Literatursendungen Sandmännchen für Bildungsbürger

Das Fernsehen und die Bücher

In der ARD gibt es bislang zwei Literatursendungen. In der einen Sendung sitzt Ulrich Wickert in einem roten Ledersessel und befragt freundlich und grauhaarig seine Gäste, die in ihren ebenfalls roten Ledersesseln merkwürdig eingeklemmt aussehen und so wirken, als sei draußen das Jahr 1981 und weder das Privatfernsehen noch das Internet stellten das infrage, was sie hier tun. Das ist sehr behäbig; aber wie sie da über Bücher plaudern, als sei es das Normalste der Welt, das hat einen gewissen Charme von Überlebtheit, der schon wieder sympathisch ist.

In der anderen Sendung rennt Dennis Scheck mal mit Champagnergläsern durch einen Flughafen-Hangar, mal trifft er einen Motorradfahrer auf einer Landstraße, er setzt sich auf Parkbänke unter Palmen oder auf den Holzturm eines Rettungsschwimmers am Strand, wenn das Buch, um das es gehen soll, davon handelt, dass man durchs Lesen sein Leben retten kann. Das ist manchmal nervig und meistens sehr aufgekratzt; aber alles in allem, das ist die eigentliche Botschaft dieser Sendung, hat hier immerhin jemand verstanden, dass wir im 21. Jahrhundert leben.

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Die ARD hat nun entschieden, Wickerts Bücher und Schecks Druckfrisch am späten Sonntagabend auf den gleichen Sendeplatz zu legen, als eine Art Sandmännchen für Bildungsbürger, und zu testen, welches Konzept besser funktioniert, das ewige 1981 mit dem Rotwein trinkenden Räsonneur Wickert oder der weltreisende Reißwolf Scheck mit seiner schon wieder leicht gestrigen Wackelkamera – und die direkte Konkurrenz der beiden Sendungen zeigt vor allem, dass das Verhältnis von Kultur und Fernsehen immer noch vom schlechten Gewissen der lesenden Kaste geprägt ist.

Warum sonst versucht Dennis Scheck immer so fabelhaft gut gelaunt alle Zweifel wegzugrinsen? Warum sind seine Buchfilmchen immer so kurz und hastig? Warum redet Wickert mit Literaten und Lebensberatern mal über Essen, mal über Verzicht, aber nur sehr selten über Bücher? Warum schlittert er so wenig selbstbewusst durch seine Sendung, die doch selbst am späten Sonntagabend sehr inspirierend sein könnte?

Wickert hatte, als er seine Sendung plante, sicher das Beispiel Frankreich vor Augen, wo mit Geist und auch Gemeinheit vor der Kamera über neue Bücher geredet und gestritten wird. Und vielleicht ist es genau das, was den beiden Sendungen fehlt, sogar dem an sich streitlustigen, aber fast immer monologisierenden Scheck: In unserer ewigen Konsensrepublik fehlen oft die Leidenschaft und der Mut, sich tatsächlich ganz für eine Sache, für ein Buch einzusetzen. Oder sich darüber zu echauffieren.

Besonders einflussreich sind übrigens beide ARD-Literatursendungen nicht. Bücher kommen nun mal nur dann auf die Bestsellerlisten, wenn Elke Heidenreich sie im ZDF vorstellt. Georg Diez

 
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