DISKOTHEK In 88 Tasten um die Welt
Es gibt Musik und es gibt MUSIK. Die eine braucht man, um sein Leben auszumalen, die andere, um sich vom Leben zu befreien, die eine, um seine Zeit zu spüren, die andere, um sich davon zu lösen. Über die erste Form müsste man nicht viel Aufhebens machen obwohl gerade sie im medialen Mittelpunkt steht , sie hört sich, verkauft sich, preist sich von selbst. Die zweite Form ist nicht notgedrungen schwieriger, ästhetisch verzwickter oder anstrengender, sie bedingt schlicht ein anderes Verhältnis zwischen Hörer und Musiker, zwischen Konzert und Plattenfirma vier Koordinaten, die den Moment des Hörens in den Mittelpunkt stellen. Oder wie der Musiker Peter Niklas Wilson einmal schrieb, »die Feier des JETZT«.
Der Pianist Alexander von Schlippenbach zählt zu jener sturen Spezies von Jetzt-Musikern, die Improvisation und Komposition, Jazz und den Rest leben und ihn praktizieren: in den sechziger Jahren mit dem Manfred Schoof Quintett, mit der riesigen Free-Jazz-Formation, dem Globe Unity Orchestra, dann im Trio mit den Blutsbrüdern Paul Lovens und Evans Parker, später im Duo mit seiner Frau Aki Takase. Immer am Flügel denkend, am Flügel suchend, den Flügel bearbeitend. Nie hat sich Schlippenbach elektronisch oder präparierend am Instrument vergriffen, die 88 Tasten sind seine Welt, als »gestimmtes Schlagzeug« (Cecil Taylor) wie als harmonisch zu ergründendes Zauberwerk.
Nun hat er sich drei Tage im Juni 2006 wieder als Solopianist zurückgezogen, legt zwei CDs vor, die zum Generalschlüssel für sein Universum taugen. Vier Twelve Tone Tales strukturieren die Alben, sein Lehrer Bernd Alois Zimmermann kommt mit Allegro Agitato ebenso zu Ehren wie sein Jazzidol Thelonious Monk oder Eric Dolphy. » Kein Zweifel, ich bin Jazzmusiker«, hat Schlippenbach einmal klar gemacht, und so durchzieht ein unglaublich dynamischer Drive diese dichten und durchsichtigen Stücke. Brummelnd spricht der Grandseigneur des freien Jazz über die linearen Patterns, so melodiös klang Zwölftonmusik selten, so stringent war Jazzimprovisation lange nicht zu hören. In seiner »Kugelgestalt der Zeit« hatte Zimmermann den Gedanken einer Musik entwickelt, in der sich verschiedene Zeitschichten und unterschiedliche stilistische Ebenen überlagern. Hier ist sie in reiner Vollendung zu hören.
Alexander von Schlippenbach: Twelve Tone Tales
Vol. 1
& - 2 - Intakt Records 115/116
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.54
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