Der Flug für den Herbst ist gebucht, nichts Interkontinentales. Rom. Ein bisschen Fliegen, ins konsensträchtige Rom eben oder ins Theater mal nach Paris, gehört zum Design des flexiblen Menschen dazu, um nicht als moralisch überhitzt zu gelten. Dabei ist die Sache ja einfach: Ohne Moral ist der Vielfliegerei nicht beizukommen. Weil die Atmosphäre allen Erdenbürgern zu gleichen Teilen gehört, muss geregelt werden, wer sie wie sehr verändern darf. Jenseits der Zahlungskraft. 

Humorlos? Im Land der Urlaubsweltmeister hat vor zweihundert Jahren der tatsächlich eher humorlose Immanuel Kant festgehalten, dass jeder sein Handeln daran ausrichten solle, ob es verallgemeinerbar ist. Verallgemeinerbar ist die Vielfliegerei nicht: Die, global betrachtet, winzige fliegende Klasse gibt kein Vorbild für Milliarden von Menschen ab. Sie nimmt sich das Vorrecht heraus, anders zu handeln, als es für alle geboten wäre, und zahlt halt dafür. Ein bisschen Spaß muss sein, wenn es um den Kurzurlaub der Eliten geht. Dass weder Hannibal noch Michel de Montaigne mit dem Flugzeug nach Italien gelangt sind, gehört zu den Hinweisen, die als gestrig belächelt werden. Und statt auf die Kanaren zu jetten, lieber im Regen an südschwedischen Seen zu zelten gilt als unnötig. Irgendwie anthroposophisch.

Gutmenschenverdacht? Es gab und gibt viele, die zum Urlaub nicht in die Ferne fliegen, und zwar ohne zwanghafte Askese. Sondern weil sie anderes, siehe Kant, naheliegender finden. Und weil es für sie einen feinsinnigen Genuss bedeutet, sich in konzentrischen Kreisen fortzubewegen, um der Seele willen. Denn die geht gern zu Fuß. Kleinräumig zu reisen kann dem Klima im nichtmeteorologischen Sinne förderlich sein: Es ist den Sinnen, dem Wissen, der Vorstellungskraft angemessen. Diese Anstrengung des Reisens, samt Gedanken, finden viele kostbarer als Instanterholung am anderen Ende der Welt.

Warum auch fliegen? Das kleine Europa ist riesengroß, Drängelei ließ und lässt sich vermeiden. Nach Masuren und an die polnische Ostseeküste fährt der Zug, an den bretonischen Atlantik, auf den Peleponnes, nach Prag, nach Umbrien und in die Pyrenäen desgleichen. In die schottischen Highlands fuhr der alte Renault, ökologisch wenig erfreulich, ins schwedische Skagen fährt jetzt der neue, ökologisch auch nicht viel besser. Die Elbe hinauf, um die Mecklenburgischen Seen herum fährt, horribile dictu, das Fahrrad. Durch die Vogesen kann ein Mensch wandern, die Donau entlang sogar paddeln.

Da fehlte lange Zeit nichts. Bis irgendwann ein Flug nach Tallinn oder Palermo dazukam, immerhin ein paar Tonnen Kohlendioxid entfernt, und die haben sich auch Ökos genehmigt: Europa! So hat sich jeder, nach den Spielregeln seines Milieus, seine Privatmoral zurechtgezimmert. Die wurde dehnbarer. Bis man plötzlich im Flieger nach Istanbul saß. Irgendwie hatte der grenzenlose Reiz aus Reisenden fliegende Konsumenten gemacht.

Aber jetzt geht es darum, sich was zu verkneifen. Die Kinder möchten in den Ferien, weil es mit dem Besuch bei Tilman in Montreal nicht geklappt hat, ihre Freunde Lukas und Luise besuchen. Die wohnen inzwischen in Delhi. Brasilien ginge auch, andere haben da ihre Großmutter: Ungerecht, dass man selbst großmutterhalber immer nur bis Tübingen kommt! Kreuzottern in den Tiroler Alpen? Die Uta im Naumburger Dom? In Ordnung, und wann fliegen wir nach Nairobi?