Baden-Württemberg Aus der Welt

Ein schneller Internetzugang ist kein Menschenrecht. Das wollen die Bürger von Hohentengen in Baden-Württemberg einfach nicht einsehen.

Wenn die Welt dank des Internets ein Dorf ist, dann gibt es Dörfer, die nicht von dieser Welt sind. Hohentengen zum Beispiel, ein Flecken mit 4000 Einwohnern an der deutsch-schweizerischen Grenze. Seit Jahren wünschen sie sich schnelle Internetverbindungen oder digitales Fernsehen. Vergebens. Mit Highspeed driften sie allenfalls ins Abseits.

Und Hohentengen ist nicht allein. Laut Deutscher Telekom haben derzeit 92 Prozent der deutschen Haushalte ungehinderten Zugang zu DSL-Anschlüssen. Die verbleibenden Restprovinzen anzuschließen gilt meist als zu teuer . So ist es angeblich auch in Hohentengen. Die nächste Telekom-Vermittlungsstelle, die es für den DSL-Betrieb braucht, liegt dem Konzern zufolge ein paar Kilometer zu weit entfernt von der Gemeinde. Wegen 500 potenziellen Nutzern will die Telekom keine weitere Relaisanlage bauen. »Wir müssten da sehr viel Geld anpacken«, so ein Sprecher. Millionen von Euro.

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Da helfen auch die mal flehenden, mal geharnischten Briefe und E-Mails nichts, die der Bürgermeister Martin Benz seit nunmehr drei Jahren an die Telekom richtet. »Inzwischen antworten die schon gar nicht mehr«, schimpft Benz. Dafür wächst die Zahl der Beschwerdeführer, die dem CDU-Bürgermeister einschärfen, er solle endlich etwas tun.

Bernd Fester, Druckereibesitzer am Ort und auf schnelle Datenleitungen immer dringender angewiesen, hat einen »dicken Hals«, wie er sagt. Mark Ziegele, Chef einer Elektronikfirma mit 15 Angestellten, kündigt an, er werde die »Entwicklungshemmnisse« im Ort nicht mehr länger hinnehmen. »Wenn’s hier nicht bald funktioniert, gehe ich mit meiner Firma nach Klettgau rüber, dann ist die Sache erledigt.« Klettgau liegt fünf Kilometer von Hohentengen entfernt – und Klettgau hat DSL-Anschluss. Vergangene Woche ist wieder mal ein Bürger weggezogen, ins nahe gelegene und ordentlich vernetzte Lauchingen. »Der Mann arbeitet im Computerbereich. Er hat mir gesagt, es tut mir leid, Martin, aber ich brauch das Zeugs«, klagt Bürgermeister Benz. Was genauso schlimm ist: Gewerbebetriebe und Neubürger ziehen erst gar nicht mehr nach Hohentengen. Die Gemeinde droht auszubluten.

Breitband gilt in Deutschland eben nicht als Grundversorgung

Dabei wäre es ungerecht, dem Bürgermeister, der schon 16 Jahre lang das Rathaus leitet, Feigheit vorzuwerfen. Benz ist sturmgegerbt, seit mehr als einem Jahrzehnt kämpft er wacker gegen den Fluglärm des nahen Flughafens Zürich-Kloten. In Sachen DSL-Anschluss hat er dem Ministerpräsidenten Günther Oettinger bei dessen Wahlkampf 2005 ein Hilfsversprechen abgerungen, sich den Staatsminister Willi Stächele gegriffen, das Wirtschaftsministerium in Stuttgart angeschrieben. »Aber still ruht der See.« Er beschwerte sich bei der Bundesnetzagentur in Bonn, machte den Anspruch auf Grundversorgung geltend. Doch die Bonner Behörde schrieb zurück, nach dem Telekommunikationsgesetz hätten Endnutzer zwar einen Anspruch auf den Anschluss an öffentliche Telefondienste, die auch einen »funktionalen Internetzugang ermöglichen« müssten. Doch das Angebot von breitbandigen – also schnellen – Anschlüssen gehöre nicht zur Grundversorgung.

Leser-Kommentare
    • svonf
    • 18.03.2007 um 12:52 Uhr

    Eine Lösung des hier geschilderten Problems könnte die Web-Anbindung über die Funktechnologie Wimax sein. Ähnlich wie beim Mobilfunk werden hierbei die Daten über kleine Funkstationen (ähnlich wie beim Mobilfunk) übertragen. Lizenznehmer in Deutschland sind Clearwire, Televersa und die Deutsche Breitband Dienste GmbH. Nachzulesen in der letzten Ausgabe des Magazins Capital vom 15.03.-28.03.2007, S. 116-118.

    • QUOTE
    • 18.03.2007 um 11:53 Uhr
    2. Tja...

    ...erinnert sich noch jemand an den Witz aus der Zeit der angehenden Post-Privatisierung?

    'Was macht Minister Schwarz-Schilling eigentlich den ganzen Tag in seinem Büro?'
    'Er erledigt die Post!'

    Früher galt in Deutschland für die öffentlichen Unternehmen der 'Infrastrukturauftrag' - da wurden die kleinen Dörfer ans Schienen-, Strom, Telefon- oder sonstige Netze angeschlossen, auch wenn es mal etwas teurer wurde.

    Darauf pfeift das allein dem Profit der Kapitalisten verpflichtete Privatunternehmen Telekom natürlich.

    Also, Herr CDU-Bürgermeister von Hohentengen: was soll das dämliche Herumjammern? Bei jemandem wie Ihnen sollte man ja wohl voraussetzen, daß er weiß, wie Kapitalismus funktioniert, oder? Die einzigen, bei denen Sie sich für die gegenwärtige Situation bedanken dürfen, sind Ihre neobliberalen Parteifreunde in Berlin.

    Seien Sie froh, solang Sie überhaupt noch Strom und Gas bekommen in ihrem Kaff. Da wird der Preis wahrscheinlich demnächst auch nach Leitungsweg abgerechnet, warten Sie mal ab, was den Monopolisten noch einfällt.

    • acan
    • 18.03.2007 um 12:43 Uhr
    3.

    Was sollen denn erst die Berliner sagen die ohne DSL dastehen? Hier scheitert die Telekom in diversen Stadtteilen auch schon seit 10 Jahren am Ausbau...

    • svonf
    • 18.03.2007 um 12:55 Uhr

    Eine Lösung des hier geschilderten Problems könnte die Web-Anbindung über die Funktechnologie Wimax sein. Ähnlich wie beim Mobilfunk werden hierbei die Daten über kleine Funkstationen (ähnlich wie beim Mobilfunk) übertragen. Lizenznehmer in Deutschland sind Clearwire, Televersa und die Deutsche Breitband Dienste GmbH. Nachzulesen in der letzten Ausgabe des Magazins Capital vom 15.03.-28.03.2007, S. 116-118.

    • svonf
    • 18.03.2007 um 13:01 Uhr

    Eine Lösung des hier geschilderten Problems könnte die Web-Anbindung über die Funktechnologie Wimax sein. Ähnlich wie beim Mobilfunk werden hierbei die Daten über kleine Funkstationen (ähnlich wie beim Mobilfunk) übertragen. Lizenznehmer in Deutschland sind Clearwire, Televersa und die Deutsche Breitband Dienste GmbH. Nachzulesen in der letzten Ausgabe des Magazins Capital vom 15.03.-28.03.2007, S. 116-118.

  1. 6.

    In Ihrem Artikel ist Ihnen ein häufiger Fehler unterlaufen.
    Hohentengen liegt zwar nicht sehr weit vom Südschwarzwald entfernt (Ca. 20 km), es liegt aber am Hochrhein und die Gegend die angrenzt wird als Klettgau bezeichnet.
    Mit dem Schwarzwald hat das aber rein gar nichts zu tun.

  2. 7.

    'warten Sie mal ab, was den Monopolisten noch einfällt'

    Die Monopolisten sind m. E. in Fragen der Grundversorgung (Post, Telefon, Verkehrsbetriebe, Energie) gerade nicht das Problem. Ein Monopol ermöglicht es ja, Verluste 'in der Fläche' mit Gewinnen aus Ballungsgebieten zu verrechnen. Nicht die Privatisierung öffentlicher Unternehmen, sondern die Liberalisierung der Märkte war/ist das eigentliche Problem. Seitdem jeder Anbieter um die Rosinen des Marktes konkurrieren darf, sind die Kosten für die Anbindung ländlicher Regionen nicht mehr zu finanzieren, sprich: irgendwie wird die Allgemeinheit darauf sitzen bleiben.

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