Klima Wie viele Menschen ernährt die Erde?

Die Atmosphäre heizt sich auf, und die Weltbevölkerung wächst. Ohne eine Revolution in der Landwirtschaft zerfällt die Existenzgrundlage.

Gute Nachrichten vom Land: Das Geschäft mit der Biomasse boomt. In wachsendem Umfang werden Raps, Mais und Zuckerrohr zu Treibstoffen oder Heizmitteln verarbeitet. Das sei ein Beitrag zur Energiesicherung und zum Klimaschutz, loben Regierungschefs von George Bush bis Angela Merkel. Über eine neue Einnahmequelle freuen sich Landwirte in aller Welt.

Gute Nachrichten? Andere laufen Sturm gegen den Kraftstoff vom Acker. Mit vielfältigen Argumenten: In Brasilien und Südostasien werde für den Anbau von Energiepflanzen der Regenwald gefällt, kritisieren Naturschützer. Andernorts konkurriere die Biomasse mit der Produktion von Nahrungsmitteln. Heißt also der neue Zielkonflikt: Essen oder Fahren? In Mexiko gab es schon Proteste. Seit Mais auch verheizt werde, seien die Preise für Tortillas gestiegen.

Der Streit schürt die ohnehin wachsende Angst, größere Teile der Menschheit könnten in Zukunft nicht mehr satt werden. Nach neuesten Prognosen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 9,2 Milliarden Menschen auf der Erde leben, etwa ein Drittel mehr Esser als heute. Seit Langem warnen Experten vor Engpässen bei der Ernährung der Menschheit. Wird es erst recht zu Hungersnöten kommen, wenn auch noch Energielieferanten den Nahrungspflanzen die Ackerfläche rauben?

Und es gibt noch mehr Gründe, sich um die künftigen Erträge aus der Landwirtschaft Sorgen zu machen. Allem voran steht der Klimawandel. Schon heute ruinieren Überschwemmungen in Mosambik und Sambia und Dürren in Australien und Südafrika häufiger als früher die Ernten. Die Welthungerhilfe ist gefordert wie lange nicht. In Südindien schwemmen ungewohnt heftige Monsungüsse den fruchtbaren Boden fort. Auch Bauern in Teilen Südamerikas können sich auf die vertrauten Rhythmen der Natur nicht mehr verlassen. Die ureigenen Grundlagen der Landwirtschaft geraten gefährlich ins Ungleichgewicht.

Zugleich ist die Landwirtschaft nicht nur Opfer des Treibhauseffektes, sie trägt selbst mit dazu bei, dass die Atmosphäre sich erwärmt. Rund ein Drittel der klimaschädlichen Gase verursacht sie durch die Umwandlung von Naturräumen in Ackerflächen und durch den gigantischen Energie-Einsatz der industriellen Produktionsweise. In den USA werden für die Herstellung von Düngemitteln pro Jahr 100 Millionen Fass Erdöl verbraucht.

Die Verdauung der Rinder heizt das Weltklima auf

Außerdem verursachen die Verdauungsprozesse von Nutztieren 60 Prozent der klimaschädlichen Methanemissionen. Die Belastung wird eher noch zunehmen, denn in Zukunft wird in Schwellenländern wie China und Indien mehr Fleisch konsumiert werden. Bis zum Jahr 2050 rechnet die Welternährungsorganisation FAO mit einer Verdoppelung der heutigen Produktion an Milch und Fleisch. Dazu müssten noch mehr Pflanzen angebaut werden, denn ein Hühnchen auf dem Teller erfordert im Vergleich mit einer pflanzlichen Mahlzeit die doppelte Menge Nahrungsenergie, Rindfleisch sogar die zehnfache. So wird das Getreide immer öfter als Viehfutter statt als Grundnahrungsmittel genutzt werden.

Wie viele Menschen kann die Erde langfristig ernähren? Diese Frage beantwortet der Umweltwissenschaftler Lester Brown daher mit einer Gegenfrage: »Auf welchem Niveau?« Es komme auf die Ernährungsweise an, meint er. Und rechnet vor, dass die derzeitige Welternte von jährlich rund zwei Milliarden Tonnen Getreide durchaus zehn Milliarden Menschen sättigen könnte. Sie dürften davon aber nur 200 Kilo pro Kopf und Jahr verzehren, so viel wie im Durchschnitt ein Inder, der vorwiegend vegetarisch lebt, in einem Land, wo nur wenig Korn an Tiere verfüttert wird. Bei italienischer Kost würde die Welternte nur noch für fünf Milliarden Menschen reichen. Bei amerikanischer Lebensweise mit ihren vielen Big Macs, Steaks und Eiern nur noch für 2,5 Milliarden.

Eine Lösung für das Ernährungsproblem scheint auf der Hand zu liegen: Es müssen mehr Ackerflächen für Pflanzenbau und Tierhaltung geschaffen werden. Doch das ist nicht einfach. Klimaschützer drängen auf den Erhalt der Wälder und fordern, neuen Wald zu pflanzen, weil er durch Fotosynthese CO2 bindet und der Erderwärmung entgegenwirkt. Geografen weisen darauf hin, dass das Bevölkerungswachstum die Ackerflächen verknappen werde. Biologen fordern Schutzräume für die Vielfalt der Arten.

Wenn auf gleichem oder noch weniger Boden genug Nahrung für immer mehr Menschen erzeugt werden soll, muss die Landwirtschaft intensiver werden. Aber zugleich soll das Klima geschont werden. Eine unlösbare Herausforderung?

Es gibt Wissenschaftler, die vorrechnen, dass das geht. So meint Josef Schmidhuber, Ökonom bei der Welternährungsorganisation FAO und Mitautor des Klimaberichts der Vereinten Nationen, »dass wir die Produktionskapazität für neun Milliarden Menschen allemal haben«. Die Zukunftsszenarien der UN wie auch andere gehen zwar davon aus, dass bis zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts weite Ackerflächen der Klimaerwärmung zum Opfer fallen – fortgeschwemmter oder vertrockneter Boden in Australien, Indien, Afrika. Dafür dürften sich aber die Anbaubedingungen in den feuchten höheren Breiten verbessern, insbesondere in Russland, der Mongolei, Skandinavien und Kanada, auch im südlichen Argentinien. Unterm Strich würden die Verluste ausgeglichen.

Aber eben nur unterm Strich. In manchen Regionen könnte es durchaus zu Hunger und sozialen Verwerfungen kommen. Und wovon sollen die meist armen Gesellschaften in den Klimaproblemzonen Nahrungsmittelimporte bezahlen?

Deshalb schränkt auch Schmidhuber seinen Optimismus ein: Voraussetzung dafür, dass ausreichend Lebensmittel alle Menschen erreichen, seien Investitionen in die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der ländlichen Räume und in die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft. Also eine Umkehr der politischen Prioritäten.

Schon heute gibt es über 800 Millionen Menschen, die hungern – und das nicht, weil nicht genug da wäre. Rund 70 Prozent der Unterernährten, meist verarmte Bauern oder Tagelöhner in Dörfern, erleiden vielmehr die Folgen ungerechter Besitzverhältnisse, steigender Kosten für Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel und sinkender Preise für ihre Produkte, zudem eines vielfältigen Raubbaus an der Natur. 30 Prozent der Mangelernährten sind vor solchen Verhältnissen in die Slums großer Städte geflüchtet, wo sich ihre Lage oft kaum verbessert.

Lange Zeit haben sich die Regierungen wie auch die internationalen Finanzinstitutionen kaum um die Landwirtschaft gekümmert. Die bäuerliche Lebensweise galt als Anachronismus, als untauglich für den Konkurrenzkampf auf den Weltmärkten. Agrarsubventionen, in Industrienationen üblich, wurden in vielen Ländern der Dritten Welt abgebaut. Von 1980 bis 2000 sanken die internationalen Hilfsgelder für die ländliche Entwicklung auf fast die Hälfte. Auch der Etat der Welternährungsorganisation FAO wurde laufend gekürzt.

Angesichts der Ressourcenkrise und der fortdauernden Armut richtet sich der Blick der Entscheidungsträger aber seit Kurzem wieder auf die Bauern. Nun gilt die Landwirtschaft als »eine Pflanze, die Pflege braucht«, so formulierte es gerade der indische Finanzminister und versprach mehr Geld.

Neuerdings sind sich alle einig, von der Weltbank bis zur Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung: In die ländlichen Räume der Entwicklungsländer muss investiert werden. Es muss mehr Geld für Bildung, Straßen, Lagerung und Kühlung von Agrarprodukten sowie Beratung fließen. Dabei geht es auch um Strategien für einen intensiveren Anbau.

Vor allem über zwei grundlegende Fragen wird dabei heftig gestritten: Wie lässt sich mehr Ertrag aus der Fläche holen, ohne Klima und Ressourcen weiter zu strapazieren? Und: Haben Kleinbauern eine Chance, oder gehört die Zukunft dem Agrobusiness?

Auf der einen Seite schicken sich die großen Saatgutunternehmen, Lebensmittelkonzerne und ein Heer von Agrarwissenschaftlern an, »die grüne Revolution zu revolutionieren«, wie der Biochemiker Klaus Hahlbrock formuliert. Oder amerikanische Stiftungen und Regierungsinitiativen propagieren von Indien bis Afrika eine »zweite grüne Revolution«. Mit dem Schlagwort knüpfen sie an den Kampf gegen den Hunger in den sechziger Jahren an.

Damals forderten Ernteausfälle vor allem in Asien Millionen von Opfern. Mit dem Anbau von Hochleistungszüchtungen einiger weniger Pflanzenarten, unter Einsatz von Dünger und Pestiziden, mit künstlicher Bewässerung und Maschinen gelingt es seitdem, auf einer um zehn Prozent vergrößerten Fläche fast die dreifache Menge an Getreide hervorzubringen.

»Bessere Erträge ohne Pflanzenschutz und Bewässerung!«

Auf lange Sicht war der Erfolg der ersten grünen Revolution allerdings teuer bezahlt. Da waren die hohen Subventionen für Energie, Dünger und Wasserpumpen. Es entstanden Monokulturen, die die Vielfalt einheimischer Pflanzenarten und -sorten verdrängten, von denen manche den lokalen Boden- und Klimaverhältnissen besser angepasst gewesen waren. Grundwasser wurde durch den Missbrauch von Agrarchemikalien verseucht, die Wasserspiegel der Brunnen sanken. Böden vertrockneten, wurden zu salzig oder erodierten. Wenn die Folgen des Klimawandels noch hinzukommen, entstehen mancherorts schon Geisterdörfer.

Die Lektion wurde gelernt. Die Hochleistungssorten der neuen Generation sollten »ohne Pflanzenschutz und Bewässerung bessere Erträge bringen«, fordert Klaus Hahlbrock. Mit Hilfe gentechnischer Veränderungen will man den Pflanzen Resistenzen gegen Pestizide, Trockenheit und salzhaltige Böden verschaffen. Sie sollen Impfstoffe oder Vitamine enthalten, um Gesundheitsprobleme und Mangelerscheinungen auszugleichen.

Kritiker einer solchen Hightechlandwirtschaft vermissen indes die vorzeigbaren Erfolge der gentechnischen Forschung – und warnen vor den Risiken. Gentechnisch veränderte Pflanzen könnten sich mit Wildpflanzen und lokalen Sorten kreuzen und auf diese Weise unvorhersehbare ökologische Schäden verursachen. In Entwicklungsländern fehlten die Mittel für Vorsichtsmaßnahmen und Kontrollen. Das Projekt einer zweiten grünen Revolution sei insgesamt zu teuer und könnte Kleinbauern aus dem Geschäft treiben. Mit seinen Monokulturen werde es weiterhin viel Energie verschlingen und damit klimaschädlich bleiben.

Der Gegenentwurf ist der ökologische Landbau, bei dem nur organischer Dünger verwendet wird und dessen Anhänger gegen Schädlinge und Krankheiten mit biologischen Mitteln vorgehen. Er erzeugt im Vergleich mit der konventionellen Anbauweise nur ein Drittel der brisanten CO2-Emissionen.

Biolandwirte bauen Humus nicht ab, sondern auf, und fruchtbare Erde bindet den Klimakiller CO2. Gerald Herrmann, Präsident des Internationalen Verbandes für organische Landwirtschaft (IFOAM), sagt daher kategorisch: »Neun Milliarden Menschen trotz Klimawandels zu ernähren, das geht überhaupt nur mit Bio.«

Norman Borlaug, ein Pionier der grünen Revolution, hält das für ausgeschlossen. Der Träger des Friedensnobelpreises bescheinigt Biobetrieben einen »mehrfachen« Flächenbedarf: Weil sie ihren Dünger in Form von Mist oder stickstoffbindenden Pflanzen selbst produzierten, müssten sie dafür auch mehr Platz bereitstellen, also seien die Nahrungserträge pro Hektar geringer. Würde Bio in großem Stil praktiziert, so spitzte es die britische Zeitschrift Economist zu, »dann würde nicht viel Platz bleiben für die Regenwälder«.

Was andere Experten bestreiten: Neue Studien zeigen, dass der Ökoanbau sehr wohl mehr Ertrag bringen könnte – wenn man es weltweit betrachtet. Zwar ernten die Biobauern in den Industrienationen tatsächlich etwa 20 Prozent weniger Mais oder Weizen als ihre konventionellen Kollegen. Ganz anders sieht es jedoch bei Kleinbauern in Asien, Afrika und Südamerika aus: In den Tropen fahren Bauern fast immer deutlich höhere Ernten ein, wenn sie auf Bio umsteigen. Ein Grund: Auf ihren meist winzigen Flächen können sie ausgelaugten Böden wieder zu mehr Fruchtbarkeit verhelfen.

Die wohl umfassendste Untersuchung dazu lieferten im Jahr 2001 Jules Pretty und Rachel Hine vom Institut für Umwelt und Gesellschaft an der Universität Essex. Sie prüften 208 Agrarprojekte von Guatemala über Madagaskar bis Indien und fanden so gut wie überall »klare Zuwächse bei der Nahrungsmittelproduktion«: mal um 20 Prozent, mal um das Doppelte und mehr. Davon profitierten rund um den Globus neun Millionen Bauern mit ihren Familien.

Klimagift ist nicht gleich Klimagift, wenn man es moralisch beurteilt

Aber reicht das für die ganze Welt? Inspiriert von einem Studienbesuch auf einem üppigen Biohof in Kalifornien, wollte Catherine Badgley von der Universität Michigan das genau wissen. Mit einem Expertenteam nahm sie 293 Ertragsstudien über den Ökolandbau unter die Lupe, rechnete ihre Ergebnisse auf die Weltbevölkerung hoch und verglich sie mit konventionellen Ernten. Von ihrem Ergebnis sei sie, sagt sie, »ziemlich überrascht« gewesen.

Denn schon bei ihrer pessimistischen Berechnungsvariante, die nur die vergleichsweise niedrigeren Bioerträge aus Industrienationen zur Grundlage nahm, schnitt der Ökolandbau kaum schlechter ab als der konventionelle. Im Ökolandbau wurden in ihrer Berechnung 2641 Kalorien pro Kopf erzeugt, im konventionellen 2786, beides mehr als genug zum Sattessen. Wurden aber die Ergebnisse aus Entwicklungsländern einbezogen, dann kam Badgleys Team auf 4381 Kalorien pro Person. Auch Niels Halberg vom Dänischen Institut für Agrarwissenschaften resümiert nach eigenen Studien: »Das Vorurteil, der Bioanbau produziere nicht genug, kann man ad acta legen.«

Hinzu kommt, dass reine Ertragsvergleiche bei einzelnen Pflanzen laut FAO nur einer »verkürzten, engen und oft irreführenden Sichtweise« entspringen, bei der viele Vorteile unter den Tisch fallen. So säen gewiefte Biobauern verschiedene Pflanzen auf einem Feld. Die einen Gewächse binden Stickstoff, andere bedecken den Boden und halten so die Feuchtigkeit. Ein indischer Bauer beispielsweise erntet Gemüse und Reis, dann Hülsenfrüchte, dann Bananen, schließlich Kokosnüsse und Mangos. Viele Ökobauern pflanzen zudem Bäume und Sträucher am Saum ihrer Äcker, die als Schattenspender die Verdunstung des Wassers verringern und Viehfutter oder Biomasse liefern können. Damit können Bauern ihren Bedarf an Energie decken oder sich ein Zusatzeinkommen verdienen.

Solche Multikulturen sind zwar arbeitsintensiv, und Arbeit hat ihren Preis. Doch gleich mehrfach lässt sich von ihnen profitieren: Insgesamt steigen die Erträge, die Ernährung wird abwechslungsreicher, das Anbaurisiko ist auf mehrere Pflanzen gestreut. Wenn in einem Jahr nicht alle Gewächse gedeihen, dann vielleicht doch ein Teil. Weil der Ökoanbau keine Kosten für Saatgut oder Chemikalien fordert, bietet er gerade dort Chancen, wo das Risiko zu hungern am größten ist: bei Millionen von Subsistenz- und Kleinbauern.

Voraussetzung sei »eine riesige Anstrengung« über viele Jahre, sagt Halberg, um Landwirte zu beraten und solche ökologischen Anbausysteme durch Forschung noch weiter zu verbessern. Einheimische Gräser und Wurzeln müssten besser studiert werden, fordern Wissenschaftler. Man müsse nach anspruchslosen Energiepflanzen suchen, die auf kargen Böden gedeihen. Im Vergleich mit den Summen, die Regierungen und Firmen für die Gentechnik ausgeben, wird auf derlei bislang sehr wenig Geld verwendet.

Ökologischer oder agrarindustrieller Anbau: auf Dauer sei das keine Alternative, sagen Experten der FAO. Beide Produktionsweisen würden künftig intensiver wirtschaften müssen, und auch der konventionelle Anbau müsse dabei rücksichtsvoller mit den Ressourcen umgehen. Tatsächlich haben Teile des Agrobusiness damit begonnen, Wasser sparsamer einzusetzen und den Boden zu schonen.

Dass mit Agrarprodukten zunehmend weltweit gehandelt wird, weckt bei armen Bauern Hoffnungen. Es führt aber zu einem weiteren klimapolitischen Widerspruch: Auch die Transporte von Mangos oder Getreide per Flugzeug und Schiff verursachen CO2-Emissionen. Wissenschaftler errechnen Ökobilanzen für einzelne Produkte, und in den meisten Fällen schneiden solche, die nur kurze Wege in der Region zurücklegen müssen, dabei deutlich besser ab.

Doch Wolfgang Sachs vom Wuppertal-Institut warnt davor, alles über einen Kamm zu scheren. Für ihn sind Klimagase nicht gleich Klimagase. Der Touristenflug auf die Malediven etwa emittiert gleich viel CO2 wie der Transport von Bananenchips von Thailand nach Deutschland – aber ist der jährliche Fernurlaub ebenso wichtig wie bessere Lebenschancen für arme Bauern, die mit dem Verkauf ihrer Produkte zu etwas mehr Wohlstand kommen und dabei ökologische Vielfalt gewährleisten? Das Rind fürs tägliche Steak entlässt so viel Methan wie die Kuh eines afrikanischen Nomaden. Aber sind, fragt Sachs, »Luxusemissionen« genauso zu bewerten wie »Überlebensemissionen«? Die Unterscheidung kann eine Messlatte für politische Prioritäten bieten. Auch bei der Bewertung von Biospritfüllungen für nach wie vor viel zu energiehungrige Autotanks.

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Leser-Kommentare
  1. Die Kommentare zeigen, welchen Einfluß die heutigen Medien auf das Denken des Durchschnittslesers haben. Sterben die Bienen, so ist bestimmt Bush dran schuld, diskutiert man Ernährung, so plappert alles sofort von Monsanto. Tatsache ist, dass mit der Klimaerwärmung große Landstriche erstmals nutzbar werden. Das bislang unbebaute riesige russische Gebiet nördlich Chinas kann ganz China ernähren. Das Gleiche gilt für Kanada. Die Welt geht nicht unter, bloß weil ein paar Gletscher schmelzen. Das passiert in regelmäßigen Abständen.

    • Devin
    • 21.03.2007 um 12:58 Uhr

    @dunnhaupt: Auf Ihren Beitrag habe ich gewartet! Das ist ein Musterbeispiel dafür, wie positivistisches (nicht zu verwechseln mit positives) Denken funktioniert – und dafür scheinen Sie ja der Spezialist. Da findet man heraus, dass jetzt Teile Sibiriens womöglich von der Erderwärmung profitieren und schon vergisst man die komplexe Gesamtproblematik, ganz zu schweigen von der Not der Massen, die von Überschwemmungen, Dürre usw. bedroht sind. Ich bin gespannt, wie viel Schwarzafrikaner die Russen in Sibirien ansiedeln lassen, oder wie viel Bengalen in Indien überleben dürfen!? Abgesehen davon, dass es hier womöglich sich um nicht mehr kontrollierbare Kettenreaktionen handeln dürfte, die unter Umständen auch die so genannten „Profiteure“ vor gewaltige Probleme stellen werden. Die Auswirkungen zum Beispiel durch das Abschmelzen des Eises in den Polarzonen betreffen auch die ehemaligen Länder der Sowjetunion, und zwar ganz konkret in der Beringsee. Es ist davon auszugehen, dass dadurch die Erdkrusten, welche von diesen gigantischen Eismassen befreit sein werden, sich anheben und dadurch nicht nur lokale sondern globale Reaktionen auslösen, die dann zu Katastrophen führen, die den letzten großen Tsunami in Indonesien wie eine kleine Wasserschlacht aussehen lassen dürften, denn die Kontinentalverschiebungen erhalten dadurch womöglich einen zusätzlichen Drive. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich die Folgen auszumalen. Und das ist nicht nur eine Kritik am Positivismus sondern eben genau jene Kritik, die den Kapitalismus meint, denn dieser funktioniert so: Löse ich eine Katastrophe aus, dann macht das nichts, denn dann schaffe ich eine weitere, und von denen damit ausgelösten, bzw. bewusst herbei geredeten Ergebnissen kann ich womöglich profitieren! Machen wir Optionsscheine auf diese Katastrophe – und die (kapitalistische) Welt bleibt in Ordnung! Angesichts der hier aufgegriffenen Problematik scheint mir das aber als reines russisches Roulette.

  2. Die Frage ist definitv falsch gestellt.

    Sie müsste heißen: Wie verhindere ich 9 Milliarden Menschen?

    • Devin
    • 19.03.2007 um 14:23 Uhr

    So komplex das Thema scheint – und es ist auch sehr komplex – so einfach, sprich: ökonomisch scheint mir hier das Interesse daran. Es war vor einigen Jahren – zur Hochzeit der BSE-Skandale und auch gewisser Tierschützeraktivitäten -, und ich konnte doch tatsächlich in der FAZ auf der ersten Seite den Kommentar vernehmen, dass BSE für die westliche Kultur eine größere Gefahr darstelle als alle Aktionen gewisser radikaler Tierschützer zusammengenommen. Es war ein hysterischer aber gerade deswegen ein mich sehr beeindruckender Beitrag eines Menschen, die der wahren Bedeutung der Problematik bis in seine mythischen Strukturen hinein auf seinen sprichwörtlich nackten Fersen zu folgen scheint. Und die Erklärung ist entsprechend einfach: Es ist die ganze Rinderwirtschaft, die die westlich-weiße (das hinter dem Bindestrich sagte er nicht) Kultur und somit auch Vorherrschaft (was er so auch nicht sagte) hervor gebracht hat. Selbst die USA mit ihren (kriminellen) Rancherkriegen gegen die Indios gehörten hier dazu (auch das kriminelle ließ er weg). Kurz und gut, wenn die Bevölkerung dank BSE kein Rindfleisch mehr konsumiere, dann schadet das nicht nur den Fleischproduzenten (das sagte er nicht) sondern auch und das das sagte er definitiv: unserer kulturellen Identität. Es wäre das Ende einer archaischen Weltreise – früher nannte man das Völkerwanderung! Und jetzt Szenenwechsel in die wenig mythisch (aber umso mehr sprachlich) verschleierte Gegenwart: Da gibt es seit Jahrzehnten einige wenige Firmen, zum Beispiel eine Firma Monsanto aus den USA (oder auch Nestle aus der Schweiz), die kaufen unbeirrt weltweit die Sorten der Grundnahrungsmittel in Form der Saatgutbänke auf (dass sie nebenbei das Trinkwasser aufkaufen und auch die Indios im Amazonas um die Pharmapatente „türken“ , sei auch nur erwähnt) und bemühen sich dabei um eine Monopolstellung, die darauf hinausläuft, dass die gesamte Weltbevölkerung – vor allem die in der 3. Welt – von ihren Nahrungstöpfen (um nicht zu sagen: von ihrer Giftküche) abhängig wird. Man ist da nicht zimperlich, beginnt auch mal einen Krieg, oder hetzt eine lokale Regierung gegen das eigene Volk, oder lässt da mal (so geht das Gerücht) im Zusammenhang jenes großen Krieges um Energie und Demokratie - im Irak nämlich - jahrtausende alte Saatbänke verschwinden (die seien noch schneller verschwunden als so manch uraltes Kulturgut – heißt es) und dann wie der Zauberer aus dem Hut das Kaninchen, äh die eigene Genmanipulierte Saat, den verdutzten Irakern anzubieten. Und nehmen wir die oben beschriebene Urahnung eines Nachkommens jener sagenumwobenen Urarier auf und fügen das konkrete wirtschaftliche, und hierbei kann man sagen: weltordnungspolitische Kalkül solcher Konzerne hinzu, und wir haben eine klare Aussage darüber, worum nicht nur heute und morgen Kriege geführt werden, sondern wovon auch der Metapher von der neuen Weltordnung nicht spricht: Dem nackten Überleben – des Westens natürlich!

  3. Bio-Esser wussten es schon lange. Der Bio Anbau kann das Klima schützen, schont die Ressourcen und ist zu guter letzt nicht weniger effizient als der konventionelle Anbau.

    Jetzt geht es darum, welchen Weg die Menschheit in Zukunft einschlägt. Gen-veränderte, pestizidresistente Pflanzen, massenhafter Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden auf der einen Seite oder der arbeitsintensive aber ressourcenschonennde Bio-Anbau. Welche Zukunftsvision ist wohl die erstrebenswertere?

    Darum danke für diesen Artikel, es ist schön so etwas nicht nur in Bioladen-Zeitschriften zu lesen.

  4. Wie aus
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    hervorgeht, ist gerade Ethanol äußert ineffizient: bedeckt man 1 acre (4050m^2) WÜSTE mit PV, so kann man mit dieser Energie mit einem Elektroauto 32x weiter fahren, als wenn man auf einem 1 acre FARMland Energiepflanzen zur Ethanolgewinnung anbaut und damit dann einen Verbrennungsmotor betreibt.
    Für die Autofirmen, die es gerade in Deutschland erfolgreich geschafft haben, das Elektroauto aus der öffentlichen Diskussion vollkommen zu verdrängen, sind solche Rechnungen natürlich extrem gefährlich und wären Grund zu neuem 'Aaaaarbeitsplääääätze!'-Gejaule.
    Schließlich kriegen sie ja noch nicht mal einen einfachen Hybrid entwickelt, 'Bio'-Treibstoffe dagegen lassen sich in den bisherigen Motoren mit relativ einfachen Veränderungen verwenden.
    Und werden die Aktienkurse/Verkaufszahlen von Audi, Porsche & Co. irgenwie durch demonstrierende Mexikaner oder hungernde Afrikaner beeinflusst? Natürlich nicht... also wen interessierts?

  5. Pupst meine Milchkuh mehr, wenn ich ihr diesen Artikel vorlese oder weniger? ´ (.. oder ich!?)
    Sollten wir von der Genetik her die Kuh umstellen auf einen Einfach-Magen - und ihr die widerliche Wiederkäuerei austreiben? Könnten wir dadurch Methan reduzieren.
    Oder sollten unsere Zuchtstiere den Führerschein Klase S machen, sie für Autorennen in Bull-Stock-Car-Drivings trainieren und hoffen, dass sich viele zu Tode steuern? Unterm Jubel der Landbevölkerung am Stierburgring?

    Wer kann alle herculischen Fragen zu Ende stellen, ihr muti-mythologisches Ende bedenken - und sich nicht lethargisch umbringen wollen, ob all der Öko-Gefährnisse?

    • kareen
    • 19.03.2007 um 11:07 Uhr

    Vielen Dank für diesen diffenrenzierten und anschaulichen Artikel mit den Hinweisen und den Aspekten aus der Forschung zum Klimawandel und der Ernährung weltweit!
    Ich lebe seit 25 Jahren vegetarisch, schätze Getreideprodukte und die Vielfalt daraus mit viel Bio und kann nur alle ermuntern, das konsequent und munter weiter nachzufragen als europäischer Verbraucher.
    Man wird damit als Spinner abgetan oder wurde nur belächelt so mit Bio, aber wer zuletzt lacht, lacht am besten....
    Katastrophal - wie wenig differenziert gedacht und bewußt gehandelt wird. Wünsche guten Appetit mit Bio, vegetarischer Kost und Fettleibigkeit ade, denn Radreisen sind ultratrendy!

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  • Serie -
  • Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
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