Glücklich in der Kinderkrippe

Deutschland kann sich auf wenig einigen, aber darauf schon: »Knut ist so unglaublich süß!« Knut, Eisbärjunge aus dem Berliner Zoo, verstoßen von der Mutter, die ihn auffressen würde, wäre Knut nicht in der Obhut seines Pflegers. Zoobabys waren schon immer beliebt, sie kamen in die örtliche Tageszeitung. Aber das wars dann. Knut hingegen: Berlinale-Plakate waren vor Kurzem mit »Welcome Knut« überpinselt, Knut bekommt eine eigene Fernsehsendung und einen Knut-Blog im Internet, erwachsene Männer drucken Knut-Fotos aus und schicken sie ihrer Mutter. Die Popularisierung des Eisbären Knut speist sich aus dreierlei: Er ist erstens ein Angehöriger einer Art, die es, wenn die Erde immer heißer wird, schwer haben wird. Zweitens profitiert Knut vom Umstand, dass Kinderlose ihren Niedlichkeitsbedarf durch die Knut-Fotos stillen. Und drittens ist Knut in der Kinderkrippen-Debatte ein Symbol des Fortschritts geworden: Knut lebt nicht bei seiner Mutter, die hat ihn sogar verstoßen, er wird von frühester Kindheit an aufgezogen von einer Fachkraft, sogar von einem Mann! Und es geht ihm richtig gut dabei. So gesehen, gebührt ihm noch viel mehr Aufmerksamkeit, als er jetzt schon hat. Könnte man nicht das Foto von ihm hier ein klein wenig größer drucken?

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.66
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