Michael Naumann Mann über Bord

Ein Herausgeber im Wahlkampf

Immer wieder hat die ZEIT einige ihrer Besten an die Politik verloren. Doch blieb es meist bei Gastspielen. Gerd Bucerius, der Gründer und Verleger der ZEIT, saß von 1949 bis 1962 für die CDU im Bundestag. Theo Sommer wechselte Ende 1969, als er stellvertretender Chefredakteur der ZEIT war, ins Bundesverteidigungsministerium und leitete dort für ein halbes Jahr den Planungsstab. Kurt Becker, seinerzeit stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Politikressorts, übernahm von 1980 bis 1982 unter Helmut Schmidt das Amt des Regierungssprechers. Auch Helmut Kohl holte sich für diesen Posten einen erfahrenen ZEIT- Journalisten: Von 1982 bis 1983 war Diether Stolze Regierungssprecher; er hatte bis dahin als Redakteur, Verleger und Herausgeber des Blattes gewirkt.

Umgekehrt hat auch die ZEIT hin und wieder einige der Besten aus der Politik abgeworben. Verleger Bucerius berief 1983 Altkanzler Helmut Schmidt zum Herausgeber, dieser blieb noch bis 1987 SPD-Abgeordneter im Bundestag. Michael Naumann, der 1970 das erste ZEITmagazin mit aus der Taufe hob, kam im Jahr 2001 zurück und wurde, neben Josef Joffe, Herausgeber und zunächst auch Chefredakteur, nachdem er zwei Jahre lang der erste Kulturstaatsminister der rot-grünen Bundesregierung gewesen war. Damals erklärte er: »Ich gehe als freier Mann, wie ich gekommen bin.«

Anzeige

Naumann traf es völlig überraschend, dass am Dienstagabend vergangener Woche der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, Olaf Scholz, fragte, ob er als Spitzenkandidat der SPD für die nächste Bürgerschaftswahl in Hamburg antreten wolle. Zur selben Zeit ging gerade ein Leitartikel ins Korrektorat, in dem ZEIT- Redakteur Matthias Krupa, ausgehend von der Personalnot der Sozialdemokraten in Hamburg, die Misere der SPD-Landesverbände beklagte, insbesondere das Fehlen von anziehenden Führungspersönlichkeiten ( Mann über Bord , ZEIT Nr. 11/07). Naumann überlegte eine fast schlaflose Nacht lang, dann sagte er zu und vereinbarte mit ZEIT- Verleger Stefan von Holtzbrinck die sofortige Beurlaubung vom Amt des Herausgebers. Am nächsten Tag räumte er sein Büro im Pressehaus am Speersort.

Der ZEIT- Redaktion ist Michael Naumann ans Herz gewachsen, viele Kolleginnen und Kollegen wünschen ihm Glück und Erfolg. Von nun an ist es indes eine Selbstverständlichkeit, dass über ihn im Hamburger Wahlkampf genauso kritisch geschrieben wird wie über jeden anderen Politiker auch. Oder vielleicht doch nicht ganz: Michael Naumann fürchtet Ungemach, schließlich kennt er seine Redaktion. Niemand werde bei der ZEIT strenger rangenommen, sagte er bei seinem Abschied, als die Freunde des Hauses. GDL

Zum Thema
Nur ein Familienstreit - Michael Naumann zeigt sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt siegesgewiss »

"Vorzügliche Wahl" - Die Nominierung des ZEIT-Herausgebers Michael Naumann erfreut die deprimierte SPD. Aber nicht alle trauen der Euphorie »

Mann über Bord - Die Hamburger SPD in schwerer See »

Politische Artikel – aus der ZEIT, von Michael Naumann »

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service