Drei mal drei Millimeter und dünn wie ein Haar, so winzig ist das Fenster aus grauem Silizium. Genau 1540 Fotozellen samt Elektronik sitzen auf dem Minichip, und sie haben drei Patienten zum ersten Mal seit ihrer Erblindung wieder so etwas wie diffuses Sehen verschafft, allerdings eher eine Ahnung davon. © ZEIT- GrafikSo funktioniert der Chip im Auge: Klicken Sie auf das Bild BILD

Auf einer Pressekonferenz am Mittwoch dieser Woche präsentierten Tübinger und Regensburger Augenärzte den ersten Erfolg einer Pilotstudie mit dem Retinachip. Sieben Patienten, die durch die erbliche Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa erblindet waren, hatten sie die mikroelektronische Sehhilfe unter die Nervenzellschicht der Netzhaut implantiert. Alle Patienten hätten die komplizierte Operation ohne Probleme überstanden. Schäden im Auge – etwa durch Netzhautablösungen oder Entzündungen – habe das Implantat nicht verursacht, berichteten die Mediziner.

Geholfen hat der Eingriff indes nur den drei zuletzt operierten Probanden. Bei den Sehtests, berichtet Projektleiter Eberhart Zrenner, »konnten sie zeigen, wo das Fenster ist oder auf einer dunklen Tischdecke einen hellen Teller lokalisieren«. Allerdings hätte es auch eine helle Tasse sein können, räumt der Medizinische Direktor an der Tübinger Universitätsaugenklinik ein.

Die vier ersten Patienten hingegen sahen nichts, ob mit oder ohne Chip. Bei zweien funktionierte das Implantat nicht wie vorgesehen, bei den anderen sei vermutlich auch die Blutversorgung an der Implantationsstelle defekt gewesen, erklärt Zrenner. »Es ist dann problematisch, die Netzhaut elektrisch zu reizen.«

Dennoch werten die Mediziner das Ergebnis als wichtigen Fortschritt bei den seit Jahrzehnten weltweit vorangetriebenen Versuchen, eine elektronische Netzhaut für blinde Menschen zu entwickeln. Denn im Prinzip, versichert Zrenner, reiche die Auflösung der 1540 Fotozellen aus, um eine Sehschärfe von sechs Prozent zu erreichen – genug, um Gesichter zu erkennen oder mit einer stark vergrößernden Sehhilfe zu lesen. Davon ist allerdings bislang keine Rede. Der sogenannte subretinale Chip ist eine Entwicklung des von Zrenner und Kollegen gegründeten Reutlinger Unternehmens Retina Implant. Aufsichtsratsvorsitzender und einer der Hauptinvestoren ist Zrenner selbst.

Der Chip wird in einer komplizierten mikrochirurgischen Operation anstelle der abgestorbenen Sehzellen unter die Nervenzellschicht der Retina platziert. Wie beim gesunden Auge fällt das Licht dann durch Linse und Glaskörper, durchstrahlt die Nervenzellen der Retina und trifft danach auf die winzigen Fotozellen des Chips. Der soll das Licht in elektrische Signale umwandeln und auf die unterste Neuronenschicht übertragen (siehe Grafik). »Die Operation ist anspruchsvoll«, versichert der Tübinger Netzhautchirurg Karl Ulrich Bartz-Schmidt, der ebenso wie sein Regensburger Kollege Helmut Sachs je einem Teil der Patientengruppe den Retinachip implantiert hat. »Man braucht dafür zwei spezialisierte OP-Teams«, sagt Bartz-Schmidt. »Eins für den Einbau des Chips in die Netzhaut und ein zweites, das ein Kabel für die Stromversorgung durch die Augenhöhle hindurch unter der Augenbraue bis hinter das Ohr verlegt.«