Die Zukunft des Fernsehens trägt Jeans mit Löchern im Knie und lebt in einem kleinen Zimmer im ersten Stock eines Einfamilienhauses in 21629 Neu Wulmstorf. Der Besucher wird gebeten, die Schuhe auszuziehen und Platz zu nehmen auf einem kleinen Hocker neben dem Schreibtisch, auf dem zwei riesige Computermonitore stehen. Die Zeit drängt, und das liegt nicht am typischen Recherchedruck der Branche oder an akuten Sendeterminen. Später an diesem Tag stehen einfach noch Hausaufgaben an. Tausende von Zuschauern sehen Inken Helldorfer alias Elsa Seefahrt zu BILD

Alexander Böhm ist 18 Jahre alt, und wenn man ihn eine Fernsehhoffnung nennt, ringt man ihm ein Grinsen ab. Er besucht die elfte Klasse des Gymnasiums in dem 20.000-Einwohner-Städtchen bei Hamburg. Er ist nicht gerade einer der besten Schüler, er wiederholt gerade ein Jahr. Doch er bastelt an einer ganz anderen Karriere: Von zu Hause aus produziert er jede Woche mit eiserner Disziplin ein zwanzigminütiges TV-Magazin. Es ist nicht im Fernsehen zu sehen, sondern allein im Internet abrufbar, über eine schnelle Datenleitung lässt es sich jederzeit auf den Computerbildschirm holen. Und tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass junge Menschen wie Alexander Böhm das Fernsehen in den nächsten Jahren stark verändern werden – nicht nur als Publikum, sondern vor allem auch als Macher.

Böhms Magazin heißt alexTV. Seit drei Monaten lädt er jeden Samstag Punkt 18 Uhr eine neue Folge von alex.TV auf das Videoportal Sevenload und auf seine eigene Website. Er ist Moderator, Redakteur, Cutter und Grafiker in einer Person. Liest an einem Stehtisch kuriose Nachrichten aus aller Welt vor, das Ansteckmikrofon am Cordjackett befestigt. Er trägt Top-Ten-Listen dummer Sprüche zusammen, spielt mit einem Freund Sketche oder greift zur Gitarre und singt deutsch-englische Unsinnstexte. Im Hintergrund bewegen sich blaue Spiralmuster, Textzeilen gleiten durchs Bild. Die Optik erinnert an Vorabendmagazine von Privatsendern. Es wirkt so professionell, dass man glatt vergessen könnte, dass dies die Sendung eines Gymnasiasten ist, produziert im Wohnzimmer seiner vor fünf Jahren verstorbenen Großmutter.

Der Junge mit dem Unterlippenbart und der randlosen Brille verkörpert eine neue Fernsehkultur. Auf den Videoportalen gibt es längst Sendungen zu praktisch jedem Thema, neben allerlei Klamauk auch ambitionierte Beiträge über Finanzthemen, Kochen oder Kunst. Ohne viel Geld produziert, aber mit großer Lust am Improvisieren und Herumbasteln. Und obwohl manche dieser Sendungen eher wie ein Selbstzweck wirken: Tausende von Menschen sehen zu. alexTV bringt es auf 6000 Abrufe pro Woche. Und die Zahlen steigen. Einige Shows haben nach eigenen Angaben bereits mehr als 100000 Zuschauer. »Für mich sind 6000 Abrufe viel«, sagt Alexander Böhm. »Ich bekomme massenweise E-Mails, auf der Website hinterlassen die Leute Kommentare.« Und die vermeintliche Flüchtigkeit des Mediums verkehrt sich auch bei ihm ins Gegenteil: »Alle Beiträge stehen ewig im Netz.«

Der gegenwärtige Boom des Internetfernsehens begann mit der Gründung der Videoplattform YouTube Anfang 2005. » Broadcast yourself « lautete der Slogan, sende dich selbst. Jeder, der eine Videokamera besaß, konnte eigene Filme kostenlos online stellen. Heute werden auf YouTube jeden Tag 65000 neue Videos hochgeladen, 100 Millionen Clips von Nutzern abgespielt. Für 1,6 Milliarden Euro kaufte der Branchenriese Google YouTube voriges Jahr. Vorige Woche kündigte die altehrwürdige BBC an, ihre Sendungen künftig auch über YouTube zu vertreiben.

Mit leichter Verzögerung sind die digitalen Clips auch in Deutschland zum Massenmedium geworden. Das größte deutsche Portal, MyVideo, zählt mittlerweile über sieben Millionen Abrufe täglich. Aus Angst, den Kontakt zum jungen Publikum zu verlieren, drängen auch die großen Privatsender zunehmend ins Netz. Die ProSiebenSat.1-Gruppe hält Anteile an MyVideo, das Videoportal Clipfish gehört RTL. Das größte unabhängige Portal in Deutschland ist Sevenload, es wird betrieben von einer Kölner Internetfirma. In Dortmund plant der WDR unter dem Arbeitstitel »young.wdr.de« eine öffentlich-rechtliche Variante der Videoportale, allerdings sollen professionelle Redakteure die hochgeladenen Inhalte kontrollieren und einsortieren.