DISKOTHEK Klavier und Cembalo im Kombi

In seinem wunderbaren Kinderbuch Doktor Dolittle und seine Tiere erzählt Hugh Lofting von einem seltsamen Geschöpf, dem man normalerweise nur in den tiefsten Wäldern Afrikas begegne: Das »Stoßmich-Ziehdich« ist das »allerseltenste Tier«, hat »keinen Schwanz, sondern an jedem Ende seines Leibes einen Kopf und auf jedem davon scharfe Hörner«. Die Köpfe also sind immerhin gleich, womit das Stoßmich-Ziehdich dem Vis-à-Vis-Instrument, auf dem Andreas Staier und Christine Schornsheim ihren Mozart spielen, einiges voraushat.

Das extravagante, 1777 von Johann Andreas Stein in Augsburg gebaute Kombinationsinstrument nämlich hat an jedem Ende seines leicht überlangen Korpus eine Tastatur allerdings nicht die gleiche. Denn auf der einen Seite ist Steins Vis-à-Vis das früheste erhaltene Hammerklavier des berühmten Klavierbauers, auf der anderen ein dreimanualiges Cembalo mit vier Registern, darunter ein äußerst klangvolles 16-Fuß. Und beide, Cembalo wie Hammerklavier, sollten nach den Vorstellungen Steins im Idealfall gleichzeitig bespielt werden.

Das klingende Ergebnis ist weit weniger verrückt, als es zunächst den Anschein hat. Der Vielfalt an Klangfarben jedenfalls sind bei diesem musikalischen Januskopf kaum Grenzen gesetzt. Und auch Mozarts Klavierwerk erscheint nur auf den ersten Blick als wenig geeignetes Repertoire für die merkwürdige Experimentierkiste. In einem Brief an den Vater hat Mozart 1777 die »steinischen Claviere« in den höchsten Tönen gelobt. Mit Hilfe plötzlicher Wechsel zwischen den völlig unterschiedlichen Cembaloregistern ein herrlich samtiger Lautenzug gehört dazu und dem mal dominanten, mal auch nur unterschwellig beigemischten Klang des Hammerklaviers tauchen Schornsheim und Staier die beiden Sonaten für Klavier zu 4 Händen KV 358 und KV 381 in ein faszinierend neues Licht. Der trügerische Eindruck, mit einem Cembalo ließen sich Crescendi und Decrecsendi realisieren, ist einfach verblüffend. So abwechslungsreich, farbig und spritzig, in den langsamen Sätzen immer wieder auch anrührend lyrisch, war diese Musik jedenfalls noch nicht zu erleben. Allein das Programm, das die beiden Sonaten durch völlig unbekannte modulierende Präludien Mozarts, durch die Variationen über eine Paisiello-Arie KV 398 und durch wild rauschende gemeinschaftliche Improvisationen der Cembalisten verknüpft, ist ein dramaturgisches Gesamtkunstwerk, eine Abfolge schnittartiger Übergänge, Kontraste oder auch mal sanfter Überblendungen. Und die frech klingelnde Transkription der 6 Deutschen Tänze KV 509, in der das Ganze gipfelt, lässt jeden noch so farbigen Orchestersatz vergessen, zumal sich mit dem ergrauten Instrument auch so richtig lustvoll lärmen lässt.

Falls erforderlich, tun Christine Schornsheim und Andreas Staier das auch ungeniert. Die Aufnahmesitzungen haben offensichtlich eine Menge Spaß gemacht, obwohl die Hälfte der Produktionszeit mit dem Nachstimmen des fragilen Instruments vergangen sein dürfte. Der Aufwand hat sich gelohnt. Dass dieses wahrscheinlich seltsamste Zwitterwesen in der Entwicklung der Tasteninstrumente überhaupt wieder in einen bespielbaren Zustand versetzt wurde, nachdem es Jahrhunderte in einem Veroneser Museum verschlafen musste, grenzt ohnehin an ein Wunder. Mozart hat Steins Vis-à-Vis mit ziemlicher Sicherheit nie gespielt. Aber er hätte einen Riesenspaß daran gehabt.

Mozart am Stein Vis-à-Vis. Andreas Staier und Christine Schornsheim

harmonia mundi HMC 901941

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.54
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