Moderne Missionare

Die Kameras lieben Pater Anselm. Sieben Millionen verkaufte Bücher in Deutschland, sechs Millionen im Ausland und dann auch noch dieses Aussehen die schwarze Mönchskutte, der rauschende Bart, die langen, wenn auch altersbedingt gelichteten Haare entsprechen dem Bild, das sich gerade Fernsehmenschen von einem heutigen Heiligen machen. Ihr Pech: Pater Anselm Grün meidet das Fernsehen inzwischen als Protagonist so sehr wie als Zuschauer. Vor Jahren sollte er für die Dauer eines ganzen Interviews einen Bierkrug in der Hand halten. » So stellten die sich das Mönchsleben vor.«

Über einen Ansturm von Kamerateams kann sich Pfarrer Wolfgang J.

Bittner nicht gerade beklagen. Wie sollte er auch. Schon allein sein Titel ist so protestantisch wie sperrig: Landesbeauftragter für Spiritualität der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische-Oberlausitz. Trotzdem und obwohl Grün und er sich noch nie getroffen haben, sind sie im selben Geschäft tätig. Sie sind moderne Missionare.

Der evangelische Pastor und der katholische Mönch sind Beispiele für den Versuch der beiden großen Kirchen, die Glaubensnomaden der Moderne wieder einzufangen. Seit Jahrzehnten verlassen Menschen ihre traditionellen Kirchen, doch keineswegs alle werden religiös taub oder spirituell unempfindlich. Es sind im Gegenteil erstaunlich viele darunter, die sich mit großer Hingabe und unter beträchtlichen Mühen auf die Suche nach neuen, ihnen gemäßeren Formen des Glaubens machen.

Viele dieser Nomaden, gerade in Deutschland, suchen beim Buddhismus und anderen Spielarten östlicher Weisheit, was sie in der Kirche nicht mehr finden: geistliche Geborgenheit. Der Buddhismus ist darum nicht nur, wie gerne in Kirchenkreisen erklärt wird, eine Bereicherung, er ist zur selben Zeit eine Konkurrenz. Bis heute wissen die christlichen Kirchen diesem Trend wenig entgegenzusetzen. Der Pfarrer und der Mönch haben kein Problem damit, sich zum Ringen um die suchenden Seelen zu bekennen.

»Mission hat schnell etwas Penetrantes«, sagt Bittner, der Protestant, »darum geht es mir nicht, Mission will durchaus werben.« Und mit lässigem Selbstbewusstsein verweist der Katholik Grün, der zur Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg gehört, auf die Geschichte seines Klosters: »Wir sind Missionsbenediktiner.« Seit über hundert Jahren ziehen Mönche aus Mainfranken in die Welt, nach Korea wie nach Afrika und Lateinamerika. Anselm Grün kommt meist nur bis Hildesheim, Hamburg oder Nürtingen.

»Viele haben vom Christentum Verletzungen davongetragen«

Im VW-Golf, den die Mönche sich teilen, zuckelt der Pater zu seinen Vorträgen quer durch Deutschland, bevorzugt allerdings schläft er daheim im Kloster. Nachdem die Einladungen zu Auftritten vor Landfrauen, Großstadtgemeinden und DaimlerChrysler-Managern überhandgenommen hatten, kam er mit den Brüdern seiner Gemeinschaft überein, nicht mehr als zwei Abendtermine pro Woche wahrzunehmen.

Ansonsten gelten auch für Grün die festen Gebetszeiten.

»Wenn es zur Vesper läutet, bin ich einfach da, dann hab ich halt keine Zeit.« Vesper, das meint übrigens nicht das Abendessen, sondern die gesungene Andacht davor im Chorgestühl der Klosterkirche.

Als eine Art Handlungsreisender Gottes ist auch Pfarrer Bittner unterwegs. Der frühere Reisebüro-Angestellte, der von Ende der sechziger Jahre an seine theologische Ausbildung in der Schweiz erhielt, arbeitet seit einigen Jahren von Eisenhüttenstadt aus, einst als Stalinstadt ein Vorzeigeprojekt des DDR-Sozialismus. Der Alltag im Osten ist ein gutes Mittel gegen allzu hochfliegende Hoffnungen auf die Missionierung der westlichen Welt. » Als ich hierherkam, dachte ich, wir müssten nur ein bisschen an der Oberfläche kratzen, dann käme bald der religiöse Mensch zum Vorschein«, sagt er, »heute weiß ich: Kratzen bringt nichts.«

Die Entchristlichung ist im Osten längst ein flächendeckendes Phänomen. Der Missionar Bittner hat daraus eine Erfahrung gewonnen, die wahrscheinlich auch im Westen hilft: Was Sehnsucht nach Gott ist oder wichtiger noch, warum sie das Leben schöner machen kann , das ist schon lange nicht mehr Alltagswissen in Deutschland. Wenn ein Pfarrer andere damit anstecken will, tut er gut daran, das Sehnen wie das Suchen vorzuleben.

Denn viele Glaubensnomaden sind wohl empfänglich für das Heilige doch trauen sich die Kirchen noch, heilig zu sein? Während die katholische Kirche die Heiligkeit im Titel für sich reklamiert, wenn auch nicht automatisch in der Praxis, tun sich die kopflastigen Protestanten mit der geistlichen Überhöhung generell schwer. Pfarrer Bittner etwa ist von der Landeskirche zu exakt 35 Prozent seiner Arbeitszeit mit der Pflege der Spiritualität beauftragt, ein Teilzeit-Heiliger sozusagen.

»In der Neuzeit hat sich die Kirche oft auf die Ethik zurückgezogen«, sagt Bittner, also auf eine rein weltlich begründbare Lehre von Recht und Unrecht, »sie hat den Anspruch aufgegeben, aus dem Glauben das Leben gestalten zu wollen.«

Und Anselm Grün kritisiert, dass früher oft das Moralisieren vor dem Glauben kam mit fatalen Folgen für die Gläubigen. » Viele haben vom Christentum Verletzungen davongetragen und suchen deshalb woanders, im Buddhismus, im Hinduismus, wo auch immer«, sagt Grün. » Viele suchen nicht Moral, sondern Gotteserfahrungen, Erfahrungen von Transzendenz, von Erleuchtung.«

Meditation gehört zum Grundstock abendländischer Glaubenspraxis

Nicht weniger als die Erfahrung Gottes oder jedenfalls die Sehnsucht danach versuchen die christlichen Missionare von heute zu vermitteln. Dabei kämpfen sie an zwei Fronten. In den Ohren säkularer Menschen des 21. Jahrhunderts klingt die Vorstellung, Gott könnte tatsächlich allgegenwärtig sein, schon wie halber Voodoo-Zauber. Aus der Sicht experimentierfreudiger Flaneure auf der Esoterikmeile wiederum wird das Christentum den Beigeschmack von Biederkeit und Moralpredigt nicht los. » Trotzdem treffe ich vermehrt Menschen, die sagen, der Buddhismus ist schön und nett, aber das ist eine andere Welt«, erzählt Grün, »und gerade diese Glaubensnomaden werden wieder offen für ihre christlichen Wurzeln.«

Sein protestantischer Kollege Bittner, der auch »Gottesdienste für bibelmüde Menschen« anbietet, hält für die mühselig Suchenden das Wort eines christlichen Mystikers aus dem 11. Jahrhundert bereit, Bernhard von Clairvaux: »Du musst nicht über die Meere reisen, du musst nicht in den Himmel hinaufsteigen, du musst auch nicht die Alpen überqueren.

Der Weg, der dir gewiesen ist, ist nicht weit, du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegengehen.«

Gott in sich begegnen, dieser Gedanke zieht sich auch durch Anselm Grüns Bücher mit Titeln wie Herzensruhe im Einklang mit sich selber sein oder Mein Weg in die Weite zum Grund des eigenen Lebens finden.

Während der Gemeindegottesdienst am Sonntagmorgen oft nur die Überzeugten erreicht, hält die christliche Mystik Erfahrungen und Methoden bereit, die auch die Suchenden ansprechen können. Dass Meditation keine asiatische Importware ist, sondern zum Grundstock abendländischer Glaubenspraxis gehört, überrascht immer wieder Teilnehmer bei den Kursen, die Grün wie Bittner anbieten. Für Tage der Einkehr ins Kloster zu gehen, die Stille im Alltag zu suchen, das Gebet als Meditation zu verstehen all das sind Wege, die im Christentum eine lange Tradition haben, aber oft nur unzulänglich Eingang finden in die geläufigen Formen der Glaubensvermittlung, vom Religionsunterricht bis zur Sonntagspredigt.

Wie nah sich dabei zumindest in den Formen Buddhismus und Christentum kommen können, zeigen die »Perlen des Glaubens«, die inzwischen in verschiedenen evangelischen Kirchengemeinden verbreitet sind. In der Form eines Armbands sollen sie die innere Sammlung, die Meditation erleichtern, wobei jede Perle für einen eigenen Impuls steht.

So verkörpert etwa die einzige goldene den alleinigen Gott, während die zwei roten die Liebe symbolisieren, für die es stets zwei Seiten braucht, sei es zwei Menschen oder Mensch und Gott. Die Missionare Bittner und Grün laden ihre Besucher wiederum zum »Herzensgebet« ein.

Wie bei der östlichen Meditation geht es dabei um eine aufrechte Körperhaltung, bewusstes Atmen und die innere Sammlung. Meist wird ein Psalm oder Bibelspruch rezitiert. » Du, mein Licht«, empfiehlt etwa der Pfarrer, und der Mönch: »Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.« Und wie meist in der spirituellen Praxis erschließt sich die Poesie des Unterfangens erst beim Ausprobieren.

»Vielleicht haben wir die Geschichte von Jesus zu moralisierend erzählt«

Je ähnlicher die Missionare in ihren Zugängen den Methoden des Ostens sind, umso schärfer stellt sich die Frage, ob sie nicht in dieselben Fallen tappen. Bedient nicht die christliche Mystik genau jenes Verlangen nach Wohlfühl-Spiritualität, das auch der oft gegeißelten Wellness-Esoterik zugrunde liegt? Manche Kritiker werfen Grün vor, inzwischen mehr Bücher als Gedanken zu produzieren. Und in der Tat gibt es neben einem Kern von ernst zu nehmenden Werken aus seiner Feder eine Reihe bunt gemachter Bet- und Geschenkbändchen, die jene Konzentration vermissen lassen, die der Autor selbst predigt.

Grün geht über den Vorwurf fast federleicht hinweg. » Ein Text auf einer Seite so was les ich selber auch nicht«, sagt er, »aber für viele, die nicht die großen Leser sind, ist das ein Bedürfnis.« Auch Bittner kann im Wunsch nach Wohlgefühl noch keine Sünde sehen: »Wenn jemand wirklich am Ende ist, dann hoffe ich sehr, dass die Beschäftigung mit Gott ihm zu mehr Wellness verhelfen kann.«

Im Kern aber steht zwischen vielen Glaubensnomaden und dem Angebot der Kirchen ein keineswegs wellnessweicher, sondern sehr harter theologischer Dissens: Wie hältst dus mit dem personalen Gott? Simpel gesagt: An Jesus scheiden sich die Geister. Ist Gott, wie es die Kirche lehrt, auch eine konkrete Person, der als Jesus Christus sogar Mensch geworden ist? Oder müssen wir uns »Gott« als annäherungsweisen Begriff vorstellen für etwas, was niemals so konkret wird, dass es ein Gesicht trägt?

In dieser Überzeugung treffen sich erstaunlich oft die ganz aufgeklärten, rationalen Gläubigen mit den ganz esoterischen: Beide vermuten Gott irgendwo im Nirwana zwischen »überall da« und »doch nicht zu spüren«. Christus erscheint dann schnell als etwas morallastiger Langweiler, dem die Abenteuer einer spirituellen Suche fernliegen. Fragt man Pfarrer Bittner, ob Jesus nicht im Weg stehe, wenn man einen Selbstverwirklichungsbuddhisten zurück in die Kirche holen wolle, ruft er keck:

»Ich finde Buddha viel langweiliger!«

Und beim Lachen wackelt sein Bauch sehr buddhahaft. » Vielleicht haben wir die Geschichte von Jesus zu moralisierend erzählt und die Bibel als besseren Knigge vorgeführt, als Anleitung zu guten Manieren.«

Anselm Grün sagt: »Wir Christen haben von Gott oft zu kleinkariert geredet, zu sehr modelliert nach dem Vorbild des Menschen.« Auch die christliche Lehre erkenne in Gott eine Größe, die nicht ans Gegenständliche gebunden sei. Schließlich heiße es in der Bibel: »Gott ist die Liebe.«

»Ich bin 1964 ins Kloster eingetreten«, erzählt Anselm Grün, »68 war auch für uns eine Revolution.« Draußen, vor den Klostermauern, war es die Zeit exzessiver Selbsterfahrung, des Booms der Psychogruppen, der scharfen politischen Fragen nach der Berechtigung von Autoritäten und nach der Gerechtigkeit in der Welt, vor allem zwischen Erster und Dritter Welt. Drinnen, im Kloster, ließ Grün sich seinen Bart wachsen, damals für Benediktiner ein Unding, der junge Pater interessierte sich für Gruppendynamik und Zen-Meditationen. Bittner, der ehemalige Reisebüro-Angestellte, begann in derselben Zeit seine spirituelle Suche, die ihn Jahre später auf dem zweiten Bildungsweg zum Theologiestudium führte.

So ist es vielleicht kein Zufall, dass sich heute zwei Geistliche für die Suchenden interessieren, die selbst mit der Suche groß geworden sind.

Ist das Ziel Selbstverwirklichung, oder liegt es jenseits des Ego?

Diese Generation hat nach der moralisierenden Kirche ihrer Kindheit in ihrer Jugend eine politisierte, auch politisierende Kirche erlebt. Inzwischen rücken Grün wie Bittner die Heilsgeschichte des Christentums in den Mittelpunkt. Finde Deine Lebensspur: Die Wunden der Kindheit heilen heißt ein neueres Buch von Grün. In Münsterschwarzach arbeitet der Pater mit zwei Therapeuten in einem Betreuungsprojekt für Priester in der Krise mit. Seelsorge und Therapie sind in diesem Denken durchaus verwandt, auch wenn Bittner warnt: »Spiritualität ist kein Therapie-Ersatz man kann jahrelang im falschen Bewusstsein meditieren.«

Mit dem Heilsversprechen der Bibel markieren der Pfarrer und der Mönch auch den Unterschied zum Buddhismus, der ihnen zu sehr auf das Individuum ausgerichtet scheint. » Ich erlebe die christliche Tradition als die menschenfreundlichste«, sagt Grün. Auch Bittner will den Glaubensnomaden nicht zu weit entgegenkommen: »Die wirklich wachen Menschen suchen nicht mehr Selbstverwirklichung, sondern ein Ziel, das über sie selbst hinausweist.«

Im Kloster ist Pater Anselm übrigens der Cellerar, also der Manager der Gemeinschaft. Vormittags mehrt er in der Verwaltung das Vermögen des Klosters, maßvolle Börsenspekulation inklusive. » Da kann ich keine frommen Sprüche machen.« Zurzeit debattieren die Brüder darüber, ob sie in ihre Mönchszellen Duschen einbauen lassen. Bisher gibt es Gemeinschaftsbäder auf den Gängen. » In einer Familie hat auch nicht jeder ein eigenes Bad«, findet Pater Anselm.

Seine Position steht fest: »Wir müssen unser Geld in Spiritualität stecken, nicht in die Verbürgerlichung.«

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.16
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