EIN RENTNER SIEHT ROT Schont unsere Nerven
Es heißt, der Deutschen liebstes Kind sei das Auto. Wir widersprechen da nicht. Auch uns Älteren ist es ans Herz gewachsen. Seit 50 Jahren oder länger hängen wir an ihm, kutschieren es und geben den Lappen (unserer ist noch grau) erst mit dem Löffel ab.
Nun die Jahre haben uns reifer und auch weiser gemacht. Und die Autobahnen dichter. Das Fahren auf ihnen kann für uns zu einer die Nerven strapazierenden Angelegenheit werden. Ich höre schon: Dann verschrottet doch eure Kisten, und begebt euch in die Obhut des Herrn Mehdorn. Nee, so nicht! Früh genug werden manche von uns auf ein Rollwägelchen angewiesen sein oder gar auf einen Rollstuhl. Bis dahin gibt uns das Kraftmobil die Freiheit zu fahren, wann und wohin immer wir wollen, unabhängig von zugigen Bahnhöfen und umständlicher Umsteigerei. Schließlich, wer rollt unsere Koffer und trägt unsere Taschen treppauf und treppab? Überdies machen elektronische Erfindungen wie Navigationssysteme und Einparkhilfen das Autofahren für uns mehr und mehr zu einem Kinderspiel.
Allerdings nicht auf den Autobahnen. Da blockieren Laster den Verkehr, weil sie sich minuten- und kilometerlang überholen, da scheuchen Raser jeden, der ihnen nicht schnell genug Platz macht. Alles drängelt sich auf der linken Fahrspur. Derzeit ist dauernd davon die Rede, Älteren zuvorkommend zu begegnen, ihnen ihr schweres Leben so leicht wie möglich zu machen, ihre Umwelt möglichst barrierefrei zu gestalten.
Also bitte! Wir verlangen nicht, die Leitplanken wegzuräumen. Wir verlangen ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde auf den Autobahnen. Wir verlangen ein striktes Überholverbot für Laster. Das wäre altersfreundlich. Aber nicht nur das. Es wäre ganz schlicht menschenfreundlich, und, nicht zuletzt, es würde die Umwelt schonen.
»Fahrt langsamer«, forderte jüngst die Bundeskanzlerin und dachte dabei an die drohende Klimakatastrophe. Wenn sie dann noch die Freundlichkeit besäße und an uns Ältere und unser Wohlbefinden dächte, müsste sie schleunigst ein generelles Tempolimit durchsetzen.
Die Franzosen exerzieren uns vor, wie es geht. Auf ihren Autobahnen gilt Tempo 130. Dort ist das Fahren für Jung und Alt ein Nerven schonendes Vergnügen.
Haug von Kuenheim ist 72. Nach 40 Jahren bei der ZEIT unter anderem als Leiter des Modernen Lebens und stellvertretender Chefredakteur privatisiert er heute
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.68
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