Spaziergang Der ewige KümmererSeite 4/4

Auf dem Melaten-Friedhof von Köln hat es zu regnen begonnen, der Schriftsteller erinnert sich an den Abend zuvor, an dem es spät geworden sei. Er saß mit Freunden zusammen, einer von ihnen hatte von seiner Ehekrise zu berichten. Gemeinsam suchten sie nach Lösungen, als wären die in einer Nacht einfach so zu finden.

Manchmal hat auch Wallraff keine mehr gefunden. Während seiner ersten Scheidung nahm er einen Strick, hängte ihn an einen Dachbalken, nahm Maß und stellte sich eine einfache letzte Frage. Dass seine Frau genug von seinen Eskapaden hatte – »damals hatte ich meine experimentelle Phase« –, erschütterte ihn so sehr, dass er an seinem Leben verzweifelte.

Heute ist Wallraff in dritter Ehe verheiratet, seine Frau verbringt das Jahr zusammen mit den Töchtern auf Lanzarote, sie telefonieren viel, in Abständen besucht er seine Familie. Es sei schon ein eigenartiges Leben, das er führe, merkt Wallraff an.

Ist er glücklich? Er erwähnt Ecki, seinen wohl besten Freund, Freigänger zurzeit. »Hat viel mit Tresoren gemacht, aber er hat nie jemanden bedroht«, Ecki hasse Gewalt, das habe er an ihm von Anfang an gemocht. Irgendwann haben sie Tischtennis bis morgens um neun gespielt, dann sackte Wallraff zusammen, dabei hatte Ecki den Schläger noch in der Hand. Beeindruckend.

Er weiß selber nicht, warum er plötzlich auf den eigenen Tod zu sprechen kommt, »aber vielleicht ist ja der Friedhof schuld«. In diesen Wochen führt Wallraff einen erbitterten Streit mit einem Mann, der ihm ein Manuskript ins Büro geschickt hat. Behauptet der jedenfalls. Wallraff hat alles abgesucht. Es ist nicht zu finden. Die Sache eskalierte. »Nun will der Mann zur Tat schreiten.«

Nicht dass sich Wallraff sonderlich fürchtet. Nur umgebracht zu werden von einem solchen Mann, »das würde einen völlig falschen Eindruck hinterlassen«. Wallraff steht wieder an seiner Haustür, im Briefkasten stecken neue Reklamezettel. »Ein solches Ende wäre unter meinem Niveau.«

Der andere Blick
Günter Wallraff wurde am 1. Oktober 1942 in Burscheid bei Köln geboren. Sein Vater stand als Arbeiter am Fließband bei Ford. Dabei ruinierte er sich seine Gesundheit, was den Sohn dazu bewog, ebenfalls bei Ford zu arbeiten, allerdings inkognito, um später in seinen Büchern die Missstände anzuprangern. Noch heute wohnt Wallraff in seinem Elternhaus, in dem seine Großeltern, Hugenotten aus Südfrankreich, Klaviere bauten. Als die ersten Gastarbeiter in Deutschland ankamen, wurden sie zum Thema in Wallraffs Reportagen. Heute, in Zeiten eines globalisierten Arbeitsmarktes, ist dieser Blick wichtiger denn je.


Aus dem Archiv
Meine Lehrjahre - Günter Walraff als Pazifist bei der Bundeswehr (DIE ZEIT 45/2000) »

 
Leser-Kommentare
  1. Trostloser Artikel!

    Ich habe Dich bewundert, kenne Dich indirekt ueber Horst, der behauptet, Du haettest ihn geschlagen!

    Ruf mal an

    Gerhard

    0032 497 33 68 14!

  2. Das mutige, manchmal clowneske, dann luxuriöse, aber immer solidarische Leben des Wallraff könnte er noch fortsetzen, als HARTZ-IV (.. oder -V)-Tester; in den Amtsstuben, den Vorhällen der Ackermanns; aber da müsste er überall als dienstfertige Frauensfigur antreten; sonst käme er nicht mehr an die Portfolios und Sexfallen und Ferienwohnungen der Ober-Prekären und ihre Fürsten-Attitüden heran.

    Ja, Wallraff hat was geleistet, was Politiker, Gewerkschaftler und Normal-Journalisten nicht geschafft haben: den Kapital-Affen auf und unter den Schreibtisch, in die Putzeimer und in die Papierkörbe (oops: Rundordner) und PC.s zu schauen.

    Glückwunsch! - Und Dank dem Kammertöns für die Reportage!

    • Anonym
    • 19.05.2008 um 16:33 Uhr

    Günter Wallraff betreibt unter dem Deckmäntelchen vorgetäuschter Solidarität mit den Unterprivilegierten eine schier unerträgliche Selbstdarstellung und Selbststilisierung. (gekürzt. Bitte bleiben Sie in Ihrer Kritik sachlich und fair. Die Redaktion/jk)

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