Digitalisierung Wer hat Angst vor Google?

Die künftige Digitalisierung großer Bestände der Bayrischen Staatsbibliothek ist ein weiterer Schritt hin zu einer Weltbibliothek im Netz. Nicht alle fürchten sich davor. Eine ZEIT-Umfrage

DER KULTURWISSENSCHAFTLER:

Ulrich Johannes Schneider

Wenn mit Google ein Teil des in Bibliotheken gehaltenen Textbestandes über das Internet zugänglich wird, ist das ein Fortschritt. Die Zugänglichkeit von Literatur erhöht sich. Die Bibliothekare werden von der Erwartung befreit, sie könnten allen technischen Möglichkeiten zu Diensten sein. Sie dürfen sich auf ihre eigentliche Fähigkeit konzentrieren: Wissen nicht irgendwie, sondern geordnet zugänglich zu machen.

Digitalisierung, wie sie in Deutschland mit maßgeblicher Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bislang praktiziert wurde, hatte immer schon zwei Funktionen: Ermöglichung eines schnellen Zugriffs auf historische Buchbestände und Ermöglichung neuer Forschungsansätze durch Zusammenstellung verstreut aufbewahrter, aber zusammengehöriger Kulturdokumente. Dies bleibt eine wichtige Aufgabe für Bibliotheken, jetzt erst recht.

Anzeige

Wenn demnächst die älteste Bibel der Welt (der Codex Sinaiticus) aus den in London, Leipzig, St. Petersburg und dem Sinai liegenden Fragmenten in digitaler Form als ganzer Text entstehen kann, ist das ein gewaltiger Schritt über das nationale Besitzdenken des 19. und 20. Jahrhunderts hinaus. Auch bei anderen historischen Quellen ist die Digitalisierung mit einem Gewinn an Einsicht in bislang nur fragmentarisch zugängliche kulturelle Erbschaften verbunden, auch mit der Initiierung neuer Forschungen: Das gilt für die kooperative Digitalisierung von Handschriften, Inkunabeln oder alten Drucken ebenso wie für die von Papyri – das alles wird ja gerade unternommen. Eine Firma wie Google ist an schnellen und umfassenden Zugriffen interessiert, und jeder nutzt solche Suchmaschinen genau deswegen. Aber die bibliothekarische Aufgabe ging und geht darüber hinaus, sie kann deswegen auch nicht ernsthaft in Gefahr geraten.

Es besteht wenig Zweifel daran, dass künftig die virtuelle Bibliothek neben der wirklichen Bibliothek ebenso produktiv existieren kann wie heute schon das elektronische Informationsangebot neben dem bedruckten Papier. Die Datenautobahnen jeder Universität sind heute bis auf die letzte Spur benutzt, weil jeder alles »übers Netz« nachfragt, aber die Bibliotheken sind ebenfalls bestens besucht – warum? Ich vermute, weil Lesen, Lernen und Forschen eine Kultur voraussetzt, einschließt und freisetzt, die durch Bildschirmnutzung nicht kompensiert und von dieser auch nicht eingeholt werden kann.

Ulrich Johannes Schneider ist seit 2006 Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig. Dort gibt es kooperative Projekte zur Digitalisierung von Papyri, orientalischen Handschriften und des Codex Sinaiticus

DER VERLEGER:

Manfred Meiner

Wie ich die Google-Buchsuche finde? Und dass die Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek von Google digitalisiert werden? Prima natürlich. Jetzt können wir bald in jeder Badeanstalt auf dem Handy Hugo Grotius’ (1583 bis 1645) Von der Freiheit des Meeres in der Erstausgabe lesen. Was sollen ausgerechnet Verleger dagegen haben, wenn schrankenloser Zugang zu allem Gedruckten Gebot der Stunde ist und Google und Co. anbieten, die Menschheit in Sachen Wissen und Information zum Licht der Erkenntnis zu führen?

Auch der Verlag Felix Meiner hat im vergangenen Jahr mit Google paktiert. Was das künftig für Buchhandel, Bibliotheken und Verlage, Kultur und Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft bedeutet, weiß niemand. Singen die Sirenen? Stürzt Google wie sie, wenn einer davonkommt? Reichen zehn Gerechte? Schadet es, wenn unter »Faktizität und Individuation« neben 21 Fundstellen in anderen Titeln auch das gleichnamige, 1982 erschienene Buch des Husserl-Schülers Ludwig Landgrebe sichtbar wird, von dem 2006 ein einziges Exemplar verkauft wurde?

Es stimmt allerdings nachdenklich, wenn über Nacht hochpotente Investoren, gewiss nicht uneigennützig, riesige Mengen fremden geistigen Gutes digital anhäufen, automatisch (das heißt sachfern) erschließen und nach eigenen Gesetzen verbreiten. Den »Content« liefern Urheber und Verlage, die – so wird befürchtet – die Kontrolle darüber verlieren, die einem Wissensmonopol Vorschub leisten, Manipulation und Zensur den Weg bereiten und die Meinungsfreiheit in Gefahr bringen könnten. Google dementiert heftig. Was auch sonst. All das sei nicht das Thema, es gehe um die Demokratisierung des Wissens – und um ein paar Milliarden Klicks mehr. Wer von Dollars rede, möge bedenken, was das Ganze koste.

So what? Eine offene Gesellschaft muss mit solchen Entwicklungen kritisch umgehen. Blessuren werden nicht ausbleiben, wie immer, wenn Menschen mit Visionen am Werk sind. Die sollten – laut Helmut Schmidt – zwar besser zum Arzt gehen. Jedoch könnten in diesem Fall die klassischen Verleger mäßigend wirken: Mit ihren den Wissenschaften und Künsten komplementären Aufgaben und Leistungen sind sie es, die – politisch wie wirtschaftlich unabhängig – im Verbund mit Forschung und Lehre ein wesentliches Element freiheitlicher Ordnung darstellen. Dies gilt es zu erhalten.

Manfred Meiner ist Chef des Felix Meiner Verlags in Hamburg

DIE BIBLIOTHEKSDIREKTORIN:

Agnès Saal

Die Strategie von Google ist sehr einfach: Für ihr Projekt, in großen Mengen Bücher digitalisiert ins Netz zu stellen, suchen sie Partnerbibliotheken in der ganzen Welt. In den USA, in England waren sie schon erfolgreich, auch in Spanien. Aus gutem Grund hat sich bislang keine der großen Staatsbibliotheken Europas dem Google-Plan angeschlossen – der zutiefst ungerecht ist. Warum? Weil es bei diesem Handel darum geht, dass Google »das Terrain abgrast«, sich Millionen von Büchern sichert und damit das kulturelle Erbe Europas. Selbst wenn sie so tun, als hätten sie nur das Wohl der Menschheit im Sinn, indem sie »der Welt den Zugang zu Informationen schenken« – es stecken doch ökonomische Interessen dahinter.

Die Bedingungen von Google sind inakzeptabel. In den Verträgen, die vollkommen undurchsichtig sind, sichert sich Google den exklusiven Zugang zu den Buchbeständen, sichert sich den Besitz der Bibliotheksnummerierungen, verletzt die Rechte der Autoren und übernimmt keinerlei langfristige Garantie, was die fundamentale Frage betrifft, wie das Wissen heute und in Zukunft organisiert wird. Das Projekt einer Europäischen Bibliothek, wie es von Frankreich vorgeschlagen wurde und von führenden Nationalbibliotheken Europas unterstützt wird, ganz vorn dabei die deutschen, dieses Projekt wird von ganz anderen Gedanken angetrieben. Es geht uns nicht darum, so viele Bücher wie möglich ins Netz zu stellen; wir wollen auf eine intelligente Art und Weise einen Online-Katalog erstellen, der nach Prinzipien funktioniert, die die Recherche erleichtern und steuern. Das ist die Aufgabe von Bibliotheken!

Es ist das Recht der Bayerischen Staatsbibliothek, einen eigenen Weg zu gehen. Wir sind von dieser Entscheidung enttäuscht, aber nicht entmutigt. Wir müssen nun zeigen, dass ein anderer Weg möglich ist. Von Ende März an wird die Bibliothèque Nationale de France im Internet den Prototyp einer Europäischen Digitalbibliothek vorstellen – »Europeana« wird sie heißen. Wir arbeiten eng mit den Verlagen zusammen, wir haben die politische Unterstützung, wir erhalten öffentliches Geld und sind also nicht abhängig von Google. Unser Projekt wird sehr schnell Wirklichkeit werden, mit der nötigen wissenschaftlichen Sorgfalt, mit den neuesten technischen Mitteln und mit Inhalten, die so reich und so vielfältig sind wie Europa.

Agnès Saal ist Vizepräsidentin der Bibliothèque Nationale de France

DIE NACHWUCHSWISSENSCHAFTLERIN:

Mi-Yong Lee-Peuker

Wenn ich vor meinem Computer sitze, finde ich das erst mal äußerst bequem: Alles lässt sich per Mausklick herunterladen, alles ist von jetzt auf gleich verfügbar. Das macht so manche nervige Stunden in der Unibibliothek auf der Suche nach »MC IIa 1234-51 (3a-c, 1926)« und so manche Schlange an der Rückgabetheke vergessen. Dank Digitalisierung kann ich nun alles, wonach mein wissenschaftliches Herz giert – Bücher, Aufsätze, Artikel – praktisch ohne Zeitverlust herunterladen. Und das gilt ja auch für alles Mögliche außerdem: Reisen, Lebensmittel, soziale Beziehungen… Mein ganzes Leben ließe sich über den Monitor organisieren, es würde einfacher, effizienter.

Mein Problem ist nur: Ich kann den Monitor nicht lieben. Bücher kann ich lieben. Manche begleiten mich schon fast mein ganzes Leben. Wollen Sie Jane Austens Pride and Prejudice oder Max Webers Wirtschaft und Gesellschaft am Bildschirm lesen? Der Normalleser liest vom Papier, auch der wissenschaftliche. Er will markieren, anstreichen und seine Literatur in allen Lebenslagen mitführen, um sie spontan zum Gegenstand des Gesprächs machen zu können. Auch die Haptik eines gut durchgearbeiteten, das heißt angeeigneten, und infolgedessen leicht verspeckten, vereselsohrten Buches wissen auch der eine oder die andere Akademikerin zu schätzen. Was wären die Aussichten in einer digitalisierten Bücherwelt? Mein gläsernes Leseleben landet als Bits und Bytes in den Data Warehouses von Random House. Na toll!

Mi-Yong Lee-Peuker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Leipzig

DER BIBLIOTHEKSWISSENSCHAFTLER:

Elmar Mittler

Google kann zufrieden sein: Die zweitgrößte wissenschaftliche Bibliothek Deutschlands in den virtuellen Regalen zu wissen bringt Google seinem Ziel näher, weltweit eine einzigartige Stellung beim Angebot von digitalisierter Literatur zu erlangen. Das wiederum ist Teil der in den letzten Monaten oft diskutierten Google-Strategie, über attraktive Angebote auf den verschiedensten Gebieten Gewinne über Werbung und lukrative Nebengeschäfte einzufahren.

Dafür eine monopolartige Marktposition von Google zu unterstützen ist sicherlich nicht die Absicht der Bibliothek. Als staatliche Einrichtung ist sie sowieso zu strikter Neutralität verpflichtet. Deshalb wird sie – leider ist es trotz Nachfragen von verschiedenen Seiten bisher nicht gelungen, Informationen darüber zu erhalten – vertragliche Vorkehrungen getroffen haben, eine derartige Entwicklung zu verhindern. Minimale Forderung, die auch bei allen bisherigen Bibliotheksverträgen von Google erfüllt wurde, ist natürlich, dass die Bibliothek selbst die Datensätze auf ihrer Website frei anbieten kann. Ebenso wichtig ist natürlich, dass sie – und das scheint in den USA nicht selbstverständlich zu sein – auch über nationale Verbundangebote (zum Beispiel das ZVDD, Zentralverzeichnis Digitaler Drucke) mit Titelinformationen und Volltexten zugänglich gemacht werden dürfen.

Einen offensichtlichen Nachteil hat man sicher nicht ausräumen können: Google digitalisiert außerhalb der Bibliothek; das strapaziert nicht nur die Bestände – vor allem findet kein Know-how-Transfer statt. Auch die Qualitätskontrolle ist bekanntlich kein Ruhmesblatt von Google – Bilder, auf denen statt der Texte die Hände der scannenden Personen zu sehen waren, sind immer wieder publiziert worden.

Ob es bei der Auflösung (als Standard gilt in Fachkreisen 600 dpi) gelungen ist, den Sparkurs von Google zu stoppen? In Deutschland haben die Bibliotheken jedenfalls mit dem Ziel, einmal und dann mit Qualität zu digitalisieren, sich bisher der Tendenz quick and dirty widersetzen können. Allerdings erreichen in unserem Land nur wenige Angebote wie das von der DFG unterstützte bibliothekarische Gemeinschaftsprojekt Digizeitschriften die notwendige kritische Masse. Auf Bundesebene hat man mit Gutachten, in denen das gesamte Spektrum der Kulturgüter untersucht wird, schnelle Aktivitäten auf dem umkämpften Buchmarkt eher verzögert als befördert.

Da kann man nur hoffen, dass jetzt – wie beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels – erkannt wird, wie wichtig es ist, ein eigenes unabhängiges Angebot aufzubauen. Nur das kann uns vor der Gefahr des Missbrauchs monopolartiger Marktpositionen schützen. Das Know-how für eine deutschlandweite Digitalisierungskampagne ist bei den Digitalisierungszentren (insbesondere dem GDZ in Göttingen) längst vorhanden. Es gilt, den Vorsprung von Google nicht noch größer werden zu lassen.

Elmar Mittler ist ehemaliger Direktor der Universitätsbibliothek Göttingen und Professor für Buch- und Bibliothekswesen

Zum Thema
Ruckzuck gescannt - Seit Google und andere Internetfirmen Bücher digitalisieren wollen, planen Verlage selbst den Schritt ins Netz. Von Chris Köver »
Kulturkrieg im Cyberspace - Gegen die populäre Suchmaschine Google häufen sich neuerdings Klagen. Jüngstes Beispiel: Die EU will auf französische Initiative hin eine eigene europäische Digitalbibliothek aufbauen - aus Furcht vor dem »Google Print Library Project« Von Henning Hoff für ZEITonline »

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service