Österreich Was geht hier vor?
Terroristen fordern den Abzug von österreichischen Soldaten aus Afghanistan, die den brüchigen Frieden sichern. Ein Tag in Kabul.
Kabul
Acht Uhr. Der Garten ist groß, schattig und von einer hohen Mauer umfasst. Dahinter rumort Kabul, keucht und ächzt wie ein Mensch, der nach langer Krankheit wieder ins pralle Leben drängt, aber noch nicht weiß, ob er die Kraft dazu hat. Der Oberst aus Europa setzt sich auf einen Stuhl und lächelt. Er lächelt viel während des Gesprächs, dazwischen streut er viele Mmmhs, Aahs und Achs. Konkretes sagt er wenig. Das mag daran liegen, dass er noch nicht so lange in Kabul ist und sich daher nicht recht auskennt.
Es kann aber auch sein, dass ihm Kabul ganz einfach fremd ist, dass er sich nicht einfinden kann in diese chaotische Welt, wo die Männer Waffen tragen und die Frauen die Burka. Es lässt sich ja auch kaum ein größerer Gegensatz denken als der zwischen dem europäischen Offizier und seinen afghanischen Kollegen; zwischen dem Mann in gepflegter Uniform und der abgerissenen Erscheinung hiesiger Krieger. Er ist an Klarheit gewohnt. Ein Befehl ist ein Befehl. Seine Welt ist einheitlich vertikal organisiert. In Afghanistan aber gilt heute nicht mehr, was erst gestern versprochen wurde.
Was also kann der Oberst aus Europa tun? Als Mitglied der internationalen Isaf-Truppe muss er ja einen Weg finden, um den Afghanen aus ihrem Labyrinth zu helfen. Am besten die Spielfiguren erst einmal ordnen: Wo muss man den Faden aufgreifen, um das afghanische Gewirr zu einem tragfähigen Netz zusammenbinden zu können?
Hamid Karsai, Präsident der afghanischen Interimsregierung, zählt zu den Freunden, aber er ist schwach. Das weiß auch der Oberst, und er bedauert es. Er braucht Männer, die etwas durchsetzen können. Das ist dem Westen willkommen in einem Land, das sich unaufhörlich in Teile aufspaltet wie ein zertrümmerter Atomkern. Diese Männer sind meist Kriegsherren.
»Sie glauben, man kann sich auf sie verlassen?«
»Verlassen ist ein starkes Wort«, antwortet er und zieht ein Gesicht, als müsste er beweisen, dass das Leben hauptsächlich aus Enttäuschungen besteht.
»Sie verlassen sich also nicht auf sie?!«
»Ich glaube, dass man sich verlassen kann. Man muss doch glauben, dass es einen Sinn hat, hier zu sein. Sonst können wir gleich nach Hause fahren!«
Der Oberst schweigt einen Moment und spricht dann weiter, seine Stimme klingt jetzt fester, entschlossener: »Wir sind hier, um für Sicherheit zu sorgen und bei dem Aufbau der Institutionen mitzuhelfen. Das ist unsere Aufgabe!«
»Und können Sie Ihren Auftrag erfüllen?«
»Wir glauben das!« Ein Schatten gleitet über sein Gesicht, der zu einem Offizier nicht passen will.
»Sie wissen es aber nicht?!«
»Wissen? Was können wir hier schon wissen?« Er beugt sich nach vorn und sagt in einem verschwörerischen Ton: »Haben Sie etwa auch gehört, dass die Mullahs in den Moscheen gegen den Westen hetzen?«
»Das hört man!«
»Haben Sie auch gehört, dass es in der Regierung Sympathisanten der Taliban geben soll?«
»Auch das hört man …«
»Sehen Sie: Man hört es. Aber wissen tun Sie es nicht. Gerüchte, es gibt so viele Gerüchte.«
Der Oberst lehnt sich zurück, und plötzlich wirkt er stellvertretend für seine Tausenden Kameraden der Isaf wie einer, der über ein gespanntes Seil tanzt und weiß, dass er das eigentlich nicht kann.
9.30 Uhr. Samira sitzt auf der Rückbank des Autos. Yusuf parkt den Wagen und steigt aus. Samira zieht eine Zeitschrift aus ihrer Tasche und hält sie mir vor die Nase: »Das bin ich.« Auf der Titelseite ist ein schönes Gesicht zu sehen, lächelnd, eingerahmt von einem schwarzen Schleier.
»Das bist du?«
»Ja, ich!« Samira nimmt die Zeitschrift und verstaut sie schnell in ihrer Tasche. Sie ist sehr stolz.
Samira ist 17 und liebt den 24-jährigen Yusuf.
»Willst du ihn heiraten?«
»Ja«, sagt Samira. »Er ist halt religiös.«
»Religiös?«
»Na ja, ich meine konservativ«, Samira rückt ihren weißen Schleier zurecht.
»Das gefällt dir nicht?«
»Ich brauche meine Freiheit. Ich habe nie eine Burka getragen. Ich sage, was ich denke. Ich tue, was ich will.«
»Vielleicht ist Yusuf nicht der richtige Mann?«
»Ich liebe ihn.« Sie dreht den Kopf zur Seite.
»Ja, dann…« Sie drückt sich in die Rückbank.
»Wenn wir einmal verheiratet sind, wird er mich schlagen. Das weiß ich.«
»Er wird dich schlagen?!«
»Ja, er ist konservativ.« Sie lächelt.
»Aber, das ist nicht gut…«
»Ich liebe ihn sehr! Ich werde mein Verhalten umstellen, meine Gewohnheiten ändern. Ich werde mich ganz ändern. Ich liebe ihn ja!«
Später erzählt mir Yusuf: »Mina liebt mich sehr. Ich liebe sie auch, aber nicht so sehr wie sie mich.«
11.30 Uhr. Ich warte an der Ecke der Straße auf meinen Fahrer. Neben mir steht ein Mann. Er trägt einen hellgrauen Anzug mit schwarzem offenem Hemd. Inmitten des Staubes von Kabul wirkt er ungewöhnlich elegant, westlich gekleidet. Er spricht mich auf Französisch an und stellt sich als Ali Rahmann vor. »Aus Österreich kommen Sie…«, sagt er lang gezogen, »ich kenne Österreich nicht, aber Frankreich kenne ich. Ein schönes Land!«
»Ja, ein sehr schönes Land. Was machen Sie?«
»Ich bin Physiker, Mitglied der Akademie der Wissenschaften.« Rahmann fingert eine Zigarette aus seiner Tasche und zündet sie an.
»Konnten Sie unter den Taliban arbeiten?«
Ali Rahmann zuckt mit den Schultern.
»Können Sie als Physiker wieder arbeiten?«
»Langsam wird es wieder«, sagt er, und ich glaube zu verstehen, dass ich nicht weiterfragen sollte.
»Wie beurteilen Sie die Lage in Afghanistan?«
Er bläst den Rauch aus und sagt mit einem Lächeln: »Wenn die internationale Gemeinschaft abzieht, fällt Afghanistan in sich zusammen wie ein schlecht gebackener Kuchen.«
14 Uhr. Der Polizist stürmt die Kreuzung entlang, als gelte es, einen Dieb zu halten. Im Vorbeilaufen nimmt er sich von einem Händler, der Lederwaren anbietet, einen langen Gürtel. Er fragt nicht lange, er nimmt einfach. Als der Verkäufer leise dagegen protestiert, hebt der Polizist drohend den Riemen. Der Verkäufer duckt sich und schweigt. Dann läuft der Polizist weiter und schlägt auf Händler ein, die ihre Karren entlang der Straße platziert haben. Er schlägt und schreit: »Weiter, weiter, weiter!« Alle setzen sich in Bewegung, einige widerwillig, andere machen sich schnell und furchtsam davon; sie schieben ihre Karren weiter, ihre Melonen, Zwiebeln, Salate, ihre Kartoffeln und Trauben. Wie eine Herde buntscheckiger Esel trotten sie davon. Der Polizist treibt sie weg von der Straße, weg von dem Menschengewimmel des Basars.
»Was machen Sie da?«, frage ich ihn, als ich ihn endlich eingeholt habe. Der Polizist blickt mich an. Auf seiner Stirn perlt Schweiß. Er hat einen sehr dünnen Schnurrbart. Er ist sehr jung.
»Ich fordere die Leute auf, den Platz zu verlassen. Sie dürfen hier nicht sein!«
»Aber warum denn?«
»So lautet der Befehl!«, sagt er, und wie zum Beweis schlägt er leicht auf den Rücken eines Händlers, der seinen Karren mühevoll an uns vorbeischiebt.
»Aber was soll dieser Befehl?« Ich vermute, dass er nur einen Vorwand für seine Brutalität sucht.
»Bomben!«, sagt er. »Sie können in diesen Karren leicht versteckt werden!« Er hält einen Händler an und hebt mit einem Fuß das Tuch, das von der Oberfläche des Karrens fast bis auf den Boden hängt. Eine Art Kasten wird sichtbar, der zwischen den beiden Achsen des Karrens eingebaut ist. »Hier drinnen!«
Ich blicke mich um und bemerke, dass alle Karren einen solchen Kasten haben.
17 Uhr. Ingenieur Faradullah ist nach Jahren im Exil wieder nach Kabul zurückgekehrt. Er war vor langer Zeit einmal Mitglied der afghanischen Regierung. »Sie sind also optimistisch?«
»Nein, überhaupt nicht! Überhaupt nicht!«
»Aber Sie sind wieder zurückgekommen?!«
»Ja, aber unsere politischen Führer denken, regieren heißt Verwandten und Freunden einen Job verschaffen!« Faradullah redet sich in Rage, rutscht auf dem Sessel hin und her, fuchtelt mit den Händen. Er ist nicht mehr zu halten.
»Bei uns sitzen Leute, die kaum lesen und schreiben können, in wichtigen Positionen. Die gebildeten Afghanen kommen nicht zum Zuge.«
»Können Sie mir ein Beispiel nennen?«
»Schauen Sie sich im Zentrum der Stadt um. Dort werden sie Generäle sehen, die auf der Straße eine Melone essen! Generäle!! Ein Land, das solche Generäle hat, mit dem stimmt etwas nicht!«
Das neue Buch von Ulrich Ladurner heißt
»Asadis, Liebe Tod und Politik in Teheran«
und ist im Fischer Verlag erschienen
Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben »
Nachrichten aus dem Zentrum: Das Österreich-Blog auf ZEIT online »
- Datum 14.03.2007 - 03:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
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