Niederlande Maß für Maas
Rotterdam ist weltberühmt für seine modernen Bauten. Ein Zug um die Häuser.
An der Spitze des Rotterdamer Wilhelminapiers sind einige Koffer liegen geblieben, auch Seesäcke und ein paar notdürftig verschnürte Kisten mit wer weiß was für Siebensachen. Sie lagern in einem großen, offenen Kreisrund aus groben Regalbrettern, unter freiem Himmel, tagaus, tagein seit gut fünf Jahren, während wenige Meter weiter das Wasser der Maas langsam dem Meer entgegenplätschert. Das Lost Luggage Depot ist eine Installation des kanadischen Künstlers Jeff Wall. Die Koffer sind aus Eisen, die Regalbretter auch. Das Werk erinnert an die Hunderttausenden Passagiere, die von diesem Pier aus mit einem Schiff der Holland-Amerika-Linie (HAL) in die neue Welt und meist auch in ein neues Leben aufgebrochen sind. Hinter Walls Kunstwerk steht das ehemalige Hauptgebäude der HAL, ein backsteinerner Gründerzeitbau mit zwei kupferdachgrünen Uhrentürmen. Im Erdgeschoss befand sich einmal eine Wartehalle für Einwanderer. Heute legen an diesem Ende des Piers nur noch kleine Wassertaxis an. Auch in anderer Hinsicht hat das alte HAL-Haus an Bedeutung verloren. Direkt hinter ihm ragen nun zwei Wolkenkratzer in den Rotterdamer Himmel. Linker Hand Norman Fosters World Port Centre aus dem Jahr 2001, Sitz der Hafenverwaltung, ein halb gerundeter Bau, der wirkt wie eine hoch aufgeschossene Kommandobrücke. Rechter Hand wurde vor einem Jahr Mecanoos Apartmenthaus Montevideo eingeweiht, dessen ineinandergeschobene Fassadenteile viel rötlichen Backstein zeigen, ein Material, das Hollands Grachtenhäuser mit New Yorks frühen Wolkenkratzern verbindet. Wer das Ensemble vom anderen Maasufer aus betrachtet, kann den Eindruck bekommen, das kompakte HAL-Gebäude sei ein kräftiger kleiner Hafenschlepper, der zwei aufgetakelte Ozeanriesen im Schlepptau führt.
Rotterdamer lieben es, vor großen Glasflächen zu essen und zu trinken
Tatsächlich führen natürlich die Neubauten. Das einstige Hafengebiet am Südufer der Maas, Kop van Zuid, Kopf des Südens, genannt, hat in den letzten Jahren seinen schlechten Leumund wegen Armut und Verwahrlosung abgelegt und wird jetzt manchmal sogar »das Manhattan an der Maas« genannt. Direkt aus Manhattan, nämlich von der New York Times, bekam die Stadt außerdem vor zwei Jahren folgenden großen Satz geschenkt: »Rotterdam wird für die Architektur mehr und mehr zu dem, was Paris für die Mode und Los Angeles für das Entertainment ist.« Dieser Satz machte die Stadtplaner sehr glücklich und brachte die Marketingplaner auf eine Idee. Aus der Idee ist inzwischen eine Kampagne geworden: Im Rahmen von Rotterdam 2007 – City of Architecture finden dieses Jahr mehrere Ausstellungen, spektakuläre Einzelaktionen und eine Architekturbiennale statt.
Emma Langstraat kommt gut eingepackt zum Ortstermin, mit Wollmütze, warmen Mantel und Lederhandschuhen. Die Temperatur geht gegen null, der Himmel ist schiefergrau. Kein ideales Wetter zum Radfahren. Aber ein Fahrrad ist nun mal das beste Verkehrsmittel für eine Tour d’Horizon durch die neuen Rotterdamer Renommierviertel. Langstraat, um die 50 und ebenso zierlich wie zäh, gehört zu den Archi-Guides, einer neuen Gruppe von Stadtführern mit Spezialwissen. Sie will die Stadt nicht bloß schönreden. Gleich zu Beginn der Tour mokiert sie sich über das einfallslose Neorenaissance-Rathaus von 1920 und provoziert dann, fein lächelnd und mit Seitenblick auf die bunt gemischte Sechziger-Jahre-Bebauung gegenüber, einen etwas unfairen Vergleich: »Wenn Sie jetzt zum Beispiel an Paris denken, an die Champs-Élysées…« Nie wären wir von selbst darauf gekommen.
Nach dem verheerenden Bombenangriff der Deutschen am 14. Mai 1940 lag fast die gesamte Innenstadt in Schutt und Asche. Rotterdam war zu einem radikalen Neuanfang gezwungen, also stürzte sich die Stadt in die Moderne, eröffnete 1953 Europas erste Fußgängerzonen-Shopping-Mall, ließ reichlich Hochhäuser bauen und finanzierte manches Experiment.
»Seit ein paar Jahren hat sich die Atmosphäre geändert«, sagt Emma Langstraat. »Wir haben begonnen, unsere Stadt wirklich zu genießen.« Offenbar nehmen die Menschen endlich Tuchfühlung auf zum zeitgenössischen Zentrum. Die Mehrzahl der Rotterdamer will zwar noch immer draußen im Grünen wohnen, doch die Gruppe der leidenschaftlichen Innenstädter wächst. Manche von ihnen konnten sich ein Apartment im Montevideo leisten, andere werden vielleicht in einen der nächsten Wohntürme wie The Red Apple oder Hofdame ziehen, mit denen die City nachträglich verdichtet wird, um der Urbanität noch weiter auf die Sprünge zu helfen. Schon jetzt ist die Skyline beachtlich.
Seit zehn Jahren verbindet Ben van Berkels Erasmusbrücke Rotterdams altes Zentrum mit dem Wilhelminapier. Die Brücke, die wegen ihres formschön geknickten weißen Pylonen auch »der Schwan« genannt wird, war der erste Symbolbau für die Neueroberung des Südens. Mit dem Fahrrad ist man nach zwei Minuten auf der anderen Seite. Der Wind bläst in den Speichen, während wir Renzo Pianos keilförmiges Telekomhochhaus passieren, dessen tausend grüne Leuchtfelder nachts Figuren und Ornamente abstrahlen. Vor dem Luxor, Peter Wilsons in sattrote Metallpaneele gekleidetem Theaterbau von 2001, biegen wir rechts ab auf den Wilhelminapier. Noch gibt es dort viele leere Parkplatzflächen, weil die neuen Bauten von Álvaro Siza und Rem Koolhaas, Rotterdams größtem Weltstar, auf sich warten lassen. Trotzdem spürt man zwischen der neuen gezackten Skyline und den betagten Speichergebäuden schon viel von der künftigen Anziehungskraft des gesamten Viertels.
Zurück geht es über die ältere Willemsbrücke und dann, auch der klammen Hände wegen, schnell dem Dudok entgegen, einer Brasserie, die sich in der verglasten Haupthalle eines ehemaligen Versicherungsgebäudes aus den vierziger Jahren niedergelassen hat. »In Amsterdam wird Kupfer poliert, in Rotterdam werden Fenster geputzt«, lautet eine der Formeln aus dem Set der unvermeidlichen Städtevergleiche. Tatsächlich lieben es die Rotterdamer, vor riesigen Glasflächen zu essen und zu trinken – am besten in Mecanoos Restaurant-Pavillon Blits, dessen gewellte Panorama-Fensterwand sich fast über die Maas beugt. Aber auch im Museumspark weitab des Flusses verzichtet kein Haus, weder Rem Koolhaas’ Kunsthalle noch das Niederländische Architekturinstitut von Jo Coenen oder das Kunstmuseum Boijmans Van Beuningen, auf ein mehrseitig verglastes Café, in dem man gemütlich aufs Wetter pfeifen und doch den Kontakt zur städtischen Umgebung halten kann.
Später im Jahr geht’s gerne auch raus auf die Terrasse. Am Rande des Museumsparks finden wir Unterschlupf in einer Museumswohnung, die man nur mit grauen Stoffsäckchen über den Schuhen betreten darf. Darin schlurft man lautlos, höchstens mit einem Audio-Guide ausgestattet, durch die sauber rekonstruierten Räume der Villa Sonneveld. Der gleichnamige Firmendirektor zog hier 1933 mit Frau, Töchtern und Hausangestellten ein und ließ sich die Wohnung vom Architektenteam Brinkman & Van der Vlugt betont modern einrichten. Viel Chrom, nüchterne Formen, praktische Einbauten. Und, damit es nicht zu klinisch-steril wurde: Farbe satt. Orange gepolsterte Freischwinger im Wohnzimmer, ein hellgrünes Ehebett vor platin schimmernden Wänden im Schlafzimmer, ein senfgelber Teppich in Kombination mit blauen Vorhängen und roter Anrichte im Esszimmer. Dazu viel Hightech von damals: Sonneveld ließ ein zentrales Soundsystem installieren, zwei parallele Telefonnetze für die Seinen und für die Angestellten sowie einen Aufzug fürs Kaminholz. Unwillkürlich stellt man sich die Frage, ob das Leben der Sonnevelds damals schon so modern sein konnte wie die Einrichtung.
Rotterdam hat noch eine zweite Museumswohnung. Die ist allerdings erst 22 Jahre alt. Sie gehört zu einem berühmt-berüchtigten Experiment am Rande der Blaak, jenes Platzes, an dem die Stadt vor knapp 800 Jahren gegründet wurde. Es handelt sich um 38 Wohnungen, die jede für sich in einem schlichten Würfel Platz haben. Nur stehen die Wände der Würfel nicht gerade, sondern sind um 45 Grad gekippt. Eine Würfelspitze ragt nach oben, während die unteren Enden der Häuser in quadratischen Stelen stecken. Aus denen ragen die Wohnkuben, dicht an dicht, wie geometrische Baumkronen hervor. Dieser Kubuswald ist zugleich eine Straßenüberbauung und dient als Brücke von der Blaak hinab zum alten Hafen. Die Rotterdamer allerdings bevorzugen den Weg zu ebener Erde. Piet Bloms Würfelkolonie, Mitte der achtziger Jahre nach Plänen aus den Siebzigern gebaut, kommt ihnen noch immer vor wie eine merkwürdige Extravaganz.
Zu Füßen der Kubuswohnungen liegen kleinne, gepflasterte Plätze. Die Läden inmitten der Passage scheinen auf Laufkundschaft nicht zählen zu können. Das Einzige, was sich hier bewegt, sind ein paar wetterresistente Topfpflanzen im Wind. Der Kijk-Kubus , die Museumswohnung, ist zurzeit nur am Wochenende zu besichtigen. Also gilt es, anderswo anzuklopfen.
Jens Halm hat erst vor drei Jahren eine der Kubuswohnungen gekauft. »Normalerweise würde jemand wie ich wohl einen renovierten Altbau außerhalb des Zentrums suchen«, sagt er. »Aber ich wollte etwas Moderneres.« Wenn der junge Assistenzarzt Bekannten gegenüber seine Adresse erwähnt, sind die immer wieder erstaunt. »Ich wusste gar nicht, dass man da auch normal wohnen kann.« Man kann. Nur mit manchen Möbeln gibt es Schwierigkeiten, weil die geraden Wände fehlen. Halm musste zwei große Lautsprecherboxen ausrangieren, weil sie überall im Weg waren. »Wer den Raum optimal nutzen will, muss einen Schiffszimmerer kommen lassen«, sagt er. Denn in der unteren, der »sozialen« Etage, wo Küche und Wohnzimmer ineinander übergehen, fliehen die Wände nach außen wie im Unterdeck einer Jacht. Darüber, in der Schlaf- und Arbeitszone, streben sie wieder nach innen. Von der Küchenzeile blickt man durch die Fenster wie aus einem Kontrolltower der Truman Show auf die Straße hinab. Im Schlafzimmer dagegen fühlt man sich wie in einem befestigten Tipi und freut sich über den Durchblick gen Himmel. »Ich weiß selbst immer noch nicht, ob ich’s schön finden soll«, sagt Halm. Doch er liebt die seltsame Abgeschiedenheit mitten in der Stadt. »Niemand kreuzt über unsere Brücke. Hier oben lebt man wie auf dem Dorf. Alle Kubusbewohner grüßen einander. Und alle sind neugierig, wie sich wohl der Nachbar eingerichtet hat.«
In einigen von Piet Bloms Kuben eröffnet bald ein 52-Zimmer-Hostel
Dieses Glück im Winkel war es womöglich, was der Architekt Piet Blom im Auge hatte. Die Bewohner können es voraussichtlich noch ein Jahr lang genießen. Dann eröffnet das niederländische Herbergsnetzwerk Stayokay ein 52-Zimmer-Hostel in einigen Kuben. Der gesamten Anlage steht ein Revival bevor, während auf der anderen Seite der Blaak gerade die nächste Wohnbrücke in Angriff genommen wird. Über den alten Markt soll sich bald ein spektakuläres neues Hallendach mit eingelassenen Apartments wölben – das erste lokale Großprojekt der Rotterdamer Stars von MVRDV. Rem Koolhaas, der zweite Global Player der Stadt, wartet derweil noch immer darauf, endlich mit dem Bau seines Hochhauskomplexes De Rotterdam am Wilhelminapier beginnen zu können. Die Vorverkäufe für das Ensemble aus acht neben- und übereinander arrangierten Großklötzen, fast eine Skyline für sich, laufen schleppend.
Die meisten Rotterdamer besuchen Kop van Zuid noch immer wie Touristen von außerhalb. Vor allem ziehen sie, wie früher die Auswanderer, dem alten HAL-Hauptquartier entgegen. Die einstige Wartehalle wird seit knapp 15 Jahren mit großem Erfolg als Restaurant und Café betrieben, die zwei Stockwerke darüber als Hotel. Zwischen maritimer Deko und einem großartigen Ausblick kann man sich nun wahlweise ins Gewusel von gestern oder ins Geklotze von morgen hineinträumen.
INFORMATION
Anreise:
Mit VLM Airlines (
www.flyvlm.com
) ab Hamburg direkt nach Rotterdam oder mit KLM nach Amsterdam und weiter mit dem Zug
Unterkunft:
Hotel New York, Koninginnenhoofd 1, Tel. 0031-10/4390500,
www.hotelnewyork.nl
. Am Ende des Wilhelminapiers, im ehemaligen Hauptgebäude der Holland-Amerika-Line, mit Blick auf Maas und Rotterdamer Skyline. DZ 105–190 Euro
Hotel Stroom, Lloydstraat 1, Tel. 0031-10/2214060,
www.stroomrotterdam.nl
. Neues und schickes Design-Hotel, hineingebaut in ein ehemaliges Elektrizitätswerk im Medienviertel, dem Lloyds-quartier. DZ ab 145 Euro
Hotel Bazar, Witte de Withstraat 16, Tel. 0031-10/ 2065151,
www.hotelbazar.nl
. Ein Multikulti-Haus mit Zimmern im Asien-, Afrika- oder Latinolook, auf der angesagten Witte de Withstraat. DZ 75–120 Euro
Essen:
Blits, Boompjes 701, Tel. 0031-10/2829051,
www.blits-rotterdam.nl
. Zeitgenössische Küche in einem Glaspavillon des Architekturstudios Mecanoo, mit Terrasse und Panoramablick über die Maas
Toko 94, Witte de Withstraat 94b, Tel. 0031-10/ 2400479,
www.toko94.nl
. Postkoloniale Fusions-küche mit Lounge-Ambiente
Proef, Mariniersweg 259, Tel. 0031-10/2807297,
www.proefrotterdam.nl
. Ein bezauberndes kleines Frühstücks-, Snack- und Teecafé
Architektur:
Das komplette Programm von »Rotterdam 2007 – City of Architecture« findet sich auf
www.rotterdam2007.nl
Die ArchiGuides (Conradstraat 6, Tel. 0031-10/ 4652228) bieten vor allem Gruppentouren an
Der »Kijk-Kubus« (
www.kubuswoning.nl
), Overblaak 70, ist bis auf Januar/Februar täglich von 11 bis 17 Uhr zu besichtigen
Die Spezialstadtpläne »The New Maas Map« (ein Euro) und »Sculptured City« sind zu erhalten etwa im Rotterdam Store, Coolsingel 5
Auskunft:
Niederländisches Büro für Tourismus & Convention (NBTC), Tel. 01805-343322,
www.niederlande.de
,
www.vvv.rotterdam.nl
- Datum 28.01.2009 - 13:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
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Da eröffnet die ZEIT den Reiseteil mit einem starken Contra Flugreise (und einem schwachen Pro), und was ist der Reiseweg-Tip:
'Mit VLM Airlines ab Hamburg direkt nach Rotterdam'
Aber das kann man noch toppen:
' oder mit KLM nach Amsterdam _und weiter mit dem Zug_'.
Für die auf der Strecke HH-R-HH ungefähr eingesparten 8 Stunden (H&R) zahlt man mind. 350 EUR mehr, von dem man locker einen Tag anhängen kann. Von der Umweltbelastung rede ich mal gar nicht...
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