Kaleidoskop VOM STAPEL Lüge oder nicht?
Jetzt ist die Aufregung groß. Jetzt heißt es: Lüge, Fälschung, Erfindung! Senait G. Mehari, etwa 1974 in Asmara, der heutigen Hauptstadt von Eritrea, geborene, seit zwei Jahrzehnten in Deutschland lebende Bestsellerautorin, Sängerin und Medienliebling, muss sich vorhalten lassen, in ihrem Buch Feuerherz (Droemer Verlag, München 2004 - 317 S., 16,90 ) einen Lebensbericht abgeliefert zu haben, der nicht den historischen Fakten entspricht. Senait erzählt, in einem Camp der eritreischen Rebellenarmee ELF zur Kindersoldatin ausgebildet und für den Bürgerkrieg instrumentalisiert worden zu sein. Das aber, sagen ihre Kritiker, könne so nicht stimmen. Das Camp sei eine Schule gewesen, in dem Kinder Zuflucht vor dem Krieg fanden. Es habe dort weder militärische Ausbildung gegeben noch kindgerechte, das heißt rückstoßmindernde, Kalaschnikows. Senait maße sich ein publikumswirksames Schicksal an, das sie in Wahrheit nicht erlitten habe. Das ist der Kernvorwurf des Skandals, der um Feuerherz lodert, seit das NDR-Magazin Zapp ihn mit Zeugenaussagen entzündete, die Senaits Version zumindest in Zweifel ziehen.
Jetzt werden zwei Konzepte konfrontiert, die es längst gewohnt sind, im schönsten medialen Mischmasch aufzutreten. Das Konzept der Zeugenschaft zum einen, das Konzept der Fiktion zum anderen. Ihre Arbeitsteilung ist kulturgeschichtlich vergleichsweise neu. Erst die aufarbeitende Erinnerung an den Holocaust und die Kriegsverbrechen hat der persönlichen Zeugenschaft jene Bedeutung gegeben, die uns heute geläufig ist. Längst geläufig ist uns aber auch: die fiktionsaffine Verseifung dieses Konzepts. Jene Gestaltung historischer Realitätsberichte, deren Inhalt zwar nicht frei erfunden ist, die sich an den Gestaltungseffekten des Spielfilms und des Romans aber in einem Höchstmaß bereichern und das Faktische (Stichwort »Dokusoap«) in den Sog des Fiktionalen ziehen. Niemand konnte beim Erscheinen von Feuerherz übersehen, dass der Sog hier mit der vollen Energie des Sentimentalen, des Dubiosen auftritt. Niemand konnte je behaupten, dass ein Buch wie Feuerherz (allein schon das Titelbild: schöne, himmelwärts blickende Afrikanerin mit schimmernden Lippen) den Maßgaben seriöser Zeugenschaft auch nur annähernd standhält.
Das fängt beim Bild-Zeitungshaften Klappentext an (»Heute ist Senait eine lebensfrohe junge Frau, die sehr genau weiß, was sie will«) und hört bei der Frage der Autorschaft nicht auf. Senait G. Mehari hatte offensichtlich einen Ghostwriter, den Journalisten Lukas Lessing.
Weder werden seine Funktion und seine Arbeitsweise editorisch genau ausgewiesen, noch tritt er an irgendeiner Stelle als namentlicher Co-Autor auf. Dass er mit Senait Gespräche führte und daraufhin den gesamten Text verfasste, von dem Senait im Vorwort sagt: »Jetzt, nachdem ich all das niedergeschrieben habe, bin ich frei«, wurde erst durch den Skandal ersichtlich.
Nun könnte man sagen: Autorschaft hin oder her, sülziger oder sachlicher Klappentext, historische Belege oder eben keine, mit oder ohne Kalaschnikow. Das sind Haarspaltereien, die angesichts des politischen Themas nicht ins Gewicht fallen. Hier geht es um eine der ungeheuerlichsten Menschenrechtsverletzungen, den Einsatz von Kindersoldaten, und nicht um Editionsfragen. Schließlich hat sich Feuerherz 400000 mal verkauft. Die Berichte von Amnesty International verkaufen sich schlechter. Man kann so aber nur unter der Voraussetzung argumentieren, das Genre des Dokuromans sei als politisches Instrument verwendbar. Das ist es offensichtlich nicht.
Die Tatsache, dass Feuerherz ins Gerede gekommen ist und einen medialen Glaubwürdigkeitsrummel ausgelöst hat, ist für das politische Thema nicht nur unnütz, sondern fatal.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.64
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



