Religion Buddhismus im LabortestSeite 3/3

ZEIT: Sie kennen beide Welten, die der Wissenschaft und die des Buddhismus. Was kann die Wissenschaft vom Buddhismus lernen?

Wallace: Vor allem im 20. Jahrhundert wurden die Wissenschaften von der materialistischen Perspektive dominiert. Das ist in Ordnung, wenn man Geologie studiert, aber nicht, wenn es darum geht, den Geist an sich zu erforschen. Das kann man nur durch Introspektion. Die Wissenschaftler studierten Verhaltensweisen und geistige Erkrankungen, aber sie wissen fast nichts darüber, was das Bewusstsein eigentlich ist. Sie konzentrieren sich auf geistige Krankheiten wie Depression, aber sie wissen nicht, in welchem Ausmaß man den Geist trainieren und dauerhaftes, echtes Glück entwickeln kann. Der Buddhismus hat 2500 Jahre Erfahrung darin, Teleskope zu bauen, mit denen man in den Geist schauen kann. Das beste Teleskop ist Meditation.

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ZEIT: Und was kann der Buddhismus von den Wissenschaften lernen?

Wallace: Es gibt zwei besorgniserregende Trends im Westen: Der eine ist die Verwandlung von Buddhismus in Therapie. Meditation hilft bei Krankheiten, reduziert Stress, macht gelassener, fördert die Konzentration. Das ist alles gut und schön, aber der Buddha ist nicht im Alter von 29 Jahren aus seinem Königshaus ausgezogen, um eine Methode zu finden, Hämorrhoiden zu heilen. Auch in Tibet waren für Kranke die Ärzte zuständig, nicht die Meditationslehrer. Der andere Trend sind Hardcore-Buddhisten, die nur ihre eigene Lehre gelten lassen. Buddha hat uns ermutigt, den Buddhismus zu testen. Also prüfen wir: Kann er das Bewusstsein wirklich befreien? Was die Wissenschaft beitragen kann, sind Skepsis, strikte Empirie, Rationalität. Wissenschaft kann die Effektivität von buddhistischer Praxis messen.

ZEIT: Wie kann jemand, der sich für Meditation interessiert, auch ohne EEG einen Scharlatan von einem authentischen Lehrer unterscheiden?

Wallace: Gar nicht. Wenn man nicht weiß, was Meditation ist, kann man auch nicht erkennen, wer ein echter Lehrer ist. Es gibt einige mit viel Charisma oder Sex-Appeal. Man muss sich in Büchern informieren, wer unter Buddhisten als renommiert und glaubwürdig gilt, auch wenn das kein absolutes Kriterium ist. Seine Heiligkeit der Dalai Lama ist jemand, der von allen Seiten anerkannt wird, das ist also ein guter Start. Wenn Sie sich schon mal grundlegend informiert haben, seien Sie mutig, melden Sie sich für einen Meditationskurs an, und schauen Sie, was passiert: Wichtig ist nicht, ob der Lehrer beeindruckend ist, sondern was geschieht, wenn man die Belehrungen in die Praxis umsetzt. Sind sie hilfreich oder nicht? Man muss pragmatisch rangehen. Und es hilft, sich vorher ernsthaft zu fragen, warum man meditieren will. Will man Löffel verbiegen lernen, einen neuen Partner kennenlernen oder wirklich größere Achtsamkeit entwickeln?

Das Gespräch führte Michaela Haas

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Eine Religion ohne Gott
Lesen Sie den Artikel aus der Serie "Weltreligionen" exklusiv in der aktuellen Ausgabe 12/2007 der ZEIT: Der Buddhismus kennt weder Himmel noch Hölle. Nicht das ewige Leben verspricht er, sondern Erlösung durch Selbsterkenntnis. Von Ulrich Schnabel

 
Leser-Kommentare
    • iceman
    • 16.03.2007 um 14:31 Uhr
    1. Danke!

    Der Buddhismus ist kein Sammelbecken für Räucherstäbchen schwingende tantrische Esoteriker.
    Dieses Klischee gehört entsorgt, und das vorliegende Interview hat seinen Teil dazu beigetragen.
    Vielen Dank dafür.

    Der Dalai Lama und sein Thinktank arbeiten schon seit Jahren mit einer grossen Gruppe hochrangiger internationaler Wissenschaftler zusammen, um herauszufinden, in wie weit die Erkenntnisse des Buddhismus für die Wissenschaft von Interesse sein können (und umgekehrt!).
    Gerade für solche Bereiche wie Neurologie, Psychologie, Pädagogik, Anthropologie und Philosophie war das bislang höchst ergiebig und fruchtbar.
    Der im Beitrag erwähnte Richard Davidson hat schon vor einigen Jahren neurologische Untersuchungen durchgeführt, an meditierenden Laien, Mönchen, Nichtmeditierenden und Neumeditierenden.
    Die Ergebnisse waren sehr eindrucksvoll (siehe Daniel Goleman: Dialog mit dem Dalai Lama).
    Meditation zeigt nicht nur bei 'Profi-Medikanten' positive Effekte, oder bei Jüngeren, oder bei besonders Begabten, sondern bei allen Menschen.

    In des USA gab es auch das Modell PATHS, durch das kleinen Schulkindern mittels Rollenspielen (als Ersatz für herkömmliche Meditation) eine bessere Selbstbeobachtung und soziale Kompetenz beigebracht wurde.
    Kinder sind sehr wohl in der Lage, die Auswirkungen ihres Handelns zu begreifen, und eigene erlebte Stresssituationen mit kleinen Psychotechniken besser zu verarbeiten, wenn man ihnen dabei hilft.
    Darin liegt unsere Verantwortung.
    Und angesichts wachsender Probleme an unseren Schulen liegt es doch nahe, verstärkt solche Wege zu beschreiten - und zwar möglichst frühzeitig!
    Durch Frühförderung und die Befähigung der Kinder, sich selbst besser zu beobachten und sich in andere besser hineinzufühlen, könnten wir ALLE Probleme in diesem Bereich nachhaltig lösen.
    Es ist erstaunlich, dass diese Möglichkeiten kaum diskutiert werden.
    Vielleicht ist das so, weil sie als zu exotisch empfunden werden (hier ist mehr Aufklärung erforderlich).
    Die Frage muss erlaubt sein:
    Warum gibt es an den Schulen Turnunterricht, aber keine regelmässige und durchgängige Schulung des Geistes???

    Durch regelmässige Meditation - auf Dauer angelegt würden 2 bis 4 Stunden pro Woche sehr viel bewirken - kann man negative Emotionen wie Hass, Neid, Gier, und vor allem Angst sehr viel besser in den Griff kriegen.
    Und zwar präventiv, durch eine bessere Vermeidung ihrer Entstehung!
    Dadurch wird der Mensch ruhiger, konzentrierter, aufmerksamer und effektiver im Handeln.

    Wenn wir aufhören würden, uns selbst immer nur als 'Individuen' zu betrachten (so nach dem Motto: Jeder für sich, Gott gegen alle!), sondern uns stattdessen klar machten, dass JEDER VON UNS für die Brutalität, die Untaten, und die gesellschaftlichen Widersprüche mitverantwortlich ist, dann hätten wir eine Chance zur Weiterentwicklung.
    Und wir müssen uns geistig-evolutionär weiterentwickeln, sonst werden uns die Missstände über den Kopf wachsen.
    Diese Missstände sind nur die Widerspiegelungen unseres inneren Selbst, und letztlich kann die Welt nur durch eine Mutation in jeder menschlichen Psyche vor dem Chaos gerettet werden.
    Mit radikalem Pazifismus hat das nicht unbedingt etwas zu tun (da kann es Ausnahmen geben), aber die Grundlage für künftigen Fortschritt kann nur sein, dass wir Menschen uns stärker als EINHEIT begreifen, ganz grundsätzlich, und das nicht nur als abstraktes Wunschdenken, durch die schnöde Hoffnung auf 'bessere Zeiten'.

    So wichtig Aufklärung ist, so sicher ist auch, dass blosse Forderungen nach mehr Sozialverhalten oder Umweltbewusstsein nicht ausreichen.
    Wenn keine - vorab kultivierte! - Sensibilität und diskursive Offenheit beim Menschen vorhanden ist, dann prallt jede Aufklärung am individuellen Egoismus, an Verblendung und Bequemlichkeit ab.

    Pädagogik ist das effektivste Mittel, das es gibt, im Guten wie im Schlechten.
    Von den ägyptischen Muslimbrüdern wissen wir, dass ihnen die Kontrolle über das Schulsystem (Koranschulen) wichtiger ist als eine Regierungsbeteiligung, und infolgedessen wird ihnen die Zukunft dieses Landes gehören.

    Wenn wir - in unserem Land, und mit unseren Werten - die Zukunft sichern wollen, dann müssen wir unsere Kinder (alle Kinder!) frühzeitig zu toleranten, lernbegierigen und mitfühlenden Wesen erziehen.
    Zurzeit sind wir noch rückständig, kulturell rückständig, und wir können es besser.
    Wir sind NICHT machtlos, wir waren es nie, und es liegt alles in unserer Hand!

    • Akanda
    • 30.11.2010 um 3:15 Uhr

    Es kommt wie bei vielen Dingen auf die Technik drauf an. Der budhistische Meditationsstiel erfordert meines Erachtens yu viel Konzentration und Anstrengung. Für den „normalem" Menschen ist so eine Meditationsform dann eher nicht praktisch.
    Ich war an einem Projekt in Thailand beteiligt, in dem ca. 3000 budhistische Mönche die Transzendentale Meditation ( www.Transzendentale-Medit... ) mit hervorragenden Ergebnissen erlernt haben. Diese Technik ist vollkommen wertneutral, stammt aus der dem Budhismus zu Grunde liegenden Vedischen Tradition, ist also authentisch und nachvollziehbar.

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