Gezähmte Brüder
Wieso plötzlich so vernünftig? Gewöhnlich schlagen die Kaczyski-Brüder gekränkt zurück, wenn deutsche Zeitungen oder Politiker über sie spotten. Doch auf Vergeltung hat die Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach diesmal vergeblich gewartet, als sie kurz vor Angela Merkels Polenbesuch die dortigen Parteien mit deutschen Rechtsextremisten verglich. Der Schuss aus Warschau blieb aus. Was ist los?
Präsident Lech Kaczyski und sein Bruder Jarosaw scheinen geläutert einstweilen. Denn Merkel reist zwar als deutsche Kanzlerin nach Warschau aber auch als EU-Ratspräsidentin, die für die EU-Verfassung wirbt. In dieser Frage gab Polen schon einmal den Buhmann, als es vor vier Jahren eine Reform des schwerfälligen EU-Abstimmungsmodus verhinderte. Der damalige Premier beharrte auf dem reformbedürftigen Vertrag von Nizza und rief pathetisch »Nizza oder Tod!«
Sicher, auch die Kaczyski-Brüder misstrauen dem Vertragswerk. Doch an einer Isolation in der EU ist ihnen noch weniger gelegen. So hat Polen beim EU-Klimagipfel vergangene Woche zwar gezögert, aber den ehrgeizigen Plänen schließlich doch zugestimmt. Und als es um EU-Truppen für den Kongo ging, schickte Polen als eines der ersten Länder seine Soldaten. Wenn wichtige EU-Fragen drängen, vermeiden die Kaczyskis Zoff mit ihren Partnern. Brüssel bringt selbst Unvernünftige zur Vernunft. Zumindest vorübergehend.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.6
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