Anteilseigner Konzernpolitik mit Senf

Hauptversammlungen ähneln oft Familientreffen. Wie sich Aktionäre bei Kaffee und Würstchen die Strategie ihres Unternehmens erklären lassen: Das Beispiel ThyssenKrupp.

Am Buffet kommt keiner vorbei. Im Angebot sind Bagels mit Frischkäse, die sind jetzt modern, und Panini. Und natürlich Würstchen, davon jede Menge. Es ist Hauptversammlung beim Stahlkonzern ThyssenKrupp. Kleinaktionäre schlendern durch die Wandelhallen, Großanleger verabreden sich zum Essen, Konzernmanager erläutern ihre Strategien.

Auch Wilfried Müller ist ins Bochumer Kongresszentrum gekommen. Er arbeitet beim ThyssenKrupp-Stahlwerk in Duisburg, als Schlosser. »Früher gab’s hier noch viel mehr zu essen«, sagt Müller. »Ist leider weniger geworden in den letzten Jahren.« Der Blick seines Kollegen Günter Back wandert zum Monitor. Dort wird der Auftritt von Gerhard Cromme übertragen, dem Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp. Wortfetzen dringen herüber: »…wir stehen für die soziale Vernetzung … maximal drei Mitglieder in den Aufsichtsrat zu entsenden…« Es geht um die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Die soll das Recht bekommen, künftig drei Mitglieder ihrer Wahl in den Aufsichtsrat zu entsenden. Das sei eine Maßnahme gegen feindliche Übernahmen, weiß Stahlarbeiter Back. Keine Heuschrecke wolle eine Firma, in der eine gemeinnützige Stiftung das Sagen hat.

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Wilfried Müller verdreht die Augen und flüstert: »Cromme.« Eigentlich hat er nichts dagegen, den Einfluss der Stiftung zu vergrößern. Aber: »Cromme. Das sind alte Feindschaften.« Müller spricht von Kämpfen in den Neunzigern, als Krupp Thyssen schlucken wollte. Cromme war die treibende Kraft, die Arbeiter bewarfen ihn mit Eiern. Günter Back erinnert sich, wie ihn die Kollegen um fünf Uhr früh anriefen. Komm zum Tor. Krupp will uns kaufen. »Tagelang war ich da unterwegs«, sagt Back. »Das war wie im Krieg.« Später kam es zur friedlichen Fusion. Jetzt will Cromme den Konzern gegen auswärtige Stahlriesen schützen. Back: »Komischerweise muss ich dem heute recht geben.«

Back und Müller, beide Anfang 50, sind hier, um ihre Rechte wahrzunehmen. Als Aktionäre. Back besitzt 248 Anteilsscheine, Müller »um die 80«. Insgesamt sind rund 550 Millionen ThyssenKrupp-Aktien in Umlauf. Back sagt: »Wir haben festgestellt, dass wir als Arbeiter wissen müssen, was hier drinnen los ist. Um zu verstehen, was mit unserem Konzern passiert. Es reicht nicht aus, nur seinen Job gut zu machen.« Sein Kollege Müller stimmt ihm zu: »Wir hatten mal die Idee, alle Belegschaftsaktien zu bündeln, um Macht in der Hauptversammlung zu bekommen.« Allerdings muss Müller zugeben: Selbst wenn alle Mitarbeiter ihre Aktien zusammenlegen würden – was sie nicht tun –, käme nur etwas mehr als ein Prozent an ThyssenKrupp-Stimmen zusammen. Trotzdem wollen die beiden unbedingt diese Idee umsetzen. Back ist bei der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, Müller bei der IG Metall. Dort werben sie dafür.

Unterdessen hat in der großen Halle die Aussprache der Aktionäre über die Tagesordnung begonnen. 25 Redner haben sich angemeldet. In ihren Manuskripten sind jede Menge Fragen an den Vorstand notiert. Eine Frau aus Süddeutschland möchte wissen, welche Waffensysteme ThyssenKrupp an wen verkauft – der Vorstand berichtet über eine Handvoll Exportgeschäfte mit U-Booten und Fregatten. Ein anderer Aktionär fragt nach den Sponsorengeldern, die ThyssenKrupp vergibt und die man doch auch als Dividende ausschütten könnte. 4,4 Millionen Euro ließ der Konzern für solche Zwecke springen. Und wie viele Firmen wurden im vergangenen Geschäftsjahr liquidiert? Die Antwort: 43 Unternehmen aus dem Umfeld des Hauses wurden binnen 12 Monaten aufgegeben.

Back und Müller sitzen mittlerweile auf den Zuschauerrängen und hören den Rednern zu. Richtig spannend wird es für sie aber erst, als Hans-Christoph Hürth spricht. Der Deutsche mit britischem Akzent vertritt Pensionsfonds aus Großbritannien, die rund ein Prozent der Aktien halten. Hürth sagt entschlossen: »Die geplanten Änderungen zugunsten der Krupp-Stiftung widersprechen den internationalen Grundsätzen der Unternehmensführung.« Back macht ein abfälliges »Tssss…«. Dann sagt der Investorenvertreter, dass er im Namen seiner Fonds eine Klage prüfen werde gegen eine Entscheidung, die einseitig die Stiftung bevorzuge. »Es werden fundamentale Rechte der Aktionäre ausgehebelt.« Seine Aktien würden wohl an Wert verlieren, wenn die Heuschrecken nicht mehr auf Übernahmen spekulieren können, vermutet Müller. Und Back sagt: »Der spinnt wohl.« Nach dem Auftritt des britischen Investors leert sich der Saal. Auch Back und Müller gehen noch auf einen Kaffee in den ersten Stock.

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