DIE ZEIT: Stimmt es, dass Sie drei Monate lang für niemanden zu sprechen sein werden? Ein buddhistischer Mönch betet vor einer liegenden Buddha-Statue in der Nähe der Kleinstadt Polonnaruwa in Sri Lanka BILD

Alan Wallace: Stimmt. Wir beginnen heute mit dem Shamatha-Projekt in einem abgeschiedenen Haus in den Bergen. Wir haben aus Hunderten von Bewerbern 37 Leute ausgesucht, auch Agnostiker und Christen. Die nächsten drei Monate werden wir jeden Tag acht bis zehn Stunden meditieren. Kein Telefon, kein Fernseher.

ZEIT: Was genau wird da passieren?

Wallace: Wir haben ein halbes Dutzend Hirnforscher, Psychologen, Neurobiologen und Ärzte sowie zwei mobile Labore bei uns. Damit wird die Gruppe – sowie eine Kontrollgruppe – zu Beginn, in der Mitte und am Ende der Klausur untersucht. Mit Elektroenzephalografie (EEG) und Kernspintomografie werden Gehirnströme und die Veränderungen in der Aufmerksamkeit gemessen, aber es werden auch physiologische Daten untersucht.

ZEIT: Was genau ist Meditation, und was davon lässt sich messen?

Wallace: Es gibt verschiedene Formen. Shamatha ist Aufmerksamkeitstraining, und wir lehren drei Methoden: erstens die Konzentration auf den eigenen Atem, zweitens das Bewusstwerden des natürlichen Zustands des Geistes, in dem das Geschnatter der Gedanken nach und nach verstummt, und drittens die Wahrnehmung der Natur – des Bewusstseins an sich. Außerdem üben wir uns in der Meditation in Liebe, Mitgefühl, in empathischer Freude und Gleichmut.

ZEIT: Was erhoffen Sie sich von ihrer Studie?

Wallace: Die Wissenschaft weiß sehr wenig über die Trainierbarkeit von Aufmerksamkeit. Shamatha wurde von Buddha gelehrt, um die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit zu trainieren. Wir erwarten also, dass die Meditierenden sich signifikant besser konzentrieren können, und zwar über lange Zeit und ohne zu schwanken. Gleichzeitig sollten Körper und Geist messbar entspannt sein, und die geistige Präsenz sollte zunehmen, sodass man auch sehr flüchtige und augenblickskurze Ereignisse wahrnimmt, die normalerweise der Aufmerksamkeit entgehen. Das Shamatha-Projekt ist eine bahnbrechende Studie, denn zum ersten Mal wird untersucht, wie Aufmerksamkeit funktioniert. Kann man sie trainieren? Wenn ja, wie beeinflusst das den Körper? Ist es effektiver, wenn man sich auf den Atem konzentriert, auf ein geistiges Bild oder auf das Bewusstsein an sich? Entwickeln die Meditierenden wirklich Liebe und Mitgefühl, oder machen sie sich bloß vor, sie seien nettere Menschen? Wir können das mit wissenschaftlichen Methoden messen.