Brain Drain Forschung im Korsett
Gerade erhielt der Klimaexperte Gerald Haug in Berlin den hochdotierten Leibniz-Preis. Nun kehrt er der deutschen Bürokratie den Rücken und zieht in die Schweiz.
Feiern hat sie gelernt, die deutsche Wissenschaft. Das konnte sie am vergangenen Dienstag wieder einmal beweisen. An einem der schönsten Plätze Europas, dem Berliner Gendarmenmarkt, in einem der schönsten Räume der Forschung, dem Festsaal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Der Rahmen stimmte bei der diesjährigen Verleihung der höchstdotierten deutschen Forschungspreise. Jeweils bis zu 2,5 Millionen Euro erhalten die zehn Leibniz-Preisträger des Jahres 2007.
Doch das Fest der Forschung hat einen kleinen Schönheitsfehler. Kaum ausgezeichnet, ist einer der Preisträger auch schon im Begriff, das Land zu verlassen. Die ETH Zürich hat den Klimaforscher Gerald Haug vom Geoforschungszentrum Potsdam abgeworben. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schwärmt Haug von der Freiheit, die dort für Forscher herrsche, und beklagt zugleich die zunehmende Unfreiheit der Wissenschaft hier in Deutschland.
Unfreiheit? Standen nicht eben noch alle Signale auf Aufbruch? »Exzellenzinitiative«, »High-Tech-Strategie«, »Hochschulpakt 2020«, »Sechs-Milliarden-Euro-Programm für Forschung und Entwicklung«, »Kollegs für Geisteswissenschaftliche Forschung« – das sind allein die Pläne und Verheißungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Forschungsräte und Fördermilliarden verspricht zudem auch noch Brüssel. Aus Deutschland wie aus ganz Europa scheint es für die Wissenschaft nur gute Nachrichten zu geben.
Doch wenn Politiker Geld geben, wollen sie auch mitreden. Sie bestimmen den ökonomischen Nutzen und die gesellschaftliche Relevanz von Forschung. Sie dirigieren Workshops, Hintergrundkreise, Planungszirkel. Sie definieren Förderrichtlinien und diktieren Rahmenprogramme. »Typisch deutschen Dirigismus« nennt Gerald Haug dieses Korsett. Die damit verbundene Forschungsbürokratie verschlinge einen wesentlichen Teil seiner Arbeitszeit.
Haug ist in einer besonderen Lage. Sein Institut gehört der Helmholtz-Gemeinschaft an, und die hat sich zur Jahrtausendwende explizit der programmorientierten Förderung und Forschung verschrieben – mit entsprechenden bürokratischen Folgen. Doch nicht nur Helmholtz-Forscher spüren die Unfreiheit. Auch der ganz normale deutsche Hochschullehrer kämpft in Akkreditierungsverfahren, Evaluationen oder banalen Anträgen, etwa für einen neuen Kopierer, mehr mit Formularen denn mit wissenschaftlichen Papieren.
Als Flucht aus Deutschland will Haug, das betont er in einem Gespräch mit der ZEIT, seinen Umzug nach Zürich nicht verstanden wissen. Einen Denkzettel für deutsche Forschungspolitiker hinterlässt er aber sehr wohl: »Fünfjahrespläne hatten wir doch schon einmal. Wir sollten also wissen, dass das nicht funktioniert – schon gar nicht in der Wissenschaft.«
- Datum 17.03.2007 - 13:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
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Sollte uns das nicht zu denken geben? Geld allein macht nicht glücklich. Einem Gelehrten bedeuten optimale Arbeitsmöglichkeiten und völlige Freiheit der Forschung ohne Kompetenzstreit, Kollegenneid und bürokratischen Kleinkram mehr als alles Geld in der Welt. Ein Politiker wird das freilich nie und nimmer begreifen.
Deutschand bleibt das Zentrum des Mittelmasses, eingezwaengt in angstbeherrschter Erstarrung. Daran aendern auch Milliarden nichts. Wer kreativ ist, etwas bewegen will muss weg, denn Deutschland kuemmert sich vor allem um Rentner. Zutiefst rueckwertsgewandt, von besseren Zeiten traeumend, die immer schon vergangen sind, schafft es Deutschland mit Geld allein nicht, Menschen zu binden, deren Denken in die Zukunft gerichtet ist. Neugier, Forscherdrang, Kreativitaet braucht offene Strukturen, geistige Aufbruchstimmung. Geld gibts woanders auch und dahin geht der brain drain. Der Letzte mache das Licht aus.
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