarettenschachteln und Café au Lait in Dosen auf den Friedhof. Auch Firmen haben sich verewigt, auf ihre Art: Nissan errichtete ein Grab mit Heldenpose für Angestellte mit Verdiensten. Eine mannshohe Rakete strebt von der Grabplatte der Firma Shinmaywa gen Himmel ein Unternehmen für Flugkörper aller Art.
Am Rand wachsen dem Friedhof neue Ruhestätten zu, in der Mitte brütet dunkel überwuchert die Vergangenheit. Sie erinnert ans schottische Hochmoor oder einen versunkenen Dschungel, und über allem liegt, wie Genso meint, ein Hauch von Angkor Wat.
Und wo immer die Huldigung sich ballt, steigt einem der harzig-holzige Duft von brennenden Räucherstäbchen in die Nase. Auch drinnen, in den Tempeln. Tempelbedienstete mit Ärmelschonern tuschen Pilgern dort rote Zeichen auf lose Zettel, T-Shirts oder in Sammelbücher - zum Trocknen liegt ein Föhn bereit. Jede erreichte Stätte ein Signet eines Weges, der immer noch weitergeht. Hoch schlängeln sich die Wanderwege in die Kii-Berge, hölzerne Wanderpfosten im Stil der Kukai-Zeit markieren den Pfad. Oben im Gebirge sind Nebel und Stille grenzenlos, man kann stundenlang allein sein und nachdenken.
Ob Meditation und Einkehr gelingen, das entscheidet sich auf den Straßen im Tal. Knatternde Motorräder wirken mitunter wie die viel zitierte Mücke, deren Sirren alles Loslassen zunichtemacht. Man denkt, wie wunderbar muss diese Welt erst im Winter sein, verschluckt von tiefem Schnee. Oder zur Kirschblüte, millionenfach betupft mit rosa und weißen Flecken. Alles in Koyasan ist zarter, filigraner und ein paar Nummern kleiner als im Westen: Menschen, Essensportionen, Ahornblätter. Nur das Gefühl, mit dem man wieder losfährt, ist groß.
Information
Anreise: Japan Airlines (www.de.jal.com) fliegt von Frankfurt am Main nach Osaka, vom Flughafen geht es weiter mit dem Haruka-Express zum Hauptbahnhof, Fahrzeit: eine Stunde. Von dort läuft man fünf Minuten zur Umeda-Station und fährt dann weiter mit der U-Bahnlinie Midosuji bis zur Namba-Station. Dann geht man noch einmal zehn Minuten bis Nankai-Namba-Station und nimmt einen Zug der Nankai-Koya-Linie, der einen in knapp zwei Stunden bis Nankai-Gokurakubashi bringt. Mit der Seilbahn ist man in weiteren fünf Minuten in Koyasan
Unterkunft: Es gibt rund 60 Tempel in Koyasan, die auch Touristen aufnehmen. Sie haben ein Gemeinschaftsbad und bieten für 38 bis 96 Euro Vollpension mit zwei vegetarischen Mahlzeiten am Tag. Englisch wird im Muryokoin gesprochen, Tel. 0081-736/562104, www.muryokoin.org, und im Henjosonin, Tel. 0081-736/562434, www.shukubo.jp
Veranstalter: Marco Polo bietet einen »Zwei-Tage-Baustein« Koyasan an.
Dabei ist eine Übernachtung in einem buddhistischen Kloster vorgesehen und eine im Hotel. Der Baustein lässt sich nur in Kombination mit einer individuellen Japanreise von Marco Polo buchen, ab Nara/bis Osaka ab 675 Euro pro Person (www.marcopolo-individuell.com oder 00800/44014401)
Auskunft: Japanische Fremdenverkehrszentrale, Tel. 069/20353, www.jnto.go.jp.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.80
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