Klimadebatte Dürfen wir noch fliegen? Ja!

Denn Panik nützt niemandem, findet Michael Allmaier

Die Vorbehalte gegen das Fliegen sind älter als die Luftfahrt. Schon im Zeitalter der Bauchlandungen wurde diskutiert, ob wir immer so hoch hinaus dürfen, wie wir können. Die frühen Mahner und Warner ahnten noch nichts von den Tücken der modernen Fliegerei. Sie spürten einfach: Hier geht es wider unsere Natur. Und wo das Menschenmaß versagt, wo wir unser Leben kaum zu verstehenden Apparaten ausliefern, bleibt stets ein Unbehagen. Oft genug ist es leider berechtigt. 

Noch nie in der Geschichte der Luftfahrt war die Situation so unnatürlich wie jetzt. Das aufwendigste aller Transportmittel befördert zunehmend die Massen. Immer dichter wird das Netz; immer tiefer purzeln die Preise. Normale Deutsche fliegen heute zum Shopping nach London, weil ein Flugzeug sie schneller und günstiger hinbringt als ihr Auto in die nächste Großstadt. Für den Urlaub darf es noch ein wenig weiter sein. Warum nicht mal Domrep statt Malle?

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Doch statt uns an der neuen Freiheit zu freuen, spüren wir diese diffuse Angst, die sich mal hierhin, mal dorthin entlädt. Vor ein paar Jahren bangten wir um die eigene Haut. Man munkelte, die Billigflieger sparten an der Sicherheit. Belege dafür fanden sich nicht, aber irgendwie leuchtete es ein. Heute gilt unsere Sorge der Umwelt, die das Abgas der Triebwerke aushalten muss. Die Folgen, sagen manche, spürten wir ja schon. Auch das klingt zu schlimm, um falsch zu sein, weshalb wir schon gar nicht mehr fragen, woher der Alarm eigentlich kommt.

Aus der Wetterforschung jedenfalls nicht. Deren Zentralverlautbarung, der im Februar vorgestellte (Intergovernmental Panel on Climate Change)- IPCC-Bericht , erhärtet nur, was im Kern schon lange bekannt war: Mit ihrem Kohlendioxidausstoß beeinflussen die Industrieländer das weltweite Klima, und leider zu unserem Schaden. Land wird im Meer versinken oder versteppen – nicht zuletzt dort, wo wir heute unseren Strandurlaub verbringen. Wann das wie stark geschehen wird und was wir am sinnvollsten dagegen tun können, steht indes noch in den Sternen. Entsprechend wenig wissen wir über Schuld und Verantwortung der Luftfahrt.

Trotzdem dreht sich die Panikspirale. Nur immer dramatischere Prognosen finden noch Gehör. Bald schon werden wir das Wort »Klimakatastrophe« so satt haben wie, sagen wir, »Pandemie«. Und das ist fatal bei einem Problem, das so alt ist wie das Industriezeitalter und nur mit langem Atem gelöst werden kann. Aber nein: Jetzt was tun, irgendwas, schreien die Untergangspropheten. Und wir stimmen ein, überzeugt durch die sinnliche Gewissheit eines milden Winters.

Schon gut, Spott ist hier fehl am Platze. Man kann nicht oft genug daran erinnern, dass eine Flugreise keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Abenteuer, das wir mit Risiken für uns und für andere erkaufen. Aber braucht es dafür den Übereifer der Bekehrten, der seit ein paar Wochen grassiert? Mancher gebärdet sich, als hätte man ihm zeitlebens verschwiegen, dass ein Jumbojet nicht mit Windkraft fliegt. Politiker und Lobbyisten fordern allerlei Flugabgaben, -steuern, -verbote und bekommen zum Dank eigene Umweltsünden vorgerechnet. Nicht einmal Prince Charles blieb verschont, als er jüngst ein Flugzeug bestieg, um in New York einen Ökopreis anzunehmen.

Der liebste Prügelknabe aller Bessermenschen ist freilich wie so oft der Tourist. Einer, der nicht sät und nicht erntet, der gedankenlos durch die Welt prescht und so tut, als existierte sie nur zu seinem Vergnügen. Einer, der uns peinlich sein müsste, wäre er eine Existenzform und nicht nur ein hart erarbeiteter, wohlverdienter Teil unseres Lebens. Das rechtfertigt gewiss nicht alle Auswüchse des Massentourismus. Aber vielleicht doch jenes Quantum Energieverschwendung, von dem wir hier reden.

Betrachten wir die Verhältnisse: Der Flugverkehr verursacht nur wenige Prozent vom weltweiten Ausstoß an Kohlendioxid. Gering ist auch der Anteil von Fernreisen am Gesamtflugaufkommen und erst recht am Tourismus. Wir Deutsche tun ja längst, wie uns geheißen, und verbringen den Urlaub bevorzugt im eigenen Land. Das heißt: Selbst wenn wir alle New-York- oder Phuket-Fans zum Entzug in Schwarzwaldhütten sperrten, stünden wir noch immer vor dem gleichen Problem.

Freilich fehlt es nicht an Vorschlägen, wie man das Symptom, unser schlechtes Gewissen, kuriert. Ökozuschläge sollen das Abgas, das wir über den Wolken produzieren, mit Projekten auf der Erde gleichsam wieder aufsaugen. Aber selbst wenn das so einfach wäre, worauf liefe es hinaus? Die Reichen jetteten wieder unbeschwert ihrer Wege, und die Normalverdiener blieben daheim. Schon jetzt offeriert man ihnen allen Ernstes den Trost, dass die Menschen vor der Erfindung des Flugzeugs ja auch glücklich waren. Das waren sie vermutlich auch vor der Erfindung des Buchdrucks, aber klüger sicher nicht.

Wie heißt es so schön: Reisen bildet. Jedes Reisen. Wir haben kein Recht, die Nase zu rümpfen über Menschen, die elf Stunden fliegen, um eine Woche am Pool zu liegen. Auch die bringen vieles mit heim, das sie im Schwarzwald nicht fänden. Wer wie die Umweltaktivisten globales Denken fordert, der muss globales Reisen erleichtern und nicht erschweren. Die Maschinenstürmer aller Zeiten hatten ehrenwerte Gründe. Aber wo wären wir, wenn wir auf sie gehört hätten?
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Leser-Kommentare
  1. Deshalb steige ich jetzt in meinen dicken silbernen Wägen, fahre in die Stadt um Feinstaub zu produzieren und mir ein guten Buch zu kaufen (hoffentlich nicht aus Regenwaldholz).

    Ich wünsche auch allen Bedenkenträgern und Innen ein schönes Wochenende und immer dran denken, heute ist der erste Tag der Bachanalien!

  2. Kein normaler Umweltaktivist ist gegen Fernflüge. Die Globalisierung bedingt Langstreckenflüge und das ist auch gut so! Die Erweiterung des menschlichen Verstands durch Reisen und das gleichzeitige Zusammenwachsen der Welt ist von unschätzbarem Wert für die Welt. Denn weltfremde und beschränkte Menschen sind gefährlicher für diesen Planeten als gebildete, weltoffene und 'herumgekommene' Mitbürger. Wer die Versteppung in Teilen Afrikas mit eigenen Augen mitbekommen hat, wird sich mehr für den Klimaschutz einsetzen als derjenige, der vor seiner Playstation in Hintertupfingen hockt. Und für letzteres braucht man bekanntlich kein Flugzeug.
    ABER, wenn jemand meint, dass er trotz Hochgeschwindigkeitszugs von München nach Berlin, von Hamburg nach Düsseldorf oder von Frankfurt nach Bremen fliegen muss, der schert sich wahrlich wenig um die Folgen des Klimawandels...

  3. ... ja, solange noch irgendwelche Deppen mit Formel 1-Wagen so unsinnig durch die Gegend rauschen und die Umwelt (auch) verpesten. Und andere Deppen (und das darf hier nicht vergessen werden) dabei zusehen. Man könne sich mal Gedanken darüber machen, diesen Schwachsinn abzuschaffen!

    • r0ll0
    • 16.03.2007 um 17:56 Uhr

    Mal angenommen, diese Debatte wäre ernst gemeint; so würde ich mich fragen, welche CO2-Erzeuger am meisten Vertreten und am wenigsten Effektiv sind bezüglich 'Person / Energieaufwand zur Beförderung' . Privat-KFZ adieu!

  4. Deshalb empfehle ich das Yogische Fliegen, das nachweislich die Kohärenz der Gehirnwellen (Innenwelt) erhöht und damit das Bewusstsein erweitert (z.B. für die Umwelt).

    • Yadgar
    • 24.03.2007 um 18:49 Uhr

    Ich bin in den 37 Jahren meines bisherigen Lebens zweimal geflogen: 1988 in einen zweiwöchigen Pauschalurlaub nach Tunesien und 2003 über Ostern mit dem Billigflieger (pfui!) nach London, um Internet-Bekannte zu besuchen. In beiden Fällen hatte ich nicht das Gefühl, wirklich gereist zu sein, sondern kam mir eher vor wie der Benutzer einer Teleporter-Kabine in einem Science-Fiction-Film.
    Es hat wirklich etwas Surreales, im nebelverhangenen Köln-Wahn in eine Aluminiumröhre zu klettern und ganze 140 Minuten später im gleißenden Licht des tunesischen Sahels den Fuß auf afrikanischen Boden zu setzen...

    Wahres Reisen muss langsam vonstatten gehen, muss Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, erst dann führt es zu innerer Entwicklung, zu Erkenntnis der Welt als Zusammenhang. Alles andere ist hektisches, oberflächliches, bewusstloses Länderzapping, das sich in Cyberspace-Welten viel umweltschonender bewältigen ließe.

    Seit bald 25 Jahren träume ich davon, Afghanistan zu bereisen... und ich habe mir diese Fahrt immer als Fahrradreise vorgestellt, um ganz allmählich den Übergang von dem grauen, ewig verregneten Autobahnland, in dem ich wie die meisten Leser hier aufgewachsen bin zu den sonnenüberfluteten Weiten Zentralasiens zu erleben, den Übergang von der in Plüsch und Plastik verbunkerten klirrenden Wohlstandskälte zu einem ganz anderen, oft auch erschreckenden Lebensgefühl einer quasi mittelalterlichen Gesellschaft.

    Aber indem man sich mal eben in sechs Stunden mit Ariana Airlines nach Kabul baggern lässt, ist dies leider nicht zu haben... dann kommt man nach zwei, drei Wochen zurück mit einem wirren Sammelsurium von Eindrücken im Kopf und hat erst einmal überhaupt nichts verstanden.

    Nein, Reisen muss ein biographischer Prozess sein - und sei es nur ein einziges Mal im Leben!

    • Yadgar
    • 24.03.2007 um 19:13 Uhr

    Ich bin in den 37 Jahren meines bisherigen Lebens zweimal geflogen: 1988 in einen zweiwöchigen Pauschalurlaub nach Tunesien und 2003 über Ostern mit dem Billigflieger (pfui!) nach London, um Internet-Bekannte zu besuchen. In beiden Fällen hatte ich nicht das Gefühl, wirklich gereist zu sein, sondern kam mir eher vor wie der Benutzer einer Teleporter-Kabine in einem Science-Fiction-Film.
    Es hat wirklich etwas Surreales, im nebelverhangenen Köln-Wahn in eine Aluminiumröhre zu klettern und ganze 140 Minuten später im gleißenden Licht des tunesischen Sahels den Fuß auf afrikanischen Boden zu setzen...

    Wahres Reisen muss langsam vonstatten gehen, muss Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, erst dann führt es zu innerer Entwicklung, zu Erkenntnis der Welt als Zusammenhang. Alles andere ist hektisches, oberflächliches, bewusstloses Länderzapping, das sich in Cyberspace-Welten viel umweltschonender bewältigen ließe.

    Seit bald 25 Jahren träume ich davon, Afghanistan zu bereisen... und ich habe mir diese Fahrt immer als Fahrradreise vorgestellt, um ganz allmählich den Übergang von dem grauen, ewig verregneten Autobahnland, in dem ich wie die meisten Leser hier aufgewachsen bin zu den sonnenüberfluteten Weiten Zentralasiens zu erleben, den Übergang von der in Plüsch und Plastik verbunkerten klirrenden Wohlstandskälte zu einem ganz anderen, oft auch erschreckenden Lebensgefühl einer quasi mittelalterlichen Gesellschaft.

    Aber indem man sich mal eben in sechs Stunden mit Ariana Airlines nach Kabul baggern lässt, ist dies leider nicht zu haben... dann kommt man nach zwei, drei Wochen zurück mit einem wirren Sammelsurium von Eindrücken im Kopf und hat erst einmal überhaupt nichts verstanden.

    Nein, Reisen muss ein biographischer Prozess sein - und sei es nur ein einziges Mal im Leben!

  5. [ entfernt: Bitte verzichten Sie auf das Posten von Werbung. Danke. Die Redaktion/m.e. ]

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