Luchs 241 Mit dem heiligen Ernst eines Teenagers
Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: John Green »Eine wie Alaska«
Ist das erste Kapitel eines Romans mit Einhundertsechsunddreißig Tage vorher überschrieben, blättert man unwillkürlich zum letzten und fühlt sich in der Vermutung bestätigt, dass dafür nur die Überschrift Einhundertsechsunddreißig Tage danach infrage kommt. Und ebenso klar ist, dass irgendwo in der Mitte Der letzte Tag – wovon auch immer – angekündigt wird. Wir wissen eine Menge über die Dramaturgie des Romans, und den seltsamen Namen der Hauptperson verrät uns der Titel – Eine wie Alaska. Und doch deutet noch kaum etwas darauf hin, welch faszinierende, mitreißend erzählte Geschichte uns erwartet.
Es ist der 16-jährige Miles, von dem wir sie erfahren. Frustriert von der muffigen Atmosphäre der Highschool seines Heimatortes in Florida und um der liebevollen Überbehütung durch seine Eltern zu entkommen, beschließt er, den Rest seiner Schulzeit in Culver Creek, einem bekannten Internat in Alabama, zu verbringen. Als Begründung und Trost zitiert er seinen Eltern die letzten Worte von Rabelais: Nun mache ich mich auf die Suche nach dem großen Vielleicht.
Es sind nicht die Werke berühmter Dichter, die ihn interessieren, es sind ihre Biografien und dabei vor allem ihre letzten Worte. Davon hat er schon eine ganze Sammlung, ein seltsames Hobby für einen ansonsten eher allzu normalen 16-Jährigen. Doch wie sich bald herausstellt, ist es genau diese Leidenschaft, die ihm die Aufmerksamkeit der interessantesten Typen von Culver Creek verschafft.
Dazu gehört sein cooler Zimmergenosse Chip, wegen seiner geringen Körpergröße »Colonel« genannt, Stipendiat seit drei Jahren, der ihn sogleich unter seine Fittiche nimmt und ihm den Spitznamen »Pummel« verpasst: »Weil du ne Bohnenstange bist. Das nennt man Ironie, Pummel. Schon mal davon gehört?«
Er nimmt ihn mit zu »Alaska«, deren Stimme und Erscheinung – »das heißeste Wesen, das die Welt je gesehen hatte« – samt den riesigen Bücherstapeln, die ihr Zimmer beherrschen, den armen Miles gänzlich aus der Fassung bringen. Auch sie hat letzte Worte parat, speziell für Miles, um seine Verwirrung auf die Spitze zu treiben. Sie stammen von Simón Bolívar: Wie komme ich bloß aus diesem Labyrinth heraus?, und Alaska gibt sie ihm als Rätsel mit auf den Weg.
Jugendliche wie Colonel und Alaska samt Takumi aus Japan, dem Dritten im Bunde, sind Miles in seiner provinziellen Welt bisher nicht begegnet. Wissbegierig und belesen, diskutierfreudig und hochintelligent, gehören sie zu den besten Schülern des Internats. Doch sie nutzen ihre Intelligenz auch dazu, die strengen Regeln der Schule zu umgehen und ihre eigenen Methoden zu entwickeln, verbotenerweise zu rauchen, zu trinken und Partys zu feiern. »Keine Drogen. Kein Alkohol. Keine Zigaretten«, hatte Miles’ Vater zum Abschied gemahnt, aus seiner eigenen Zeit im Internat wohl wissend, dass sein Sohn all dies kennenlernen und überleben wird.
- Datum 30.07.2007 - 03:30 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
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Lieber Luchs 241
Ich finde deine Buchrezension sehr treffend, angenehm zu lesen und informativ. Den "Geist" des Buches konntest du gut einfangen, was mir bei Büchern (besonders solchen, die mir lieb sind) schwer fällt.
Ich muss für die Schule einen Vortrag über eines meiner Lieblingsbücher machen und dein Text wird mir bestimmt helfen, nicht in Details abzuschweifen.
Ich kenne dieses Buch teilweise auswendig, weshalb mir ein kleiner Fehler aufgefallen ist: Chip Martin wird nicht seiner Körpergrösse wegen "Der Colonel" genannt, sondern weil er in der ersten Klasse zusammen mit Alaska einen Streich geplant und ausgeführt hat. (Der Streich: Sie legten ein Klassenzimmer mit Murmeln aus.)
Auch für die Planung des grossen Streiches im Buch ist der Colonel zuständig und macht seinem Namen alle Ehre.
Liebe Grüsse,
Emma
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