Spaziergang Der ewige Kümmerer

Ob bei der Bild-Zeitung oder beim Autobauer Ford: Günter Wallraff machte sich einst viele Feinde. Wogegen kämpft er heute? Hanns-Bruno Kammertöns besuchte den Reporter mit der Tarnkappe

Über den Kölner Melaten-Friedhof geht ein Mann von bald 65 Jahren. Seine große Zeit liegt zwanzig, dreißig Jahre zurück. Damals war Günter Wallraff eine deutsche Berühmtheit. Als Reporter mit Tarnkappe hat er sich Feinde gemacht, einen nach dem anderen. Als schnurrbärtiger Arbeiter Ali bei Thyssen, als windiger Reporter bei Bild, als Bürobote im Gerling-Konzern. Immer undercover, immer volle Konfrontation. Seine Berichte aus dem Innenleben deutscher Institutionen wurden legendär. Und nun geht über den Melaten-Friedhof ein Mann im Rentenalter. Nostalgisch? Verbittert? Oder altersmilde? Nichts von alledem, wie es scheint. Wallraff macht einfach weiter.

Ein Spaziergang? Mit ihm? Einer wie Günter Wallraff schlendert nicht herum, der ist kein Flaneur, keiner dieser Typen, die Promenaden bevölkern und an einer Ampel erst gehen, wenn Grün ist. Ein richtiger Belastungstest wäre ihm lieber. Im Bergischen Land beispielsweise kennt er so einen Parcours, »der einem einiges abverlangt«, dabei ganz idyllisch gelegen, »immer am Ufer eines kleinen Flusses entlang«. Nach knapp vier Stunden kommt der Gasthof Rausmühle, wo Wallraff ermattete Mitläufer gerne ablegt. Der Gedanke an einen solchen Ausflug weckt seine Vorfreude, mit Strapazen belohnt sich der Schriftsteller gerne.

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Wie wäre es, schlägt er vor, mit seinem Zweierkajak den Rhein zu befahren? Danach womöglich noch eine Runde Tennis einlegen oder Squash und Sauna? Marathon ist er früher gelaufen, an seinen besten Tagen habe er zwei Stunden und fünfzig Minuten für die 42 Kilometer gebraucht. Solche Zeiten sollen nicht in weite Ferne rücken. Es gehe darum, »die Grenzen auszuloten, sich zu spüren, zu sehen, was man noch draufhat«. Andererseits, sagt Wallraff, habe er mittlerweile auch gelernt, »die Faulheit zu genießen«. Heute könne er sich hinlegen ohne den Gedanken daran, »irgendwann schnell wieder aufzustehen«.


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Asket und Schlendrian – Wallraff scheint die Analyse zu amüsieren. Er genießt es, wenn ihm Pointen gelingen. Unverzüglich verzieht er sein Gesicht zu einem Lachen, das merkwürdig lautlos bleibt, nur seine schlanke, hoch aufgeschossene Gestalt schüttelt sich dabei ein wenig durch. »Okay«, sagt er dann milde, »gehen wir ein paar Meter spazieren.« Von sich aus schlägt er als Ziel den nahen Melaten-Friedhof vor. In der Diele seines Hauses greift Wallraff zu einer schwarzen Lederjacke, dann tritt er aus der Tür hinaus in die Thebäerstraße, hinein in das multikulturelle Leben von Köln-Ehrenfeld.

Heute noch sorgt er sich mit einem Rechtshilfefonds um »Bild«-Opfer

Seit Jahrzehnten wohnt Wallraff in diesem Viertel. Die Zahl der »Zugereisten« schätzt er mittlerweile auf mindestens ein Drittel, »trotzdem ist es alles andere als ein Ghetto«. Jeder kennt jeden, in der Thebäerstraße darf man sich geborgen fühlen, gerade auch jener Nachbar trägt dazu bei, der fast jeden Tag im Unterhemd auf seinem Fensterkissen liegt.

Fragt Wallraff den Mann mit den wirren Haaren, der alles auf der Straße unter Beobachtung hat, wie es ihm denn gehe, dann brummt der stets: »Is mer ejal.« Diese Antwort hat bei Wallraff noch jedes Mal für gute Laune gesorgt. Wenn er »in den Kampagnen«, wie er es nennt, mal wieder so richtig im Getümmel stand, also alle – einschließlich Verfassungsschutz – gegen ihn waren und Wallraff wie gewohnt wieder mit dem Rücken zur Wand stand, dann diese Antwort des Nachbarn zu hören: »Is mer ejal.«

Leser-Kommentare
  1. Trostloser Artikel!

    Ich habe Dich bewundert, kenne Dich indirekt ueber Horst, der behauptet, Du haettest ihn geschlagen!

    Ruf mal an

    Gerhard

    0032 497 33 68 14!

  2. Das mutige, manchmal clowneske, dann luxuriöse, aber immer solidarische Leben des Wallraff könnte er noch fortsetzen, als HARTZ-IV (.. oder -V)-Tester; in den Amtsstuben, den Vorhällen der Ackermanns; aber da müsste er überall als dienstfertige Frauensfigur antreten; sonst käme er nicht mehr an die Portfolios und Sexfallen und Ferienwohnungen der Ober-Prekären und ihre Fürsten-Attitüden heran.

    Ja, Wallraff hat was geleistet, was Politiker, Gewerkschaftler und Normal-Journalisten nicht geschafft haben: den Kapital-Affen auf und unter den Schreibtisch, in die Putzeimer und in die Papierkörbe (oops: Rundordner) und PC.s zu schauen.

    Glückwunsch! - Und Dank dem Kammertöns für die Reportage!

    • Anonym
    • 19.05.2008 um 16:33 Uhr

    Günter Wallraff betreibt unter dem Deckmäntelchen vorgetäuschter Solidarität mit den Unterprivilegierten eine schier unerträgliche Selbstdarstellung und Selbststilisierung. (gekürzt. Bitte bleiben Sie in Ihrer Kritik sachlich und fair. Die Redaktion/jk)

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