Pflege Der heimliche Pflegenotstand

Die eigenen Eltern zu pflegen und trotzdem Karriere zu machen ist in Deutschland fast unmöglich. Jetzt denken die ersten Arbeitgeber um.

Die Schwiegermutter von Helmut Winterscheid trug gern Hüte. Außerdem war sie groß, sie hielt sich sehr gerade und war bei Familienfesten eine perfekte Gastgeberin, die Kinder und Enkel lässig um die Tische dirigierte. Keine, die man übersehen könnte, »keine aus der Beige-Braun-Fraktion«, wie Winterscheid sagt. Erst recht keine, die sich vor anderen gehen ließ.

Wahrscheinlich war es deshalb für die ganze Familie besonders schwer, den körperlichen Niedergang der alten Dame zu erleben. Das Ehepaar Winterscheid, seine beiden Kinder und die Großmutter lebten seit dem Tod des Großvaters Anfang der achtziger Jahre in einem alten Bauernhof bei Münster unter einem Dach, die Oma nutzte eine Einliegerwohnung im Erdgeschoss und hatte ihr eigenes Leben mit Freundinnen, einer Gymnastikgruppe und gelegentlichen Reisen.

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Das änderte sich nach ihrem 85. Geburtstag. Laufen, Essen, Stehen – innerhalb weniger Jahre gelang immer weniger ohne Hilfe, und irgendwann lebte sie in einer Welt, in der Rehe im Garten und Blumen auf dem Tisch standen, die nur sie sehen konnte. »Diese Zeit war so anstrengend wie die Monate nach der Geburt unserer Kinder, nur viel deprimierender«, sagt Winterscheid. Die Eheleute sahen jede Nacht mehrfach nach der alten Frau; manchmal lag sie quer vor dem Wohnungseingang, sodass sich die Tür nicht öffnen ließ. Irgendwann installierte Winterscheid ein altes Babyfon, um rechtzeitig reagieren zu können. Morgens ging er so gerädert ins Büro wie junge Väter oder Mütter, deren Säugling mehrmals in der Nacht laut Nahrung fordert oder gerade die ersten Zähne bekommt.

Ausnahme zur Regel: Die Telekom bietet Mitarbeitern eine Pflegezeit an

Der 53-jährige Winterscheid hatte Glück. Er arbeitet seit über zwanzig Jahren als Ingenieur bei der Telekom, die für pflegende Mitarbeiter unterschiedliche Arbeitszeitmodelle anbietet: Man kann aussteigen oder weniger arbeiten. Winterscheid hat sich wie seine Frau für eine Teilzeitstelle entschieden. »Anders«, sagt er, »hätten wir fünf Jahre Pflegezeit nie durchgestanden.«

Für die meisten Arbeitgeber ist es allerdings ein großer Unterschied, ob ein Mitarbeiter morgens eine Greisin oder ein Kleinkind füttert. Das eine ist nach wie vor Privatsache, das andere nicht. Fast alle Unternehmen wollen neuerdings familienfreundlich sein, allerdings ist damit in den meisten Fällen Kinderfreundlichkeit gemeint. Junge Eltern können zumindest mit verbaler, oft auch mit realer Unterstützung rechnen. Über kranke, verwirrte Alte spricht man eher nicht.

An ihrem Arbeitsplatz konnten Pflegende bisher selten Hilfe erwarten. Und die des Staates hält sich in Grenzen. Maximal 665 Euro monatlich bekommt ein Betreuer aus der Familie. Immerhin hat die Große Koalition das Problem erkannt: In dieser Legislaturperiode soll eine Reform der Pflegeversicherung kommen, und laut Koalitionsvertrag gehört dazu auch ein Rechtsanspruch auf eine Pflegezeit, einen unbezahlten Urlaub ähnlich der Elternzeit für Väter und Mütter.

Bisher sind Pflege und Beruf ungefähr so schwer zu verbinden wie Kindererziehung und Beruf – und auch dieses Problem müssen in erster Linie Frauen bewältigen, denn pflegende Männer wie Helmut Winterscheid sind noch rar. Während 16 Prozent aller Frauen zwischen 40 und 54 Jahren sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern, tun das nur acht Prozent aller Männer gleichen Alters, und dies oft noch in geringerem Umfang. Sie kümmern sich eher ums »Pflegemanagement«, heißt es in einer Untersuchung der Universität Mainz. Pflegende Frauen hingegen geben häufig mit Bedauern ihre Stellen auf. Wegen eines Pflegefalls geschehe das genauso oft wie wegen kleiner Kinder, so eine Studie für den jüngsten Altenbericht der Regierung.

Leser-Kommentare
  1. als Familie sehen. Wird nicht so teilweise gecoacht?
    Der wunderbare Kapitalismus trennt viele von ihren Lieben (der flexible Mensch ist gefordert), nimmt ihnen Zeit und Möglichkeit, in der Familie für liebevolle, ungestresste Strukturen zu sorgen. Das ist ein wunderbarer Fortschritt, zu sehen, wie alte Menschen und Kinder dem Wahn der kapitalistischen Macher (ohne einen Funken Gefühl für diese Belange) zum Opfer fallen. Ich war selbst Krankenpfleger, auch ambulant, und hab gesehen, wie viele alte Menschen links liegen gelassen werden. Nicht mehr hip, nicht mehr produktiv. Das ist großartig. Wenn die älteren Leute schwierig werden, weil sie keinen Bezugspunkt mehr haben, werden sie 'abgeschossen', so nennt man das salopp in Medizinberufen, d.h. sie werden so mit Medikamenten abgefüllt, daß sie dauermüde sind. Der Hammer ist, daß manche dieser so abgestellten Menschen nur noch wenig essen und trinken, weil sie sich innerlich von ihrem Leben verabschieden, was völlig nachvollziehbar ist. Dann kommt der Arzt oder der Pflegedienst und macht ein Riesen-Tara, Tabellen für optimale Ernährung heranziehend, um diese Leute länger in ihrer traurigen und schwierigen Situation zu halten (zu pflegende Menschen sind ein Riesen-Geschäft), obwohl sich bei vielen Patienten ihr Inneres längst nicht mehr irdisch orientiert.
    Das ist nicht überall so und es gibt liebe Familien, und freundliches Pflegepersonal, trotzdem gibt es diese Tendenz in unserer Gesellschaft.
    Vielleicht denkt der ein oder andere Verteidiger unseres derzeitigen Systems im Alter noch mal um, was Wertigkeiten, Soft Skills und Strukturen angeht.

    MfG

    • andrku
    • 16.03.2007 um 19:42 Uhr

    ...eben hat man mit viel Trara überall wieder
    die 40 h Woche durchgeboxt und Überstunden
    und Flexibilität eingefordert und nun bemerkt
    man, dass die eigenen Mitarbeiter tatsächlich
    auch nur Menschen sind und der private Zeit-
    bedarf ständig steigt.

    Heute arbeiten idR beide Ehepartner und
    müssen das auch. Hausarbeit, Kinderaufzucht,
    Pflege, eigene Fortbildung, Sport, Freunde,
    Behördengänge... alles wird in die wenigen
    erschöpften Feierabendstunden gepackt, der
    Rest aufs stets verplante Wochenende.

    Das depremierende: die Arbeit lohnt sich nur
    selten, mit dem ganzen Stress führt man gerade
    mal ein annehmbares Leben (zumindest ich als
    Ingenieur) und das in einem Land, wo x Millionen
    gar nix zu tun haben. Dieses System ist krank und
    pervers.

    Um so eher wir uns Alternativen überlegen, umso
    besser. Wenn es dazu nötig ist, kann Deutschland
    auch gerne wieder 'Protektionismus' (wie es immer
    so abfällig heisst) betreiben. Die EU ist sowieso
    mehr Gefahr als Chance, mehr Krampf als Elan
    und auf den chinesischen USB-Stick für 5,- verzichte
    ich gerne, wenn die Zeit dadurch stressfreier und
    lebenswerter wird.

    AKu

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