DISKOTHEK WILLEMSEN HÖRT Sonnys Lächeln

Haltung bitte, es wird rührend: Sonny Rollins ist mit Lucille Rollins 47 Jahre verheiratet, als sie im November 2004 stirbt. Sein nächstes, eben erschienenes Album, nennt er nach einer Mahnung seiner Frau Sonny Please, zu Deutsch: »Nu reiß dich zusammen«. Das hat er getan. Aber hörbar sind die Tränen auch, wenn sie nach innen laufen.

Ach, Sonny Rollins, der 76-jährige Legendäre, ein Unergründlicher des Jazz, begann an der Seite von Bud Powell, produzierte Platten mit Miles und Monk, nahm sich zweimal für drei Jahre Auszeit, wusste nicht, ob er aus der Hinterwelt zurückkommen würde. Doch dann war er zurück, er, der gegen die sportliche Virtuosität der Charlie-Parker-Adepten Blues-Rhythmik, später Hardbop-Energie gesetzt hatte, ein Melancholiker auf dem Tenorsaxofon mit der Fähigkeit, unfertig zu bleiben. Er war wieder da, ein Purist, ein Radikaler, immer noch suchend.

Sein letztes Studioalbum, This is What I Do (2000), durchströmte der Glanz später Heiterkeit. Ein herrliches Album, auf dem Rollins eine unübliche Liebe zur Melodie, zum stofflichen Reiz seines Materials offenbarte, die Haltung eines Weisen, der nichts mehr beweisen muss und jetzt den sinnlichen Charme seines Spieles entfaltet, den er früher vernachlässigte. Man konnte auf diesem Album alles finden, Ohrwurm, Blues, Calypso, Standard, Gospelklang. Vor allem aber begegnete man hier einem Geist, der nicht in Coolness erstarrt, weil er es hinter sich hat, sondern der all sein Wissen und seine Klarheit in eine Musik legt, die beteiligt ist und manchmal geradezu geläutert schlicht.

Auf Sonny Please hat sich dieser Ausdruck vertieft, aber er klingt wund, aufgeraut. Viel hat Sonny Rollins zu sagen, nichts Dekoratives, Verspieltes ist dabei, nichts lenkt ab, keine Reprise wird zu Tode geritten, der Weg zum Ohr sucht die direkte Linie, und die Begleiter öffnen Räume, in die das Saxofon mit immer neuen Impulsen einfällt.

This Is What I Do und Sonny Please ermöglichen Begegnungen mit seltener Größe. Das Lächeln des Tenoristen, das er dem einen, die Melancholie und Ergebenheit, die er dem anderen Album mitgegeben hat, vermitteln sich als Glück angesichts der Tatsache, dass Erfahrung zuletzt so klingen kann. Selbst Eminenzen der Musik gelingen nicht leicht zwei Alben von solcher späten Schönheit.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 15.03.2007, S.54
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