Siebeck Ein Glas, und weg!

Wolfram Siebeck beendet seine Tour durch Berlin – und zweifelt am Glamour der Hauptstadt. Warum verlassen alle so schnell die Partys? Weil es nichts Gutes zu essen gibt

Berlin ist dabei, sich eine Identität zuzulegen. Identitäten, man weiß es, sind die Kinder gängiger Vorurteile. Das Vorurteil, das wir, die Nichtberliner, gegenüber Berlin haben, heißt Glamour. Wir halten Berlin für glamourös. Ein verzeihlicher Irrtum, wenn es denn ein Irrtum ist.

Wie kommt ein Provinzler dazu, Berlin für glamourös zu halten? Weil wir über Berlin nur etwas erfahren, wenn dort gefeiert wird. Gefeiert wird in Berlin immerzu. Berlin ist unsere Partyhauptstadt.

Als Höhepunkt einer Party gilt das, was es dabei zu essen gibt. Jedenfalls ist das so in München und auch in Böblingen. Berlin allerdings hat ein Problem: Es ist nicht nur glamourös, sondern auch preußisch bis auf die Knochen. Wie das zusammengeht, kann niemand erklären. Jedenfalls gibt es in Berlin nichts zu essen, wofür es sich lohnte, vorher eine Stunde lang mit einem Glas Prosecco in der Hand herumzustehen. Man erkennt das daran, dass alle Welt kurz vor Ende der Party davonstürzt, um im Borchardt etwas zu essen oder in der Paris-Bar oder wo man sonst längst hätte sitzen können.

Man geht zum Beispiel in den Bieberbau. Das ist kein gastronomisches Anhängsel des Berliner Zoos, sondern ein Haus in Wilmersdorf, das vor langer Zeit von einem Stukkateur namens Bieber bis unter die geschwärzten Gipsbalken mit Stuck verziert wurde: originell und bewahrenswert. Originell ist auch die Küche. Man darf den Begriff nicht zu leicht nehmen. Hier, in der Durlacher Straße, sind junge Leute am Werk, die wissen, wo der unpopuläre Avantgardismus beginnt. Also keine Schäumchen und Sorbets aus Senf. Dafür ist die Stimmung zu bürgerlich. Die erträgt gerade mal das falsche Feng-Shui, das vom Eingang eine Schneise bis zur Damentoilette schlägt.

Zwei überaus freundliche Damen verteilen Speisen- und Weinverzeichnisse und sorgen für eine erste, freudige Überraschung. Man kann aus zwei Menüs wählen und zahlt pro Gang nicht mehr als 10 Euro. Die Weine sind ebenfalls maßvoll kalkuliert und mit Sachverstand zusammengestellt (Riesling, halbtrocken, von Geltz-Zilliken, 35 Euro).

Am eindrucksvollsten fand ich den ersten Gang eines der beiden Menüs. Da lagen auf dem Teller ein Stück warmer Schweinebauch auf Gemüse, ein Stück Räucheraal auf Salat und eine weitere Salatvariation mit etwas Zunge – sauber, klar und überzeugend gewürzt. Die gleiche Zufriedenheit stellte sich bei einer Topinambursuppe ein, welche mit intensiven Trüffeln verfeinert war. Dagegen konnte eine mit Blutwurst gefüllte Teigstange Teil des Stucks sein.

Insgesamt ein ehrgeiziger Kleinbetrieb, in seiner Kategorie überdurchschnittlich.

Bieberbau,
Wilmersdorf, Durlacher Straße 15, Tel. 030/8532390, mittags, So. und Mo. geschlossen

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    • Quelle DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12
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    • Schlagworte Wolfram Siebeck | Euro | Berlin | München
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