Thomas Doll sieht nicht aus wie ein Retter am Dienstagmorgen dieser Woche. In einer Pressekonferenz wurde er soeben als der neue Trainer des BVB Borussia Dortmund präsentiert. Er schaut auf die Tischplatte vor ihm und auf die bunten Mikrofone, er befeuchtet seine Lippen. »Wie wollen Sie den Abstieg verhindern?«, fragen die Journalisten. Für den BVB ist Doll der dritte Trainer in dieser Saison, er soll es nun richten. Der BVB hat zuletzt sechs von acht Spielen verloren. Doll sagt: »Wir werden jetzt Gespräche führen. Entscheidend ist, den Kopf klarzukriegen.« In Hamburg war Thomas Doll Publikumsliebling. Welche Rolle nimmt er in Dortmund ein? BILD

Im Herbst und im Winter saß Doll, 40, noch im Abstiegskampf vor dem HSV-Emblem und suchte ebenfalls nach Worten, die Hoffnung ausstrahlen sollten. Seine Gesichtszüge wirkten damals ungewohnt hart, die Augen leer. Am Ende holte er nicht einen einzigen Heimsieg. Doll war der tragische Held der Bundesliga, und das ganze Land sah seinem Leiden zu, Samstag für Samstag. Es sind kaum sechs Wochen seit seiner Entlassung vergangen. Jetzt geht das Spiel von vorn los.

Ein paar Tage vor dem überraschenden Anruf aus Dortmund, als wir ihn in einem Hotel am Hamburger Flughafen zum Interview trafen, hatte er noch gesagt, so eine Pause sei nichts Schlechtes. Er gehe jetzt mit seinem Hund spazieren und bessere sein Englisch auf, er finde endlich Zeit für den Tanzkurs, den er seiner Frau versprochen hatte.

»So ist das im Profifußball«, sagte Doll und rückte den Aschenbecher in die Mitte des Tisches. »Das ist der Trainer«, sagte er. »Und hier sind die ganzen Leute, die etwas von ihm erwarten.« Er stellte eine Kerze neben den Aschenbecher: die Fans. Er zog das Glas mit den Zahnstochern heran: die Mannschaft. Die Blumenvase: der Vorstand. Die Wasserflasche: die Medien. Doll zog an seiner Zigarette. Er hatte sein Porsche-Cabrio in der Tiefgarage geparkt. Um seinen Hals baumelten ein kleiner Buddha und ein silberner Anhänger, darauf stand » Born to be wild «.

DIE ZEIT: Herr Doll, am Ende Ihrer Zeit beim HSV beobachtete die Liga Sie wie einen blutenden Schwimmer im Haifischbecken. Was ist für einen Trainer eigentlich schlimmer: Wut oder Mitleid?

Thomas Doll: Mitleid brauche ich nicht. Aber die Medien verpassen dir schnell so eine Opferrolle. Die Reaktionen der Fans waren rührend. Einmal lagen 15 selbst gemalte Bilder in meinem Briefkasten, von einer Schulklasse. Sieben- und Achtjährige, die dazu geschrieben hatten: »Kopf hoch, Trainer! Das Leben geht weiter!«

ZEIT: Es war merkwürdig: Je schlechter der Tabellenstand, umso beliebter wurden Sie.

Doll: Auf der Straße sind Leute zu mir gekommen und haben gesagt: Es liegt nicht am Trainer. Ich glaube, dass einfach viele gesehen haben, was wir in den letzten Jahren aufgebaut hatten: Endlich sprach man wieder positiv über den HSV. Selbst als wir auf Platz 18 standen, war jedes Spiel ausverkauft. Es war auf einmal eine neue Euphorie in dieser Stadt. Darauf bin ich auch heute noch stolz.

ZEIT: Wochenlang wurde in den Zeitungen darüber abgestimmt, ob Sie gehen oder bleiben sollten.

Doll: Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einer Firma, gehen täglich am Schwarzen Brett vorbei und sehen dort Ihren Kurs. Angenehm ist das nicht.

ZEIT: Aufstieg und Absturz folgten in Ihrer Karriere extrem schnell aufeinander. 2004 hatten Sie den HSV als Tabellenletzten übernommen, zwei Jahre später spielte die Mannschaft in der Champions League, und das Fußballmagazin Kicker wählte Sie zum »Mann des Jahres«. Wie sind Sie mit diesem Wechselbad der Gefühle umgegangen?

Doll: Ich habe versucht, mir die Erwartungen und Gedanken anderer nicht zu Eigen zu machen. Dass wir ganz unten waren, hat mir mehr wehgetan. Aber am Ende jeder Woche konnte ich in den Spiegel schauen und sagen: Ich habe meine Mannschaft ordentlich vorbereitet, ich habe alles gegeben. Der Druck hat mich eher noch kämpferischer gemacht. Es gibt ja Trainer, die froh sind, wenn der Verein den Schlussstrich zieht. Das war bei mir nicht so. Es war meine erste Trainerstation. Vielleicht muss ich mich noch daran gewöhnen, dass der Trainer immer als Erster geht.

ZEIT: Wie verarbeitet man als Trainer die Trennung von einer Mannschaft? Haben Sie die letzten Spiele des Hamburger SV geguckt?

Doll: Klar, die Siege gegen Schalke und Bremen, bei mir zu Hause mit unserem Mentalcoach, dem alten Trainerteam. Es ist schön zu sehen, dass die Jungs wieder an sich glauben.

ZEIT: Kein bisschen Bitterkeit, wenn die auf einmal gewinnen?

Doll: Nein. Ich habe mich nie dabei erwischt, dass ich gedacht habe: Oh shit, jetzt läuft es auf einmal gut! Ich war mir immer sicher, dass es wieder bergauf gehen würde.

ZEIT: Wie fühlt sich das an: Zuschauer zu sein?

Doll: Am Anfang war es komisch: Normalerweise sitzt du zu dieser Zeit im Stadion auf der Bank, auf einmal siehst du die Jungs am Bildschirm. Das erste Spiel nach meiner Entlassung habe ich auf dem Flughafen gesehen, unterwegs nach Italien. Danach habe ich Huub Stevens eine SMS geschickt: »Glückwunsch, klasse Leistung!«

ZEIT: Haben sich die Spieler noch bei Ihnen gemeldet?