Powerpaare Die Clintons hoch zwei
Das Politehepaar Kirchner ist Argentiniens Macht-AG. Es teilt alles, auch das Präsidentenamt. Cristina, die Senatorin, soll Néstor im März an der Staatsspitze ablösen.
Das Politehepaar Kirchner
Buenos Aires
Sie wollte eigentlich für eine Jura-Prüfung lernen. Er aber suchte Unterhaltung, denn sein WG-Partner war ausgeflogen. Also kam Néstor bei seiner Studienfreundin Cristina vorbei. Schon ein bisschen angetrunken, aber das machte offensichtlich nichts. An jenem Frühlingssamstag im September 1974 wurden die beiden ein Paar. Sie, die aparte Brünette mit den braunen Kulleraugen. Und er, der Schlacks aus dem patagonischen Süden, der statt »s« stets »sch« sagte. Das ist das große Eröffnungskapitel im gemeinsamen Leben von Néstor Kirchner und Cristina Fernández.
Am 25. Mai 2003, dem argentinischen Nationalfeiertag, schreibt das Paar sein zweites wichtiges Lebenskapitel: Auf dem Balkon des schweinchenrosa Präsidentenpalastes an der Plaza de Mayo, da, wo Buenos Aires gegründet worden ist, steht sie, die Senatorin, weinend vor Glück. Daneben ihr Mann Néstor, der neue Staatschef, über der Brust die blau-weiße Amtsschärpe, in der rechten Hand den silbernen Knauf des Präsidentenstabes. Jetzt beginnt das neue Kapitel der Kirchners. Manche behaupten, sie wüssten schon, was drinsteht. Das Kapitel, heißt es, werde ein Knaller und schon im März der Öffentlichkeit vorgestellt. Es geht so: Néstor Kirchner, dann 57, gibt die Macht ab. Nicht er wird kommenden Oktober zur Präsidentschaftswahl antreten, sondern Cristina Fernández de Kirchner (54). Seine Frau, die wichtigste Senatorin im Land und die bekannteste Politikerin, wird dann die erste gewählte Präsidentin Argentiniens.
Als Liebende haben sie eine Familie gegründet; als Geschäftspartner sind sie gemeinsam reich geworden; und als Polittandem bestimmen sie die Geschicke des Landes: Die Kirchners sind ein Powerpaar, wie es selten eines gibt: Kann man sie mit dem argentinischen Politpaar Evita und Juan Perón vergleichen? Irgendwie gar nicht. Und irgendwie doch.
Nicolás Ducoté, Chef eines wichtigen Politik-Thinktanks in Buenos Aires, sagt: »In unserem kollektiven Unbewussten ist die Evita-Rolle, der starke Einfluss einer Frau auf die Politik, sehr lebendig.« Er redet von der unehelich in der Provinz geborenen Schauspielerin María Eva Duarte, die Juan Domingo Perón 1944 bei einem Erdbeben kennenlernte und bald heiratete. Jene blonde Ikone des Industrieproletariats, die auf den Hass der Oberschicht ebenso stolz war wie auf die Liebe der Armen.
Es gibt ein Bild im Museum des argentinischen Präsidentenpalastes, 1948 in Öl gemalt, lebensgroß. Perón ist darauf zu sehen, im Frack, mit pomadisiertem Haar, unter der Weste die Amtsschärpe. Ein strenger, stolzer Staatsmann. Zu seiner Rechten eingehakt Evita mit einem silberweißen Kleid samt Endlosschleppe und einem milden Lächeln – der gute, schöne Engel. Das Perón-Paar ist sozusagen das argentinische role model.
Aber es passt nicht auf die Kirchners. Die Schöne an der Seite des Starken, das weibliche Politiker-Accessoire, das sich bestenfalls mit – wie Gerhard Schröder sagen würde – Gedöns-Themen beschäftigt: von wegen. »Evita«, sagt Ducoté, »kümmerte sich um die Hemdlosen, küsste Kinder, verteilte Suppe in Tellern. Cristina macht das nur, wenn sie muss – und wenn es ihren eigentlichen politischen Zielen dient.« Cristina nimmt nicht den Platz ein, den Frauen in der Latino-Politik üblicherweise besetzen. In einem seiner seltenen Interviews sagte Néstor Kirchner zur Biografin seiner Gattin: »Cristina ist meine compañera aller Zeiten. Wir haben gemeinsam den politischen Kampf aufgenommen. Sie hat mich in schwierigen Zeiten begleitet, sich für unsere gemeinsamen Projekte eingesetzt und mit anderen angelegt. Aber ihre eigenen Überzeugungen und Ideen hat sie nie aufgegeben. Eine compañera, die zu allem, was ich mache, Ja und Amen sagt, ein Schoßhündchen – das würde mich nicht interessieren.«
Ende 1989 ließ sich Cristina erstmals ins Provinzparlament wählen – Néstor war damals Bürgermeister in seiner Geburtsstadt –, 1995 als Senatorin in den nationalen Kongress. Stets beschäftigte sie sich mit Außenpolitik. Sie stritt mit London um die britischen Falklandinseln vor der Küste Südamerikas. Sie legte sich mit Chile bei Konflikten um die gemeinsame Staatsgrenze an. Über ihre Arbeit in Untersuchungsausschüssen und ihren Widerstand gegen die Privatisierungspolitik verkrachte sie sich hochgradig mit dem damaligen Staatspräsidenten Carlos Menem. Bis heute kümmert sie sich um Verfassungs-, Haushalts- und institutionelle Fragen, kurzum: Cristina ist eine Politikerin, die die wirklich harten Bretter bohrt. Dem argentinischen Verteidigungsministerium steht inzwischen eine Frau vor, dem Wirtschaftsministerium ebenfalls. Auch hohe und höchste Richterämter hat die Regierung Kirchner zuletzt mit immer mehr Frauen besetzt.
María José Lubertino, eine Art argentinische Alice Schwarzer, sagt: »Die Kirchners sind ein politisches Team, in dem Mann und Frau auf Augenhöhe gemeinsam Entscheidungen treffen. Da gibt es keine Hierarchie. Das ist ganz neu für uns!« Obwohl Cristina Kirchner als Senatorin der Legislative angehört, hat sie als primera dama ihr eigenes Büro im Präsidialpalast – und ist bereits heute, schätzen Politexperten, an 50 Prozent aller präsidialen Entscheidungen beteiligt.
Ende 2001 ging der argentinischen Währungsbindung an den US-Dollar die Luft aus, die ausländischen Investoren zogen ihr Geld zurück wie Chips von einem Roulettetisch. Argentinien stürzte in einen Abgrund, so tief, wie ihn die Wirtschaftsgeschichte bislang nicht kannte. Jeder Zweite verlor seinen Job, jeder Vierte rutschte unter die Armutsgrenze. Die Mittelschicht ging mit Bratpfannen und Kochtöpfen auf die Straßen, brüllten »Haut doch alle ab« – und verjagten so drei Präsidenten innerhalb von einer Woche. Als dann 2003 Néstor Kirchner zum Staatschef gewählt wurde, da galt dieser Kirchner als Mann des Überganges. Schließlich hatte er nur 22,02 Prozent der Stimmen bekommen, das schlechteste Ergebnis der argentinischen Geschichte. Aber es sollte anders kommen.
Kirchner stellte ausländischen Gläubigern den Stuhl vor die Tür. Trat dem verhassten Internationalen Währungsfonds vors Knie. Machte Privatisierungen rückgängig. Drückte den Peso-Kurs in den Keller und kurbelte so die heimische Wirtschaft an – sie wächst seither mit fast chinesischem Tempo. Er ließ die Prozesse gegen die Täter der Militärdiktatur (1976 bis 1982) neu anlaufen. Aus dem Ulk-Präsidenten mit dem Sprachfehler und den schlecht sitzenden Anzügen wurde in den Augen der Argentinier ein Staatsmann.
Echte Macht allerdings bekam Kirchner erst von seiner Frau beschert. Als Cristina nämlich bei den Parlamentswahlen im Oktober 2005 nicht mehr für den patagonischen Heimatdistrikt der Kirchners, sondern für die Provinz Buenos Aires als Senatorin antrat – und mit 44 Prozent der Stimmen gewann. Gegnerin in diesem wichtigsten Wahlkreis des Landes war damals »Bonbon«, die Frau des Expräsidenten Eduardo Duhalde. Dem großen Strippenzieher der peronistischen Partei versetzte Cristinas Wahlsieg den politischen Todesstoß. Néstor Kirchner verlieh er die eigentliche Legitimation im Amt.
So ist aus den Kirchners im Laufe ihrer Paargeschichte eine Politsymbiose geworden. Mal hat er das wichtigere Amt inne, mal sie. Und es spricht derzeit viel dafür, dass am 28. Oktober Cristina Kirchner zur Staatspräsidentin gewählt wird. Seine Beliebtheitsraten liegen um die 70 Prozent, ihre Werte sind nicht viel schwächer. Mehrfach hat Néstor Kirchner angedeutet, dass es nun Zeit für eine Frau wäre. Für seine Frau.
»Ich glaube, es steht fifty-fifty, ob sie es macht oder er«, sagt der Politikanalyst Nicolás Ducoté. Schließlich habe Cristina Kirchner zuletzt nur noch Schönwetterthemen angepackt. Schließlich berichten Parlamentsjournalisten, dass man auf den Linoleumfluren des Senates mit der verschlossenen Parlamentarierin auf einmal wieder ins Plaudern kommen könne. Und schließlich die vielen Termine, die Cristina zuletzt mit weltpolitisch wichtigen Frauen vereinbart hat – Nancy Pelosi, Condoleezza Rice, Hillary Clinton, Michelle Bachelet und demnächst wohl auch mit Ségolène Royal und Angela Merkel: Das gibt tolle Handshake-Fotos für einen Wahlkampf.
»Es wäre sehr geschickt für Kirchner, nicht die direkte Wiederwahl zu suchen«, spekuliert ein erfahrener europäischer Diplomat. Mit einer Rochade »König gegen Dame« könnten beide Kirchners die von der Verfassung erlaubten zwei Amtszeiten schlichtweg verdoppeln, quasi im Reißverschlussverfahren: 2007 Cristina, 2011 dann wieder Néstor, 2015 dann wieder Cristina: ein Paar als Dynastie.
Auch wenn Frauen hier früher als anderswo auf dem Kontinent wählen durften, auch wenn es schon lange die Ehescheidung gibt und vergleichsweise liberale Abtreibungsgesetze: Argentinien ist Macho-Land. In der Familie drehen sich Freundschaften, Berufsleben und Ferienplanung in aller Regel um den Fixstern Mann. »Für viele Frauen wäre es sehr ermutigend, wenn hier einmal der Mann die Frau ans Steuer lässt – und dementsprechend hat wohl mancher Mann Angst davor«, sagt Politikanalyst Nicolás Ducoté.
In den neunziger Jahren schien der Präsident Carlos Menem das Land vom Tennisplatz, aus dem Helikopter oder von der Champagnerlounge der Pferderennbahn aus zu regieren. Mit getöntem Haar und Models im Arm. Die trauten Kirchners – ein Gegenprogramm. Sie macht Pilates und rauscht auf Rollerblades durch den präsidialen Garten, er schmeißt sonntags den Grill an und guckt mit Kumpels Fußball. In der Erziehung der Tochter Florencia (17) hat sie die Hosen an. Mitunter kommt der 30-jährige Sohn Máximo vorbei:Alles in allem eine ziemlich normale argentinische Familie.
Ob es nun aber wirklich Liebe ist, die die Kirchners zusammenhält? Oder ob es wirklich so kracht hinter den Kulissen, wie manche Journalisten immer wieder behaupten? Genaues über das Leben des argentinischen Paares wissen ganz wenige, denn die Kirchners haben sich vor allem
pinguinos
an den Hof in Buenos Aires geholt, Getreue aus patagonischen Zeiten – und die halten still. Eines, sagt Politanalyst Ducoté, stehe jedenfalls fest: »Die Kosten für eine Trennung wären mittlerweile viel zu hoch. Wenn einer der beiden Kirchners geht, macht er den anderen automatisch kaputt.«
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- Datum 29.06.2009 - 07:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
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Ich habe in der “Zeit” selten einen so schlecht recherchierten und obendrein sprachlich schnoddrigen Artikel gelesen.
Um nur zwei grobe Fehler herauszustellen:
1. „Das Politehepaar Kirchner ist Argentiniens Macht-AG. Es teilt alles, auch das Präsidentenamt. Cristina, die Senatorin, soll Néstor im März an der Staatsspitze ablösen.“
Die argentinischen Präsidentenwahlen finden im Oktober 2007 statt, also kann Cristina ihren Mann kaum im März an der Staatsspitze ablösen.
2. „Gegnerin in diesem wichtigsten Wahlkreis des Landes war
damals »Bonbon«, die Frau des Expräsidenten Eduardo Duhalde.“
Die Frau von Eduardo Duhalde heißt hier im Volksmund “Chiche” Duhalde (das weiß hier jeder, anscheinend nur der Verfasser des Artikels nicht).
Peter Schönau, z. Zt. Buenos Aires
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