LÄNDERSPIEGEL Prosit am Schienenbett

Kaub

Eigentlich ist die Terrasse des Hotels Zum Turm in Kaub ein Ort zum Verweilen. Hier kann man die behagliche Idylle eines Mittelrheinstädtchens genießen und an lauen Sommerabenden dem Riesling zusprechen. Obwohl seit einigen Jahren Weltkulturerbe, ist das von Burgen gesäumte Tal noch eine vergleichsweise ruhige Region. Wäre da nicht die Bahnlinie direkt vor dem Hotel. Im Fünfminutentakt donnern die Güterzüge mitten durch den Ort. » Wenn ein Zug kommt, hebt man bei uns das Glas. Unterhalten kann sich bei dem Krach niemand mehr«, sagt Hotelbesitzer Harald Kutsche.

Das enge Mittelrheintal von Koblenz bis Mainz ist eine der meistfrequentierten Bahnstrecken der Republik. Jeden Tag rumpeln hier auf beiden Seiten des Flusses bis zu 500 Züge durch. Doch die Ankündigung der Bahn, dass der Güterverkehr bis 2015 noch einmal um ein Drittel zunehmen soll, hat die Bürger jetzt endgültig auf die Barrikaden gebracht.

Gebündelt wird der Widerstand vom Zweckverband Welterbe Mittelrheintal. » Die Anstrengungen, die Welterbe-Region für einen anspruchsvollen Tourismus zu entwickeln, würden durch die Zunahme des Zugverkehrs konterkariert«, sagt der Vorsitzende des Zweckverbandes Günter Kern, Landrat des Rhein-Lahn-Kreises. Der weitere Ausbau der Nordseehäfen und die Fertigstellung von neuen alpenquerenden Tunneln in der Schweiz würden die Warenströme weiter anschwellen lassen. Willi Pusch von der örtlichen »Bürgerinitiative gegen Umweltschäden durch die Bahn« befürchtet, dass bald »Mammutzüge« mit bis zu 1,5 Kilometern Länge auf die enge, kurvenreiche Strecke geschickt werden könnten. Der Güterverkehr im Nadelöhr Rheintal könnte, so Pusch, in den kommenden 15 Jahren sogar um bis zu 70 Prozent anschwellen.

Dass der Gütertransport auf der Schiene wächst, wird von Politikern gern als Erfolg vorausschauender Verkehrspolitik verkauft. So wurden vergangenes Jahr erstmals mehr als 100 Milliarden Tonnenkilometer gezählt. Im Vergleich zu 2005 stieg die Transportleistung auf der Schiene um knapp elf Prozent. Doch die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Bahn hat eben ihre Schattenseiten. Entlang der Rheinstrecke stehen schon etliche Häuser wegen des Lärms leer und sind nicht mehr zu vermieten oder verkaufen.

Anfang Februar überreichte der Zweckverband bei einem Ortstermin 15000 Protestunterschriften an Bahnchef Hartmut Mehdorn. Kurzfristige Abhilfe ist jedoch kaum zu erwarten. Passiver Lärmschutz mittels Isolierfenstern oder Schallschutzwänden gilt entlang der Rheintalstrecke als so gut wie ausgereizt. Jetzt hoffen vor allem jene Orte, die die Schutzwände aus ästhetischen Gründen ablehnen, auf die versprochene Ausrüstung der Güterwaggons mit »Flüsterbremsen« samt Kunststoffbelägen. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat die Mittel für Lärmsanierungsmaßnahmen bei der Bahn aufgestockt und will erreichen, dass auch Güterzüge aus anderen EU-Ländern, die auf deutschen Strecken verkehren, modernisiert werden.

Die Forderung der Mittelrheinanwohner, den Verkehr auf »siedlungsferne Strecken« zu verlagern, haben sich Tiefensee und Mehdorn bislang nicht zu Eigen gemacht. Zwar gibt es schon eine Neubaustrecke zwischen Köln und Frankfurt. Die ist jedoch für den schnellen ICE-Verkehr reserviert. » Die Strecke ist viel zu steil für Güterzüge«, sagt Hans-Georg Zimmermann, Sprecher der DB Netz AG in Frankfurt am Main.

Trotzdem fordert Willi Pusch, die Hochgeschwindigkeitstrasse zumindest nachts für Güterzüge zu öffnen. » Das ist durchaus möglich. Die Züge müssten allerdings kürzer sein und langsamer fahren, um die Steigungen hochzukommen.«

Wirkliche Abhilfe schüfe wohl nur der Neubau einer Entlastungsstrecke für den Cargoverkehr. Doch die erscheint aus finanziellen wie ökologischen Gründen unrealistisch. » Wir versuchen, das mit Humor zu nehmen«, sagt Heribert Werr, Bürgermeister des Städtchens Kaub. » Wir raten unseren Gästen, einfach einen Schoppen mehr zu trinken, um besser schlafen zu können.«

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.11
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