Liebestod in Kreuzberg
Drei Bemerkungen voraus. Dass fast alle öffentlich geförderten Theater in Deutschland die Migranten, die zu Hunderttausenden in unseren Städten leben, schlichtweg ignorieren, ist ein Skandal. Dass das Berliner HAU-Theater mit seinem Festival Beyond Belonging gegen diesen kulturpolitischen Notstand angeht, verdient vollen Respekt. Und dass ein türkischstämmiger Schriftsteller wie Feridun Zaimoglu jetzt mit eigenen Texten und Klassiker-Bearbeitungen deutschsprachiges Bühnenterrain erobern will, kann dem Theater nur guttun.
So weit zum Grundsätzlichen, das vor der Klammer steht damit innerhalb der Klammer nicht gemogelt werden muss. Und gemogelt wäre es, wenn der Kritiker verschwiege, dass ihm die Premiere im HAU doch vor allem »sympathisch« vorkam was im Sprachcode der Zunft bekanntlich kein so großes Lob ist
Erwartet hatte man eine schrille Culture-Clash-Version von Shakespeares Romeo und Julia, die die tödliche Fehde der Veroneser Adelsfamilien Capulet und Montague auf heutige deutsche Großstadtverhältnisse überträgt, auf zwei verfeindete Familien-Clans in Berlin-Kreuzberg: Christen, Deutsche auf der einen, Muslime, türkischstämmige Deutsche auf der anderen Seite. Ein Stück, das zeigt, wie ethnische und religiöse Feindbilder die Gefühlswelt von Menschen vergiften, die Straße an Straße miteinander leben. Keine Seelenoper wie einst in der Westside Story, sondern soziale Realität.
Der Text immerhin Zaimoglu hat ihn zusammen mit Günter Senkel verfasst geht rasch und knallhart zur Sache. Schon bei den ersten Raufereien fliegen nicht nur Fäuste, sondern auch Fick- und Fäkalwörter, und der schönen Julia entfährt, als sie von Romeos türkischer Herkunft erfährt, der Seufzer »Heilige Scheiße«. Es ist kein Abend für Schöngeister, die Schlegels Übersetzung noch immer mit dem Original verwechseln. Doch Verbaldrastik war vom Autor der Kanak Sprak ohnehin zu erwarten keine Provokation für den, der weiß, dass Romeo und Julia das zotenreichste aller Shakespeare-Dramen ist. Schon der Urtext kontrastiert den obszönen Straßenslang mit der Lyrik der Liebenden.
Doch erstaunlich, wie harmlos, wie unpolitisch die Aufführung ist. Die Autoren haben den szenischen Ablauf kaum verändert, die ethnischen Zuschreibungen den Figuren nur äußerlich aufgepfropft, nicht bis in die Dialoge und seelischen Motivlagen weiterverfolgt. Allein das Finale greift stark in die Vorlage ein: Aus dem tödlichen Irrtum wird ein Doppelselbstmord. Romeo und Julia schenken und nehmen sich ihr Leben wissend, dass ihnen auf Erden nicht zu helfen ist. Über den Leichen keine Versöhnung. Trauermusik.
Der Kreuzberger Filmemacher Neco Çelik hatte im vergangenen Jahr Zaimoglus Schwarze Jungfrauen, die Monologe junger Musliminnen, in fast postdramatischer Manier zum Kollektivschicksal radikaler Widersprüche montiert jetzt inszeniert er einen Holzschnitt-Shakespeare. Immer geradeaus, viel Drive in den Kampfszenen, unverstellte Emotionen zwischen dem rassigen Romeo (Murat Seven) und der kessen Teeniebraut Julia (Lavinia Wilson). Das hat stellenweise Witz und Charme, ist beim Einsatz von Laienschauspielern oft unfreiwillig komisch und auf die Dauer einfach zu nett, um wahr zu sein. Beide Clans, Deutsche wie Türken, betreiben üble Geschäfte, die Männer sind primitive Machos und brutale Mafiosi, ihre Ladys Edelzicken in Nerz oder Supermini: verwechselbar also das will Zaimoglu zeigen. Doch aus der Spiegelbildlichkeit der Ethnien wächst hier keine politische oder menschliche Erkenntnis, sondern nur draller Volkstheatereffekt: Was sind wir uns doch ähnlich in unserer Verkommenheit!
Zaimoglu hat einen Shakespeare mit Migrationshintergrund im Sinn gehabt. Über das Vordergründige ist er in Berlin nicht hinausgekommen.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.52
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