Die Autoren Gerd Grözinger, Michael Maschke und Claus Offe haben ein gutes Buch geschrieben. Es greift die Frage nach Gerechtigkeit und Chancengleichheit auf und wagt eine Antwort. Doch der Wert des Buches steht und fällt nicht mit dem konkreten Vorschlag. Es ist darüber hinaus wie wenige andere geeignet, die etwas schwerblütige Debatte um die Reform des Wohlfahrtsstaates wie überhaupt über die Perspektiven der gesellschaftlichen Entwicklung zu inspirieren. Worum geht es?

Die Autoren schlagen für jeden deutschen Staatsbürger, der wenigstens acht Jahre im Lande lebt, eine steuerfinanzierte »Sozialerbschaft« von 60000 Euro vor: ein Grundeinkommen oder Startkapital am Beginn des Erwachsenenlebens, das jedem unabhängig von seiner Herkunft eine gewisse Chancengleichheit garantieren soll. Es handelt sich nach dem Verständnis der Autoren dabei um den Ausdruck ökonomischer Bürgerrechte, um die Garantie der materiellen Voraussetzungen für den Gebrauch der Freiheit. Die Autoren sprechen von »Eigentums-Rechten für Bürger, die an Selbstbestimmung interessiert sind«. Sie begründen diesen Vorschlag normativ-grundsätzlich und pragmatisch anhand seiner positiven Folgen. Ein Startkapital am Anfang für Ausbildung oder Studium, Existenzgründung oder als Vorsorge sei vernünftiger als die nachträgliche Kompensation sozialer Schäden. Die Menschen sollen aktiviert werden durch die Gewährung ökonomischer Bürgerrechte und nicht durch den Entzug sozialer Leistungen. Die Autoren sehen in ihrem Vorschlag eine Alternative zu einer »öffentlich alimentierten Brachlegung von Arbeitskraft« und überhaupt das »Modell eines neuen Wohlfahrtsstaates«, das soziale und liberale Traditionen in sich vereine.

Es macht die Stärke des Buches aus, dass es nicht nur den Vorschlag vor dem Hintergrund der Entwicklung des Sozialstaates und seiner Werte recht konkret präsentiert, sondern dass es auch gleich eine intelligente Debatte darüber beginnt. Ralf Fücks von der Heinrich Böll Stiftung, die die Autoren gebeten hatte, einen ähnlichen Vorschlag aus den Vereinigten Staaten für die deutschen Verhältnisse zu adaptieren, arbeitet in einem eindrücklichen Essay noch einmal die grundsätzliche Dimension wie auch die aktuellen Konfliktlinien heraus. Nach »Wohlstand für alle« sei nun »Eigentum für alle« eine zeitgemäße Maxime, die Chancengerechtigkeit und Selbstverantwortung nicht gegeneinander ausspiele, sondern so aneinanderkopple, dass sie sich wechselseitig verstärken. Im Modell der Autoren sieht er außerdem die überlegene Alternative zu allen Formen eines gegenwärtig auch von Thüringens Ministerpräsident Althaus unterstützten bedingungslosen Grundeinkommens, das er als »lebenslängliche Alimentierung« ablehnt.

Gert G. Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung steuert zur Debatte eine theologische Begründung für die Teilhabegesellschaft bei, aber auch den grundsätzlichen Einwand: Können Staat und Gesellschaft gelassen zusehen, wenn die Sozialerbschaft verschleudert wird? Wolfgang Schröder und Rainer Weinert halten am Gedanken der Teilhabegesellschaft fest, wollen ihn aber anders, nämlich über einen »investiven und infrastrukturellen Sozialstaat« verwirklichen und demonstrieren so nebenbei, welch innovative Ideen aus dem Milieu der Gewerkschaften kommen könnten, wenn diese nur etwas mehr Mut und Offenheit zeigten.

Alles in allem bietet das profunde und gut lesbare Buch viele Anregungen für alle, die an einer produktiven Sozialstaatsdebatte interessiert sind. Zugang zu Kapital ist freilich nur die eine, Zugang zu Bildung die andere, noch wichtigere Voraussetzung dafür, dass möglichst viele möglichst viel aus ihrem Leben machen können.Warnfried Dettling

Gerd Grözinger/Michael Maschke/Claus Offe: Die Teilhabegesellschaft

Modell eines neuen Wohlfahrtsstaates - Campus, Frankfurt a. M./New York 2006 - 221 S., 19,90