Keine falsche Scham!
Die Scheinwerfer sind die Neonröhren an der Decke, die Bühne das Lehrerpult aus Furnierholz. Und dann die Uhrzeit: zehn Uhr morgens.
Nein, dies ist kein gewöhnlicher Auftritt für eine Entertainerin wie Gayle Tufts. Normalerweise füllt sie riesige Hallen mit ihren Shows, heute nur das Sprachlabor der Gesamtschule Mümmelmannsberg, und ihr Publikum raschelt mit den Federtaschen. 30 Siebtklässler aus zehn Nationen schauen ehrfürchtig auf die Frau mit den flinken Bewegungen, die für die nächsten anderthalb Stunden ihren Englischlehrer ersetzen wird. Eigentlich habe sie nur eine Botschaft mitgebracht, sagt sie zur Begrüßung: »Ihr könnt das!« Dann erzählt die gebürtige US-Amerikanerin den Kindern, wie sie vor 15 Jahren nach Deutschland kam, wie sie eingeschüchtert war von einer Sprache, die sie nicht verstand.
»Wobei«, sagt sie und grinst: »Ein deutsches Wort kannte ich schon.
Blitzkrieg.«
Gayle Tufts hat sich vorgenommen, möglichst vielen Schülern die Angst vor dem Englischen zu nehmen. Darum zieht sie als Botschafterin eines Schulbuchverlages durch deutsche Schulen, die Aktion heißt wie ihr erster englischer Satz an diesem Morgen: »You can talk!« Tufts weiß, dass zu viele Jugendliche die Schule verlassen ohne ausreichende Englischkenntnisse und ohne je das Erfolgserlebnis gehabt zu haben, in einer fremden Sprache tatsächlich verstanden zu werden trotz aller Fehler. » Ihr müsst euch aber trauen«, ruft sie, wieder auf Deutsch, und gibt sich gar keine Mühe, ihren Akzent zu verbergen. Im Gegenteil, sie hat ihn ja zu ihrem Markenzeichen gemacht in ihren Songs und Comedy-Einlagen: Gayle Tufts spricht »Dinglish«, so nennt sie selbst ihre Sprache.
»Ob ihr das gut findet oder nicht: Englisch wird in unserer Welt immer wichtiger«, verkündet sie. Die 46-Jährige sagt es den Kindern nicht so deutlich, aber alle Bildungsexperten sind sich einig: Wer nicht Englisch versteht, wem selbst die grundlegenden Sprachkompetenzen fehlen, der wird auch in alltäglichen Jobs in Zukunft immer öfter Probleme bekommen.
Mümmelmannsberg ist Gayle Tufts erster Auftritt, ein berüchtigtes Hochhausviertel im Osten Hamburgs, Endstation einer U-Bahnlinie und mancher Sozialkarriere. Inmitten der Plattentürme streckt sich der rot-graue Flachbau der Gesamtschule, die alle nur die GSM nennen, mit über 1000 Schülern eine der größten Schulen der Hansestadt. Als im vergangenen Jahr die Aufregung über die katastrophalen Zustände an der Berliner Rütli-Schule hochkochte, fand sich unvermutet auch das GSM in der Rolle der Skandalschule wieder. Das ZDF sendete eine alarmierende Fernsehreportage über grausame Banden und erbarmungslose Gewalt unter den Jugendlichen im Viertel. Dass der Sender sich für seine Berichterstattung später wegen grober Recherchefehler und offenbar gegen Geld inszenierter Gewaltszenen entschuldigen musste, war ein schwacher Trost für eine Schule, die ohnehin ständig gegen das stereotype Image von Mümmelmannsberg ankämpft.
Eine Schule, deren Lehrer in ihrer Freizeit Sportkurse anbieten, die ihre Schüler zu Konfliktlotsen ausbilden und sich neue Unterrichtskonzepte ausdenken, um dem hohen Anteil von Schülern nichtdeutscher Muttersprache gerechter zu werden. So ist es auch kein Wunder, dass der didaktische Leiter der Schule, Michael Biermann, seit Jahren als Autor an der neuesten Schulbuchgeneration für den Englischunterricht mitarbeitet, deren Schwerpunkt eben nicht mehr auf Grammatik und Landeskunde liegt, sondern auf der Sprachaktivität der Schüler. Er hat sich auch im Namen seiner Schüler beim Diesterweg-Verlag um den Besuch von Tufts beworben, sobald er von der Ausschreibung hörte, »zur Belohnung, weil sie so gut mitarbeiten«, wie Biermann sagt.
Nein, die Wahrheit an der Gesamtschule Mümmelmannsberg ist eine ganz andere, als die medienwirksam verbreiteten Klischees es vermuten lassen. Die Besucherin spürt es an diesem Montagmorgen schon beim Reingehen: Die Kinder grüßen sie höflich, ein bisschen ängstlich vielleicht, und rennen zu ihren Plätzen. Dann ist es mucksmäuschenstill.
Biermann, ein Mann mit feiner Brille und feinem Lächeln, verfolgt den Auftritt seiner prominenten Ersatzlehrerin von einem Stuhl in der hintersten Ecke des Raumes aus. Die wechselt nach ein paar einleitenden Worten gnadenlos ins Englische und plaudert mit den Schülern.
Ein bisschen hilflos wirken sie am Anfang, doch schnell merken sie, dass die leibhaftige Amerikanerin vor ihnen wirklich ihre manchmal bruchstückhaften Antworten versteht, und Selbstvertrauen spiegelt sich in ihren Gesichtern. Tufts fragt Vanessa, warum sie eigentlich Englisch lernt, die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: »Because it is praktisch.« Neben ihr sitzt Maria, die bereitwillig erzählt, dass ihre Eltern aus Rumänien stammen. Die nächste Frage allerdings beantwortet sie mit einem verdutzten Blick. Was ihr Lieblingswort im Englischen sei, will Gayle Tufts wissen, und als Maria nicht antwortet, sagt sie: »My favorite German word is Gemutlichkeit. With an ü. Wir Amerikaner können das einfach nicht aussprechen.« Plötzlich schnipst Mikel aus Ghana aufgeregt mit den Fingern, will wissen, ob die berühmte Lehrerin vielleicht Will Smith kennt. Sie verneint. Brad Pitt? Beyonce? Gayle Tufts schüttelt bedauernd den Kopf. Sie könne da Hillary Clinton anbieten, sagt sie.
Keine Reaktion bei den Kindern. Der Name sagt ihnen nichts. Da muss Gayle Tufts wieder lächeln.
Ein paar Minuten später wird sie plötzlich energisch, ihre Augen verengen sich, ihr Zeigefinger schnellt in die Höhe. Was sie denn einmal werden wollen, hat sie da gerade zwei Jungen gefragt, und die einzige Antwort, die sie bekommt, ist ein Schulterzucken. Was sie sich für ihre Zukunft wünschen, hakt sie nach. » I dont know«, sagt ein kleiner Afghane, der betont lässig in seinem Stuhl hängt. » Keine Ahnung ist keine Option!«, ruft sie. » Vergesst diese dont knows. You do know!«
Zu Hause, in diesem gottverlassenen Nest irgendwo in Massachusetts, hätten sie dieselbe Null-Bock-Stimmung gehabt, erzählt die Sängerin, die es als Erste in ihrer Familie auf die Universität schaffte. » Ich ging weg. Sie sind immer noch da!« Als sie sich von den Schülern verabschiedet, ist klar: »You can talk« ist für Gayle Tufts eine Variante von »Just do it«. Die Schüler von Hamburg-Mümmelmannsberg haben sich getraut an diesem Morgen.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.86
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