Man muss die schauspielerische Größe Forest Whitakers mit einem alten deutschen Wort beschreiben, das außer Kurs ist: Er spielt den Massenmörder Idi Amin mit einer Leutseligkeit, die einem kalte Schauder über den Rücken jagt. Dieser Diktator kann charmant und gewinnend sein. Und im nächsten Augenblick zeigt er sich als narzisstisch-brutales Riesenkind, hin- und hergerissen zwischen Allmachtsträumen und Paranoia. Der Traum vom neuen Menschen. BILD

Wir nähern uns ihm durch die Augen von Nicholas Garrigan (James McAvoy), der als frisch approbierter Arzt zu Beginn der Siebziger nach Uganda kommt. Ihn lockt die Abenteuerlust mindestens so sehr wie der Wille zum Helfen. Es ist die Zeit, als die Dritte Welt – und zumal Afrika – noch voller postkolonialer Verheißung ist. Junge Männer wie Nicholas tauchen dort mit vagen Erlösungswünschen auf. Sie suchen eine Alternative zum hergebrachten Leben des weißen Mannes – politisch, kulturell, spirituell und erotisch.

Der letzte König von Schottland, der erste Spielfilm von Kevin McDonald, macht aus der brutalen Enttäuschung dieser Hoffnung auf das ganz andere in Afrika einen spannenden politischen Thriller. Der naive junge Abenteurer Nicholas, der mehr zufällig in Uganda landet, begegnet dem kommenden Mann des Landes, General Idi Amin Dada. Der General, ein Geschöpf der britischen Kolonialtruppen, hat soeben in einem unblutigen Coup den Regierungschef Obote gestürzt. England hat das Regime des ehemaligen Elitesoldaten seiner African Rifles sofort anerkannt. Uganda ist in Aufbruchs-Euphorie. Nicholas Garrigan lässt sich davon anstecken und wird Leibarzt und Vertrauter von Amin.

An dem jungen Mann gefällt dem aufstrebenden Tyrannen die Furchtlosigkeit, mit der dieser ihm die Meinung sagt. Er gewinnt Nicholas mit einem Machtversprechen: Alles werde neu gemacht in Uganda, zum Wohle des Volkes. Nicholas müsse ihn beraten bei der Erschaffung des modernen Uganda. Er legt ihm das Gesundheitssystem des Landes zu Füßen. Im postkolonialen Gewand tritt hier die alte Hybris auf, den neuen Menschen und Afrika zu schaffen. Nicholas erliegt dem Faszinosum der Macht, die nun – so will er es sehen – in den Händen der Unterdrückten liegt. (Außerdem verwöhnt der neue Machthaber ihn mit Autos, Partys und Frauen.)

Doch dann beginnen Menschen zu verschwinden. Amin vertreibt die Asiaten aus dem Land, weil es ihm angeblich Gott im Traum so gebietet. Den rassistischen Wahn des Diktators spielt Forest Whitaker auf eine zurückhaltende und eben darum so gruselige Weise. Er hat zu Recht den Oscar für diese Leistung erhalten. Seinen Widerpart in dem Film, den jungen James McAvoy, wird man sich ebenfalls merken müssen.

Doch etwas stimmt nicht mit diesem Politthriller, und dafür können die großartigen Schauspieler nichts. Der Film muss zu viel weglassen, weil er aus dem Horror Ugandas ein genießbares Psychodrama um die Korruption durch absolute Macht strickt. Idi Amins virulenter Antisemitismus wird ausgeblendet, ebenso sein irrsinniger Versuch, das Land, in dem nur 15 Prozent Muslime lebten, mit Gewalt zu islamisieren. Von diesem zentralen Aspekt des politischen Wahns von Amin, der heute (Darfur!) leider schreckliche Analogien findet, ist im ganzen Film keine Rede.

McDonalds Film traut sich an das Herz der ugandischen Finsternis nicht heran. Er ist zu sehr mit dem Drama eines naiven jungen Mannes beschäftigt, der sich mit dem Teufel einlässt und am Ende dafür büßen muss. Der Film scheint in der Folterszene am Schluss, in der Nicholas für seine politische Dummheit bestraft wird, die ganze Scheußlichkeit des Aminschen Regimes nachholen zu wollen, um die er sich vorher gedrückt hat. Die große Leistung von Forest Whitaker unbenommen: Am Ende ist es doch ein wenig unpassend, die Tragödie Afrikas als Hintergrund für eine europäische Selbstfindungsgeschichte zu benutzen.

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