BERLINER BÜHNE Reiner Kohlenstoff

Zu den Ausdrücken, ohne deren Gebrauch der politische Betrieb stillstehen würde, gehört: »reine Spekulation«. Gerüchte, die SPD hege die Absicht, Olaf Scholz zum Justizminister und Frau Zypries zur Verfassungsrichterin zu machen, konterte die Justizministerin eiskalt mit: »reine Spekulation«, obwohl sie damit doch eher etwas ganz Unreines in der Unterstellung brandmarken wollte. Ähnlich CDU-Fraktionschef Kauder zur Frage, ob er sich in Zukunft mannhaft und machtlüstern gegen die Kanzlerin stelle: »r. S.!« Seltsam, man würde ungern von »lupenreiner« Spekulation reden, weil das die Fantasterei geradezu zum Diamanten veredeln würde, der ja aus reinem Kohlenstoff besteht und sich in eine CO-Bombe verwandelt, wenn man ihn sprachlich unsachgemäß aufspaltet.

Die brillanten, lupenreinen Spekulationen um Zypries, Scholz und Kauder platzten also diese Woche mit einem hörbaren Plopp. Übrig blieb naturgemäß eine Menge CO. Weswegen wir jetzt den Ausdruck »der Ausstoß steigt« einführen möchten. Wie sieht eigentlich Kurt Becks CO-Bilanz der vergangenen Woche aus? Aufstehen: 36g - sich nicht rasieren: 0g - mit der Dienstlimo ins Willy-Brandt-Haus: na ja, 378g - mit dem Michael Naumann telefonieren und die Hamburger Sache klären: 559g - das Sachverständigengutachten zur Staatsverschuldung lesen: 64g - mit Olaf Scholz eine Bionade trinken und vorher die Bubbel rausschütteln: 134g - mit dem Michael Naumann über den Solidarpakt reden: 1553g, und so fort.

Eine entsprechende Bilanz könnte man auch für Volker Kauder erstellen, aber sie fiele einfacher aus. Die SMS der Kanzlerin lesen: 2894g, das aber mehrmals täglich. Man sieht: Der Ausstoß steigt, laufend und besorgniserregend. Das gibt dem klimabewussten Bürger zu denken.

Freimütig räumen wir ein, dass diese Zahlen einer einigermaßen unreinen Spekulation entspringen, aber die politische Tendenz stimmt.

Und wenn Kurt Beck und Volker Kauder diese Zeilen lesen, werden wieder ein paar Gramm CO freigesetzt, leider, aber unvermeidlich. Ohne Kohlenstoffausstoß ist die Wahrheit nicht zu haben.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.5
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